Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 26 (1862)
- Issue
- Heft 25 (17.6.1862)
- Date
- 1862-06-17
- Page
- Seite 327 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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327 der Gemeinde, wie es 1858 Herr Brunswick war; er steht auf dem Punkte, verlassen zu sein. Das Consistorium von Konstantinopel scheint ebenso isolirt zu sein, als der französische Lehrer. —" Diejenigen unserer Leser, welche das verflossene Iahrzehend in diesen Blättern aufmerksam verfolgten, werden sich erinnern, daß die Bestrebungen, den - Zustand unserer Glaubensgenossen im Orient zu verbessern, ihren ersten Impuls von uns erhielten. Außer unseren Bemühungen um die bürgerliche Gleichstellung als ein aus dem Krimkriege zu erzielendes Resultat, verbreiteten wir ein Memoir in deutscher, französischer und englischer Sprache, die Hebung der inneren Zustände bei unseren Glaubensgenossen betreffend, und machten zu diesem Zwecke mehrfache Reisen nach Paris, Straßburg, Brüssel, Hamburg n. a. O. Wir gingen dabei von der Ansicht aus, daß der allein richtige Weg hierbei sei, israelitische Knaben aus dem Orient in den verschiedenen Städten Europas erziehen zu lassen und sie dann als Sendlinge der Civilisation in die Heimath zurück zu schicken. Diese Zöglinge sollten nicht etwa blos wissenschaftlich unterrichtet, sondern zu Industriellen, Künstlern und Handwerkern ausgebildet werden. Gegen die Errichtung europäischer Schulen im Orient glaubten wir uns erklären zu.müssen, weil diese blos Treibhauspflanzen feien und bald wieder von dem Fanatismus und der Selbstsucht der dortigen Führer und Lehrer erstickt werden würden, überhaupt der kurze Schulunt^richt durchaus nicht genügen könnte. Wir hatten Anfangs uns eines günstigen. Erfolges zu erfreuen. Die Consistorien zu Paris und Brüssel, der Gemeindevorstand von Wien gaben uns schriftliche Zustimmungen und viele Privaten Zusicherungen. Bald aber traten sehr einflußreiche Männer, und welchen man eine genaue Kenntniß des Orients zutrauete, unserer Meinung und Bestrebung entgegen, erklärten sich für Gründung französischer Schulen im Oriente und führten , dies auch an einigen großen Plätzen durch. Der Erfolg liegt jetzt zu Tage. Wir bedauern diesen um so mehr, als sich gegenwärtig nicht mehr die Stimmung finden wird, um den von uns beabsichtigten Weg nunmehr einzüschlagen. Und doch kann das Schicksal unserer orientalischen Glaubensgenossen, nur um so trauriger werden, je weniger sie von der europäischen Cultur ergriffen werden, diese aber ihren Fuß immer kräftiger auf das Morgenland setzt. Gesetze, Regierungserlasse, Hatti's u. dgl. helfen da nichts, wo eine verkommene Masse den Stoff zu einer Bessergestaltung nicht hergiebt. Me Verhaudlullgen der Vertreter der israelitischen Cuttusgememden Böhmens. Es ist in d. Bl. von verschiedenem Standpunkte aus über die am 25. und 26. Marz o. zu Prag stattgefundene, von der Prager Gemeinde berufene Versammlung von Vertretern der israelitischen Cultusgemeinden Böhmens berichtet worden. ' Jetzt liegt uns der stenographische Bericht vor, und erlangen wir dadurch Einblick in die wirklichen Verhandlungen. Die Versammlung fand statt, um eine Cultusordnung der Israeliten (unter Cultusordnung verstand man eigentlich, eine Gemeindeordnung, so daß man besser „Cultusgemeindeordnung" gesagt hätte) Böhmens zu berathen. Zu diesem Zwecke hatte die.Prager Repräsentanz eine Commission ernannt, welche einen desfallsigen Entwurf der Versammlung vorlegte. Die Beschlüsse der Versammlung sollten die allgemeinen Grundsätze feststellen, welche ein von dieser gewähltes Comit6 im Detail verarbeiten sollte. Das Comitö sollte am 16. Mai c. zusammentreten, um dann jene Versammlung noch einmal zu berufen, deren Ergebniß dem nächsten böhmischen Landtage, von welchem man weiß, daß eine Cultusordnung der Israeliten Böhmens aus ihm. zur gesetzlichen Regelung kommen würde, als die Wünsche des israelitischen Böhmen vorgelegt werden soll. Die Versammlung war sehr zahlreich, fast alle namhafteren Gemeinden und sehr viele kleinere hatten sie beschickt. Was die äußere Haltung der Versammlung betrifft, so war sie durchaus parlamentarisch, macht den Vertretern jener Gemeinden alle Ehre und giebt das vortheilhafteste Zeugniß von der Bildung, welche unter den Israeliten Böhmens verbreitet. ist. Prästdirt wurde sie von dem wahrhaft verehrungswürdigen Präses der Prager Cultusgemeinde Herrn Ernst Weh l i als Ehrenpräsident, geleitet aber mit. großem Geschick und Takt vom Df. jur. uii*. Wiener, sowio Berichterstatter der Commission Di*. Raudnitz war. Hinsichtlich des Gehaltes und der Richtung ihrer Berathungen darf man in einer solchen Versammlung nie die Aeußerungen Einzelner, selbst wenn sie noch so sehr ein augenblickliches Bravo Hervorrufen, zum Maßstabe nehmen, als vielmehr die endgültigen Beschlüsse, auf welcbe wir daher hier auch das wesentlichste Gewicht legen. Wir stellen sie daher hier zusammen. §. 1. Jede Vereinigung von Israeliten, um ihre Cultusbedürfnisse nach allen Richtungen zu befriedigen, bildet eine Cultusgemeinde.' 25 *