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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1862-07-01 · Heft 27 (1.7.1862) · p. Seite 356

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
26 (1862)
Issue
Heft 27 (1.7.1862)
Date
1862-07-01
Page
Seite 356 (sequence 2)
Language
German
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Judenviertel geöffnet, so konnten sie doch darin oder doch wenigstens da herum wohnen bleihen; vielmehr hatten, sie, indem sie sich in anderen Staditheilen ansiedelten, die^ Vodurtheile und Kälte der neuen Nachbarn zu scheuen und zu überwinden. Aber es dauerte nur kurze Zeit, und der Bienenstock, des Judenquartiers war von seinen, ursprünglichen Bewohnern größtenteils verlassen, und wir finden Städte, in deren ehemaligen Ghettis jetzt fast gar keine Juden mehr wohnen. Es ist dies allerdings ein nicht zu übersehender Charakterzug und je mehr Freiwilligkeit in dieser Bewegung liegt, desto wichtiger ist er. — Nicht minder haben die Juden — wir sprechen hier vorzugsweise von denen in Mittel- und Westeuropa — jede abzeichnende Kleidung von sich gethan, selbst die sich als orthodox bezeichnenden haben selbst am Srbbath beim Besuch des Gotteshauses jedes Charakteristikum in, den Kleidung' bis auf die Kopfbedeckung abgelegt, und. nur im Innersten der Synagoge wird der Gebetmantel um die Schultern gebreitet. Mag in Polen ein Ukas, in den Donauländbrn ein Ministerialrescript erflossen sein, um die Annahme der europäischen Kleidertracht Seitens der Juden herbeizüführen; in Mittel- und Westeuropa war diese eine freie Handlung der Juden, die ste ganz von selbst, aus freien Stücken vollführten, und zu der sie Seitens der Regierungen niemals gesetzlich angehalten worden. Sahen wir' doch in jüngster Zeit die Juden da, wo sich unter gewissen Völkerschaften eine tendenziöse Wiederaufnahme ältnationaler Trachten kundgab, sich eifrig dieser anschließen. Auch hierin wird der Besonnene einen psychologischen Zug finden, der um so mehr zu beachten ist, da er nicht etwa blos bei den Reichen und Gebildeten, sondern unbedingt in der ganzen jüdischen Masse sich: bethätigte. — Nicht minder gewahren wir eine ähnliche Richtung in der S p r a ch e. Tritt in dieser der eigentliche Sprachstoff als das wesentlichste Moment hervor, das in allen Dialecten und Mundarten dasselbe ist, so hatten doch die Juden einen besonderen Dialect überall sich gebildet, wenn er auch in den verschiedenen Landschaften sich sehr modificirte, und der durch die Annahme zahlreicher hebräischer Ausdrücke ein noch besonderer geworden, und endlich auch seine Literatur Hatte. Wird es nun einer Volksmasse bei Weitem schwerer^ einen Dialect als eine Kleidung los zu werden, so kann doch das entschiedene Bestreben der Juden auch hiernach nicht verkannt werden. In ihrer ungeheuren Mehrheit suchten und suchen die Juden den alten Dialect abzulegen; selbst die unterste Classe asflmilirt sich lieber dem provinziellen Volksdialect; aus der Jugend schwindet jetzt das sogenannte Judendeutsch immer mehr; die hebräischen Ausdrücke werden den Kindern ganz unbekannt, so . daß diesher.Lehrer des Hebräischen^ oft schmerzlich gewahr wird. Wenn.daher auch ein gewisser Timbre im Organ bei unfern Glaubensgenossen männlichen und weiblichen Geschlechts nicht verschwindet, und nur von Einzelnen mit Mühe überwunden wird, so kann män choch Pitz Besonderheit der Sprache nur noch in einem kleinen Bruchtheile bei den Juden finden. Ein noch bedeutsameres Capitel im Leben der jüdischen Masse bildet die Sitte. .Die jüdische Sitte hatte darin ihr unterscheidendes Merkmal von der anderer Völker, daß in ihr Volks- und religiöse Sitte sich identisicirte. Seitdem während des Bestandes des zweiten Tempels, das Streben vorgeherrscht, oas ganze Leben des Juden in allen seinen Theilen und Beziehungen religiös zu gestalten, und ebenso sehr, wie das vorhandene Gesetz in die Sitte, zu versenken, auch die Sitte zu einer religiösen Vorschrift zu machen und dies über das ganze Dasein des Juden auszudehnen, bis endlich sogar der Grundsatz aufgestellt ward, daß der localste Brauch einer Satzung der heiligen Schrift gleichsiehe — konnte das volkstümliche und das religiöse Moment in der jüdischen Sitte nicht mehr unterschieden werden. Gerade darum bezeichnet es einen Ungeheuern Umschwung, sobald dieser Unterschied im Bewußtsein des Volkes auftrat, die Sitte als religiöse Gefetzesvorfchrift geltend gemacht, ja sogar nur als solche noch geübt ward, und daher unter der Hand Alles, wofür nicht eine gesetzliche Vorschrift niedergeschrieben war, aus dem Leben verschwand. Hiermit hatte die Landessitte ihren Eingang in das jüdische Haus gefunden, und dies war um so folgenreicher, als an die Auffassung der religiösen Vorschrift als solcher sich bald die Frage knüpfen mußte, wie weit dies und dies eine v erp flicht ende Vorschrift sei? Die Kritik auf diesem Gebiete einmal zugelafsen, wurde das Gewissen vor dem Drange des Lebens, vor dem sich immer mehr vergrößernden Verkehr mit den Landesvölkern immer mehr erweitert, eine religiöse Vorschrift nach der andern als unwesentlich, als nur geschichtlich begründet u. s.w. u. s. w. fallen gelassen. Sehen wir uns daher jetzt in den Häusern der Juden um, so kann, mit welchem Auge wir es auch ansehen, die säst vollständige Umwandlung ber Sitte nicht verkannt werden. Wir gewahren hier zwei Gegensätze; in dem einen Th eile ist alle jüdische Sitte, sowohl als Sitte, als auch als religiöse Vorschrift verschwunden, und nur seltene Anklange, wie ein Synagogenbesuch am Jom-Kippur oder Beschneidung, Trauung

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