Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 26 (1862)
- Issue
- Heft 31 (29.7.1862)
- Date
- 1862-07-29
- Page
- Seite 420 (sequence 2)
- Language
- German
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420 strebungen kann man keinen Unterschied zwischen Orthodoxen und Nichtorthodoxen bemerken, es ist Alles Allen gemeinsam, und die Ersteren stellten nirgends einen wirklichen Widerstand auf. Daß eine so ungeheure und wesenhafte Reform nicht ohne einen tiefgehenden Umschwung in der Geistesrichtung möglich sein und bleiben konnte, versteht sich von selbst, und erkannten wir schon in dem Aufgeben der altjüdischen abgeschlossenen und eigenthümlichen Geisteswelt gegen die allgemeine Volksbildung. Sie mußte sich aber auch in der Auffassung des ganzen Judenthums bethätigen. Betreten wir daher nun das Heiligthum des Judenthums selbst und suchen auch da die Thatsachen in objectivester Weise zu finden und festzustellen. Die auffallendste Veränderung kömmt uns hier von vorn herein in der geschichtlichen Auffassung des Judenthums entgegen. Jedermann weiß, daß den Juden der früheren Jahrhunderte, ohne Unterschied von Gelehrten und Volk, nichts ferner lag, als die Geschichtskenntniß ihres Stammes und Glaubens. Es ist dies eine eigenthümliche Erscheinung, daß gerade d e m Volke, welches vorzugsweise das geschichtliche genannt werden kann, weil es seine Geschichte von seinem ersten Ursprung an ausgezeichnet hat, seine Geschichte abhanden gekommen. Seit den historischen Schriften des Josephus haben wir kein einziges wahrhaft geschichtliches Werk aus jüdischer Feder, und die wenigen Versuche, die sich vereinzelt finden, sind nur schätzbares Material, aber vom Standpunkte der Geschichtsschreibung unbedeutend und ungenügend. Selbst der Theil unserer Geschichte, welcher in der heil. Schrift vorliegt, wurde durch die Midraschim, nachdem sie, die ursprünglich von ganz anderer Tendenz ausgingen, mit kindlicher Gläubigkeit aufgefaßt wurden, in geschichtlich gänzlicher Entstellung verstanden. In der That selbst waren mit geringer Ausnahme die jüdischen Gelehrten wie Kinder für die Kenntniß und Auffassung der Geschichte,,sie hatte für sie nicht den geringsten Werth, und daher war die Unwissenheit und Verwirrung darin ganz allgemein. Selbst Maimonides und Mendelssohn hatten für Geschichte des Jndenthums keinen Sinn. Wie ganz anders gestaltete sich dies in der neuesten Zeit. Mitten aus dem Schoße der Orthodoxie selbst ging die geistige Bewegung hervor, welche die Geschichte des jüdischen Glaubens und Stammes als eine unerläßliche Bedingung ihrer Existenz zum Inhalt hat, eine Bewegung, welche bald allgemein, tief in die Masse drang und selbst dem Religionsunterricht des Volkes zur eigentlichen Basis ward. Mit einem unermüdlichen Eifer ging man an die Bearbeitung der Geschichte des Judenthums und des jüdischen Volkes, sichtete man den ungeheuren Stoff von Notizen und Materialien, behandelte man die Specialitäten von größerer oder geringerer Bedeutung, componirte man das unermeßliche Material zur Darstellung der gesammten Geschichte, übte man die historische Kritik im Großen und Kleinen, und strebte man endlich aus der Kenntniß der Facten zum Verständniß des geschichtlichen Wesens, des großen Lebensganges, welchen' Judenthum und Juden durch die Jahrtausende gewandelt sind. Wir wissen, wie viel in allem Diesem noch zu thun ist und wie mangelhaft noch alle Arbeiten auf diesem Gebiete sind. Aber Niemand kann verkennen) daß Großes bereits darin geleistet, daß die Richtung auf -geschichtliche Forschung die jetzt vorwiegende auf dem Gebiete des Judenthums ist, die fast alle anderen Tendenzen zeitweise verdrängt hat, und daß sie die Auffassung des Jndenthums überall durchdrungen hat. Diese geschichtliche Tendenz hat aber auch eine tiefere Bedeutung und ist theils begleitet von einem neuen Momente im Bewußtsein des Judenthums, theils die Mutter desselben. Es ist dies das Bewußtsein der weltgeschichtlichen Mission des Jndenthums. Es wäre sehr irrthümlich und anmaßend, wenn wir diese Erkenntniß -an. sich der neueren Zeit im Judenthume allein zuschreiben wollten. Diese weltgeschichtliche Mission, nur in geringen Zügen, aber doch in solchen schon in der Thora angedeutet, hat ihren klaren, nachhaltigen, begeisterten und begeisternden Ausdruck zu sehr in den Propheten gefunden, als daß sie dem Judenthume jemals ganz verloren gehen konnte. Aber unter dem ungeheuren Drucke und in der völligen Abgeschlossenheit war dieses Bewußtsein einer menschengeschlechtlichen Aufgabe, einer weltgeschichtlichen Mission im Herzen der Juden erloschen. Sie fühlten sich zu sehr vereinsamt und zurückgestoßen, waren von der geschichtlichen Entwicklung der Menschheit zu sehr entfernt, um ihre Blicke über ihre eigenen engen Schranken hinaus zu werfen. Der Glaube an den persönlichen Messias, der das jüdische Volk nach Jerusalem zurückführen und zur größten Glückseligkeit bringen werde, und der Beruf jedes einzelnen Juden, ein treuer Ueber des Gesetzes zu sein, füllten die Seele Aller aus, und nichts darüber. Mit dem Eintritt in die allgemeine Welt und mit dem Erwachen der geschichtlichen Tendenz wandelte sich dies gänzlich um. Die Frage nach der Bedeutung des Judenthums inmitten aller histo-