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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1862-06-10 · Heft 24 (10.6.1862) · p. Seite 313

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
26 (1862)
Issue
Heft 24 (10.6.1862)
Date
1862-06-10
Page
Seite 313 (sequence 3)
Language
German
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813 scheuungswürdigen Wühlereien vorzubeugen. Jedermann weiß es, daß böse Gerüchte sich mit Blitzesschnelle verbreiten, während gute Nachrichten nur mit bleiernen Füßen vorwärts schreiten. So verhält es sich auch mit der obigen lügnerischen Erdichtung. Das Gerücht von der Ermordung des fraglichen Mädchens durchläuft nicht blos die ganze Stadt, sondern die ganze Umgegend, und bis die Leichtgläubigen sich von der Unwahrheit dieser Nachricht überzeugen, kann es sich leicht ereignen, daß das Volk irgend einen jüdischen Gastwirth in einem oder dem andern abseits liegenden Dorf seine Leichtgläubigkeit suhlen läßt. Es ist eine traurige Sache, daß das Volk solchen Erdichtungen Glauben schenkt, welche nichts Anderes bezwecken, als die verschiedenen Religionsgenossenschaften gegen einander auszureizen, und noch bedauerungswürdiger ist es, daß auch viele solche Individuen, bei denen man billiger Weise eine etwas größere Reife voraussetzen könnte, solchen Gerüchten Glauben schenken und dadurch einerseits ihre geistige Unmündigkeit verrathen, andererseits aber die Legislative beleidigen, vorausgesetzt, daß unsere Gesetze, sei es aus Unkenntniß, sei es aus Vorsatz, innerhalb der Grenzen ihrer Macht eine solche Religionsgenossenschaft dulden, welche durch das Hinfrachten unschuldiger christlicher Jungfrauen Gott ein wohlgefälliges Opfer zu bringen glaubt." — So weit die ungarischen Blätter. Es ist nicht schwer, die Quelle dieser Unbilden zu finden. Jeder, der uns kennt, weiß, daß wir weit entfernt sind, absichtlich eine Beschuldigung auszusprechen. Aber die Thatsachen sprechen zu laut. Alle Fälle , solcher Blutbeschuldigung sind immer wieder nur in katholischen Ländern vorgekommen; die katholische „Kirchenzeitung" in Wien war es und ist es welche diese Beschuldigung immer von Neuem vorbrachte und vorbringt, und sie als ein Kampfmittel gegen die Juden empfiehlt. Von da aus wird die Kenntniß der Beschuldigung unter das Volk gebracht; und somit hat jedes boshafte und heimtückische Individuum ein Mittel jn Händen, um Böses an den Juden zu üben, sich an ihnen zu rächen u. dgl. m. Wer hätte mehr Kraft und Gelegenheit, dem Volke jenen Wahn zu benehmen, die Wahrheit unter dem Volke zu verbreiten und jedes auftauchende Gerücht im Keime zu beseitigen, als der katholische Klerus? Aber haben wir davon gehört, daß gerade von dieser Seite etwas geschehen sei oder geschehe? Wie weit es die Pflicht des katholischen Geistlichen sei, diesen abscheulichen Auftritten vorzubeugen, Unrecht, Mißhandlung, Plünderung, ja Mord Unschuldiger von Gliedern ihrer Gemeinden nicht verüben zu lassen, kann sich Jeder selbst sagen. Aber im Gegentheil sehen wir z. B. in Tyrol von ultramontaner Seite diese Beschuldigung unter dem Volke absichtlich verbreiten, um den Sturm gegen die Akatholiken zu vermehren. Es erscheint also nicht zufällig, wenn gerade jetzt, wo die Gleichberechtigung aller Confessionen gesetzlich festgestellt werden soll, alle Augenblicke« dergleichen Vorfälle zu Tage kommen. Um so ernster ergeht aber an uns, die Juden selbst, die Mahnung zu kräftiger und ausdauernder Abwehr. Der neuliche Vorgang in Köln zeigte, daß selbst der Westen Deutschlands solchen Dingen zugänglich, daß demnach Niemand sicher ist, unerwartet und urplötzlich von solchen Abscheulichkeiten betroffen zu werden. Es ist daher nicht allein allgemeines Interesse, sondern auch aller Einzelnen, die Hand zur nachdrücklichen Vertheidigung zu reichen. Die Frage ist nun: was hier zu thun sei? Es kommt wesentlich darauf an: 1) im Allgemeinen wie in jedem einzelnen Falle auf die Aufklärung des Volkes über diesen Gegenstand nachdrücklich zu wirken, 2) in jedem gegebenen Falle die Urheber des Gerüchtes, die falschen Ankläger und Zeugen mit allen Mitteln ftrafgerichtlich zu verfolgen. Hinsichtlich der ersteren Aufgabe müssen die Localblätter, die öffentliche Presse überhaupt benutzt und Flugblätter verbreitet werden, um das Volk kräftig zu ermahnen, den wahnsinnigen und boshaften Anschuldigungen keinen Glauben zu schenken, die gerichtliche Untersuchung abzuwarten, es mit den Ergebnissen dieser bekannt zu machen, und nach jedem solchen Vorgänge die Nichtigkeit und Boshaftigkeit in immer weiteren Kreisen bekannt zu geben. Hierzu sind Geldmittel, selbst bedeutende nöthig, denn eine große Anzahl öffentlicher Blätter nimmt für die Wahrheit ohne Entschädigung an Jnsertionsgebühren nicht Partei— Schreiber Dieses könnte viele Beispiele davon erzählen. Man kann aber auch m so ausgedehntem Maße, wie wir es meinen, vonden Tagespreisen gar nicht verlangen, ihre Spalten dieser Angelegenheit unentgeltlich zu öffnen. Diejenigen aber, welche von dergleichen schweren Schlägen betroffen werden, sind nicht im Stande, in gedachter Weise etwas zu thun; weder die Geldmittel, noch die geistige Befähigung hierzu stehen ihnen zu Gebote. Auch hinsichtlich der gerichtlichen Verfolgung falscher Ankläger und Zeugen ist in den meisten Fällen eine Unterstützung nothwendig; sind doch meist die angeschuldigten Juden froh, die Sache los zu sein, um nun noch die gegen sie geschwungene Waffe umkehren und gegen ihre Verfolger verwenden zu wollen. 24*

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