Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 26 (1862)
- Issue
- Heft 27 (1.7.1862)
- Date
- 1862-07-01
- Page
- Seite 360 (sequence 6)
- Language
- German
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an; weisen wir diese Gegner mit Entschiedenheit von uns. In den letzten Jahrzehenden wähnten die Atheisten und Materialisten, auch die Freigemeindler und Deutschkatholiken, daß sie sich aus . den Reihen der Juden ansehnlich recrutiren würden, daß der Jude, wenn er von der Cultur durchdrungen und bürgerlich gleichberechtigt geworden, die religiöse Ueberzeugung, die ihm seine Väter überliefert haben, fort und sich in ihre Arme werfen würde. Sie erkennen jetzt, daß sie sich geirrt, daß vielmehr der Jude mitten in der Civilisation die Fahne seines Bekenntnisses um so höher erhebt, je mehr er dies von den Schlacken des Mittelalters läutert und klärt. . Daher der bittere Verdruß. Deutlicher kann sich dieser nicht aussprechen, aber auch nicht mehr in seiner Verkehrtheit brandmarken, als es in einem Briefe geschieht, welchen ein gewisser W. Marr aus Hamburg in No. 61 des „Courier an der Weser", der in Bremen erscheint, losgelassen. Er will den Juden keine bürgerlichen Rechte zugestehen, so lange sie einen religiösen Verband bilden. Er sieht in diesem einen Staat im Staate. Freilich will Herr Marr auch keilst Kirche, und schlägt nur auf die Synagoge los, weil er an dieser sich eher rächen zu können glaubt. Confequenter Weise dürste er auch also denjenigen Christen die. bürgerlichen Rechte nicht gewähren, welche sich zu irgend einer Kirche hallen. Und sicher würde er dies auch thun, wenn er es vermöchte. Nur seine atheistischen Meinungsgenossen, die Männer des. sogenannten „freien. Menschenthums", die aber ihre anderweitige Knechtschaft der Materie gegenüber; nur um so freier documentiren, nur diese sollen nach seiner Meinung im Staate berechtigt sein. Herr Marr .erklärt, daß er, wenn er in einen Staat überträte, in welchem die Majorität einer andern Kirche angehört, nicht im Geringsten anstehen würde, sich dieser zuzugesellen, und verlangt nun von uns Juden, daß wir lauter Marrs seien. „Wenn ihr", ruft er zuletzt aus, „wasserscheu seid, so seid ihr orthodox, und mit orthodoxen Leuten habe ich nichts gemein."--- Nun gut, wir wollen mit Herrn Marr auch gar nichts gemein haben! Dazu zeigt er sich in seinem Briefe viel zu gemein. Wir wollen ihm nicht verargen, daß er Joseph und Mordechai beschimpft; wenn ihm Pharao und Haman besser gefallen, so liegt das in seiner Natur. Schade, daß er die dem Joseph vorgeworfene'Leibeigenschaft und die an Mordechai' getadelte Verteidigung gegen die mordlustigen Feinde auch in der Geschichte aller neueren Völker finden muß, und daß er, verurtheilt er darum die Inden, seinen Bann auch über alle neueren. Völker ausdehnen muß. Jndeß will Herr Marr auch originell sein, und wirft daher den Juden vor, daß sie ein „Mischlingstamm" seien, und die „Verkäuflichkeit, an den Meistbietenden" ihr Wesen ausmache. Bis jetzt hat die Welt geglaubt, daß es auf Erden .keinen Stamm gebe, der sich unvermischter erhalten,'und keinen, der Gut und Blut, Macht und Ansehen für seinen Glauben in größerem Maße und mit stärkerer Aufopferung hingegeben habe, und den Juden hieraus ein Verbrechen gemacht"— jetzt entdeckt Herr Marr, daß die Juden Mischlinge und verkäuflich seien, und bezüchtigt sie dieser Verbrechen. Nun, lassen wir Herrn Marr seine Originalität, und wenn wir Juden keine Gnade vor seinen Augen finden, so trösten wir uns darüber. — Jndeß haben wir Juden zu aller Zeit auch Derer genug unter uns gezählt, welche an unserer eigenen Sache treulos handelten und um sich bei Anderen einzuschmeicheln und. auf anderen Gebieten Vortheile zu erlangen, die Denuncianten spielten. In No. 19 d. Ztg. wurde von einem Oesterreicher die Mißhandlung eines gewissen Rosenthal, der bestohlen, bei dem Oberstuhlrichter Gerechtigkeit suchte, berichtet, wie er es aus dem Munde des Gemißhandelten selbst vernommen hatte. Es konnte sein, daß der Letztere eine Erdichtung vorgebracht; es konnte sein, daß mindestens eine Uebertreibung vorlag. In beiden Fällen hätten wir es Keinem verargt, sondern vielmehr Jedem Dank gewußt, wenn er den Bericht rectificirt hätte. Nichts von allem Diesem ist erfolgt, die Wahrheit des Berichtes in keinerlei Weise angegriffen worden. Dadurch ist die Richtigkeit der Thatsachen zugestanden. Was . geschah nun? In einem ungarischen Blättchen, „P<§csi Lapok“, wird die Allg. Ztg. d. Jud. sammt ihrem Correspondenten in maßlosester Weise angegriffen und geschmäht. Die Allg. Ztg. d. Jud. soll vom Beginne an der ungarischen Nationalität den Krieg erklärt, die letztere unter den Druck der Deutschen zu bringen geholfen, die ungarischen Israeliten gegen ihrechristlichen Mitbürger aufgehetzt haben; der Correspondent sei ein fremder Jude, der sich in Siklos eingenistet und die dortige Gemeinde tyrannisirt habe; die Allg. Ztg. d. Jud., welche ^„Allgemeinen Augsburgerin" gleichstehe, sei sammt ihrem Correspondenten mit Stumpf und Stiel auszutreiben rc. rc. Es wäre thöricht von uns, wenn wir den Ungarn gegenüber unsere Stellung zur Sprachenstage, denn von dieser kann allein die Rede sein, zum hundertsten Male auseinandersetzen wollten. Niemand ist so beschränkt, unsere An-