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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1862-07-15 · Heft 29 (15.7.1862) · p. Seite 393

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
26 (1862)
Issue
Heft 29 (15.7.1862)
Date
1862-07-15
Page
Seite 393 (sequence 7)
Language
German
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angenommen haben, und durch den Einfluß der politischen Ereignisse ist dieses traurige Verhältniß bis zu einer Höhe gestiegen, das jeden für das Judenthum warm fühlenden Israeliten mit Indignation erfüllen muß. Unsere ungarischen jüdischen Patrioten haben die Behauptung aufgestellt, daß wir, so wie wir jetzt sind, nicht emancipationsfähig seien, wir müßten uns aMalgamiren. Um den Amalgamätionsproceß hervörzubringen, sind mannigfaltige chemische Köche aufgetreten, und zwar erstens sind eine Escädron Mahren und Böhmen mit der Fibel und den österreichischen Lesebüchern in der Hand herangerückt, um die ungarischen Barbaren zu civilisiren. Die Musterschulen mit'Fibel und Lesebuch sollen den Amalgamationsproceß zu Stande bringen. Ein zweiter Koch stellt das Theorem äüf: der Amalgamationsproceß kann nur dann ein vollständiger sein, wenn das deutsche Idiom aus dem Hause, der Schule und von der Kanzel verbannt und die ungarischen Juden keine andere Sprache als die ungarische verstünden. Mit Entrüstung gegen diese schmachvollen Tendenzen und Denunciationen tritt die jüdische Intelligenz auf und zeigt, daß der ungarische Jude an Intelligenz, Vaterlandsliebe und Nationalität seinen christlichen Brüdern in Nichts nachsteht, daß wir längst amalgamirt sind, nur daß unsere Feinde uns zersetzen und vernichten Wellen. Hingegen tritt aber unsere Iiaule-voläe auf und führt die Amalgamation schnell auf praktische Art herbei. Sie kaufen Häuser, Villahs, Gärten, Güter, sie ahmen den hohen Adel an Luxus und Prachtliebe nach, ja sie übertreffen ihn noch, ahmen den Csikos, den Kanüsz, den Csizmä-Macher, den Ször Szabo nach, nehmen ihre Sitten, Manieren, Gebräuche, Ton, Haltung und Sprache an; tragen Reichthümer zur Schau, sehen mit Stolz und Verachtung auf ihre armen Glaubensgenossen herab, schämen sich ihrer, ignoriren die Intelligenz, schämen sich ihrer Religion, suchen jedes jüdische Element, jüdisches Wissen, jüdischen Gemeinsinn, jüdisches religiöses Leben, jüdisches Bewußtsein abzustreifen, stimmen bei jeder Gelegenheit in den Chorus der Judenfeinde ein, freuen sich, wenn ihre Söhnchen und Töchterchen recht weidlich über Juden schimpfen.; Nun sind wir, rufen wir triumphirend aus, bis auf den leidigen Gesichtstypus amalgannrt und emancipirt. Unsere angestammten, anerkannten jüdischen Tugenden und Eigenthümlichkeiten habt Ihr abgestreift. Jüdisches Wissen habt Ihr keines, jüdische Tugenden sind Euch fremd, jüdische Eigenthümlichkeiten sind Euch ein Abscheu, jüdisches Bewußtsein ist Euch eine lächerliche Farce. Der jüdische Geist ist verflüchtigt, der jüdische Genius von Euch gewichen. Christen seid Ihr nicht, Juden seid Ihr nicht, Ihr seid Karrikaturen. Diese traurigen Bemerkungen mußte ich der Mittheilung folgenden Vorganges vorangehen lassen. Bei der politischen Stille in Ungarn ist gegenwärtig der Jude oft das Müssiggangs-, Tisch - und Verdruungsgespräch in vielen Kreisen. Eine solche Conversation fand auf einer Fahrt auf dem Dampfschiffe statt. Einige hervorragende Mitglieder zeihten den Juden des gröbsten Materialismus und Egoismus, selbst die jüdischen Aerzte, behaupten diese, treiben auch andere Geschäfte. Einstimmig wurde behauptet, die Juden in Ungarn haben keine Intelligenz, es ist daher schwer, sie in den ungarischen Staatsverband auszunehmen. Zwei anwesende jüdische Kaufleute von Pesth haben gegen diese Ausfälle nicht nur nicht ihr Veto eingelegt, sondern Einer dieser Herren hat sogar mit großer Zungenfertigkeit diesen Behauptungen seine- Zustimmung gegeben, und als Beweis für die Wahrheit seiner Angaben angeführt, daß er und alle reichen Pesther Juden ihre Kinder in keine Judenschulen schicken und er bei einem jüdischen Handwerker nie arbeiten ließe, indem die jüdischen Lehrer zu unwissend und unehrlich sind, um gut unterrichten und erziehen zu können, und die jüdischen Handwerker keine Geduld haben, ein Handwerk gründlich zu erlernen.— Da trat ein katholischer Priester hinzu und sagte: Meine Herren, wer sich selbst verachtet, verdient Verachtung. Es ist auffallend, daß die Juden sich selbst verachten und verfolgen. Ich habe Gelegenheit gehabt, die Juden in Ungarn kennen zu lernen und kann Ihnen im Interesse der Wahrheit die volle Versicherung geben, daß unterden ungarischen Israeliten — freilich nicht unter dem Handelsstande — eine sehr bedeutende Intelligenz zu finden ist, und daß die jüdischen Lehrer per Volksschulen einen weit höher» Bildungsgrad einnehmen und weit bessere Lehrer und Erzieher als die katholischen Lehrer sind. Dieses Zeugniß müssen den israelitischen Lehrern alle ungarischen katholischen Schulräthe.und Schuldirectoren geben; nur von ihren eigenen Glaubensgenossen werden sie gehaßt, verfolgt; dieser Haß und die Verachtung gegen die Intelligenz, das Streben, diese von sich auszuscheiden, ist ein Charakteristiken der Juden in Ungarn/ und ist ein weit größeres sociales Gebrechen an einer Nation, als der Mangel an Intelligenz. — Wenn ein katholischer Priester eine Lanze für den armen, bedauernswerthen israelitischen Lehrständ eingelegt, um so mehr muß ich mich als Jude dazu verpflichtet fühlen. Unsere jüdischen Lehrer über-

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