Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 26 (1862)
- Issue
- Heft 27 (1.7.1862)
- Date
- 1862-07-01
- Page
- Seite 357 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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357 oder Beerdigung bringen auf einen Augenblick die jüdische Sitte in das Haus zurück ■— in dem anderen Theile hält man die jüdische Sitte fest und zeigt darin eine größere oder geringere Energie und Entschiedenheit; aber wie viel derselben ist auch aus dem orthodoxesten Hause gewichen, welche Strenge muß das Familienhaupt der Jugend gegenüber dabei anwenden, wie viel geschieht mehr aus Rücksichten, als aus Ueberzeugung und innerem Drange, in wie seltenen Augenblicken macht sich mit der alten Sitte auch der alte Geist geltend, und wie steht doch hinter allem Diesem weit weniger die Liebe, die Anhänglichkeit, die Befriedigung von innen heraus, wie es die wahre Sitte erfordert, als vielmehr die Furcht, sich zu versündigen und die zu einer Consequenz gewordene Gewohnheit. Zwischen diesen beiden Gegensätzen liegt nun eine ungeheure Mannigfaltigkeit. In dem einen Hause werden die Speisegesetze noch streng, in dem anderen nur oberflächlich gehalten, und die einzelnen Mitglieder der Familie beachten sie außerhalb des Jahres gar nicht mehr; in dem einen Hause wird das Sabbathgesetz beachtet, aber das Geschäft geht seinen Gang, und es giebt nur noch wenige Orthodoxe, die sich nicht mindestens den am Sabbath gewonnenen Vortheil ihres Geschäftes, das sie an diesem Tage durch Nichtjuden , betreiben, gefallen lassen; in dem anderen beschrankt sich der Sabbath nur noch auf Freitag Abend; so auch betreffs der Feste, namentlich des Pessachs und in allen Regionen des Lebens. Allerdings sind wir auf diesem Felde schon auf das eigentliche Gebiet der Religion getreten, und wenn Wohnung, Kleidung und Sprache ganz äußerliche Momente sind, so konnte aus der Jdentificirung der Sitte und der Religion heraus die erstere nicht gewandelt werden, ohne auch der Religion aufs Aeußerste zu nahe zu treten und diese mit jener aus dem Leben immer mehr schwinden zu sehen. So zeigt denn auch in der Sitte, im Leben in und außer dem Hause, in und außer der Familie sich eine bis ins Innerste einschneidende Veränderung bei den Juden, welcher sich selbst die sogenannten Orthodoxen, d. h. Diejenigen, welche dieser durchaus nicht nachgeben wollen, sich weder entzogen haben, noch zu entziehen vermochten. In dem Leben der Völker macht sich eben nichts halb, oder nur theilweise. Das Individuum kann sagen: bis hierher und nicht weiter! und wenn es alle seine Kraft anwendet, kann es diese Grenzlinie festhalten. Aber,in der Masse der Menschen waltet ein innerer Drang, ein instinktives Princip, das sich nicht aufhalten läßt, und weder Jnconsequenz, noch Willkür kennt. Äst der erste Impuls, meist ganz unscheinbar, späterhin nicht mehr erkenntlich, durch den ,Gang der Ereignisse, durch das Zusammentreffen der Verhältnisse gegeben, so rollt die Entwickelung wie eine Kugel weiter, kann zeitweise und durch mächtige Geister in ihrem Laufe verlangsamt oder beschleunigt, aber niemals auf immer auf- und festgehalten werden. Wie wir von vornherein bemerkt haben, gilt es uns heute, die Thatsachen zu constatiren und zum Bewußtsein zu bringen. Wir sehen also schon in Wohnung, Kleidung, Sprache und Sitte, letztere selbst noch nicht von der religiösen Seite betrachtet, die gesammte jüdische Masse eine vollständige Umwandlung während des letzten Jahrhunderts durchmachen und hierbei lediglich der freiesten Bewegung ohne irgend einen Zwang, ohne eine gesetzliche Nöthigung folgen. Es ist dies eine totale Reform der Judenheit, an welcher Alle Theil nahmen, zu der Niemand Anleitung gab, die sich ganz von selbst machte, und doch eine vollständige ist. Welches Urtheil der Einzelne von seinem persönlichen Gesichtspunkte aus darüber fällt, ob er sie mit Freuden begrüßt, oder mit Thränen beweint, das thut zur Sache nichts: sie ist da, sie ist im großartigsten Maßstabe da. lFortsetzung folgt.) Aus England. Anfangs Mai. Der Uebertritt ftim Äudenthmne in England. n. Wir haben in einem früheren Artikel (No. 23) das vielen Lesern sicherlich befremdende Factum mitgetheilt, daß nach der Ansicht des Herrn Dr. Adler ein Uebertritt vom Christenthum, Mohamedanismus oder Heidenthume zum Iudenthume in England ein Staatsverbrechen sei, dabei aber die Vermuthung ausgesprochen, daß es mit dieser Ansicht des Herrn Ehief-Rabbi eine eigentümliche Bewandtniß haben müsse; wir schlossen dies damals nur aus dem Verfahren desselben mit Proselyten, ohne auf authentische Aeußerungen oder directe Kundgebungen zu fußen. . ' Wir sind nun in den Stand gesetzt, die letztere Art des Beweises ebenfalls vorzuführen und zwar in zwei Schriftstücken aus dem Bureau des Rabbinats mit Dr. Adler's Unterschrift und nur wenige Monate auseinanderliegend. Der Leser mag selbst urtheilen. Ein Israelit, der eine Christin civiliter geheirathet 27*