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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1862-06-03 · Heft 23 (3.6.1862) · p. Seite 300

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
26 (1862)
Issue
Heft 23 (3.6.1862)
Date
1862-06-03
Page
Seite 300 (sequence 4)
Language
German
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300 getreu den Dienst, welchen der Kerkermeister, Zeit, ihm aufgetragen) daß er aber bemühet gewesen, seinen Ein? gekerkerten >,eine kräftige Geistesnahrung zu bieten, damit sie die Kerkerlust weniger empfinden und während der langen Absperrung nicht innerlich verkommen, das ist sein Werk, das ist sein Verdienst. Ja, der Talmud hat zu allen Zeiten die Geister geweckt und geschärft, hat feine Jünger zu Denkern gemacht, die am Denken selbst ihre Lust fanden, nnd hat sie so befähigt und vorbereitet für kommende bessere Zeiten, sofort in die Reihen der wissenschaftlichen Forscher einzutreten und dort ihren Rang mit Ehre zu behaupten. Aus den zwölf Foliobänden des Talmuds strömte der Geist aus, der einen Moses Maimonides, einen Baruch Spinoza, einen Moses Mendelssohn und eine Unzahl kleinerer Geister, die an deren Geistesflamme ihr Licht angezündet, aus den Niederungen der Scholastik auf. die Höhen der ernsten Wissenschaft emporgetrieben. Was die jüdische Welt während der Glanzperiode in Spanien und Portugal, später in Italien, seit fast einem Jahrhundert in Deutschland auf allen Gebieten der Wissenschaft Großes und Ruhmreiches geleistet, dem Talmudismus durch seine Geist weckende und nährende Kraft kann ein indirecter Antheil daran nicht versagt, werden. — Indem nun das kurze Zeitmaß für einen Vortrag mir'nicht gestattet, den Faden der Betrachtung weiter zu spinnen und etwa unser schicksalreiches Judenthum auf seinen, langen Wanderungen durch Zeiten und Räume weiter zu begleiten, um wahrzunehmen, wo und wann es froh, aufjauchzte und im Eden der Wissenschaft sich erging, oder wo es' keuchend die Schwingen sinken ließ und seine Wiffenschaftspsiege nur eine halbe und hinkende gewesen ist — so möge wenigstens zum Schlüsse ein Maßstab und sicheres Kennzeichen geboten werden, womit jeder Suchende die Zeit und die Gegend von selbst herausfinden kann, in denen das Judenthum einer liefen, gründlichen, vollen umfassenden Wissenschaft sich erfreute. Dieses Kennzeichen ist die Sprache, in welcher die Literatur des Judenthums sich bewegte. Es ist ein Sprichwort: „die Gelehrten sind die Verkehrten", und das Sprichwort ist ein Wahrwort. So war in der That immer und überall die sogenannte gelehrte Sprache dgs Zeichen von verkehrter und verschrobener Wissenschaft. Sowie in Deutschland, wo die Literatur gleich den Menschen als Zeichen fortdauernder mittelalterlicher Bornirtheit lange einen Zopf getragen, eben diese sogenannte Gelehrtensprache, sowie dort jedes Buch, das aus Gelehrsamkeit Anspruch machte, nach Klostergeruch duften, d. h. in, lateinischem Gewände auftrete n mußte, wodurch eben es kam, daß alle Welt lateinisch kritzelte, und die Folge war, daß die Gelehrten ihre Muttersprache, nicht lernten, und Lateinisch, die Büchersprache , in ein geschmackloses Küchenlatein entstellt wurde — wie beim deutschen Volke die Männer der gewaltigen Jdeenreformation, Kant, Lesstng, Mendelssohn u. A., zu gleicher Zeit auch die Sprachreformer gewesen sind, indem sie die Wissenschaft von der Schnürbrust des abgestorbenen Idioms befreiet und den lebendigen Geist in die lebendige Sprache des Landes gekleidet haben —7 genau ebenso findet sich dasselbe Verhältniß auf dem Gebiete des Judenthums in Bezug aus die hebräische Sprache wieder. Wo immer die Wissenschaft unter unseren Vorfahren eine volle Hingebung und ungehemmte Pflege finden konnte, da warf sie auch immer das zu enge gewordene und durch den zu allgemeinen Gebrauch mißbrauchte und verunstaltete hebräische Kleid von sich und sprach und schrieb die Sprache des Landes: in Alexandrien während der Griechenherrschaft griechisch; in Ba b h l 0 n i e n zur Zeit der späteren Geonim (Rap. Saadia S. 22) und besonders auf der pyrenäischen Halblnsel arabisch und in Deutschland seit dem Erwachen eines kräftigen wissenschaftlichen Geistes und Strebend deutsch, derart, daß sogar die Hyperorthodoxie, die sonst gewohnt ist, auch den Staub und den Moder der vergangenen Jahrhunderte heilig zu sprechen, es gänzlich verlernt hat, deutsch Galchus zu schelten, und es sogar nicht verschmähet, ihre verkommenen Theorien, in lichtes, modernes Sprachgewand, ja inwissenschaftliche Form und Farbe zu kleiden. Freuen wir uns Dessen! Begrüßen wir diese Neugestaltung der modernen jüdischen Orthodoxie als das Dunkel, welches der Morgenröthe vorangeht. Wie der Talmud durch den Geist, den er geweckt, die Männer erzogen hat, die seine starren Formen gebrochen haben, so wird umgekehrt die moderne Orthodoxie durch die wissenschaftliche Form, die sie angenommen hat, mit der Zeit den Geist, den finstern, mittelalterlichen Geist bannen, der in ihr spukt, und den glücklichen Tag selbst herbeiführen helfen, von dem gesagt werden kann: „ "n» ■ mir *»55 bsVi und allen Kindern Israels ist Licht geworden in ihren Wohnungen." ’!

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