Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 26 (1862)
- Issue
- Heft 23 (3.6.1862)
- Date
- 1862-06-03
- Page
- Seite 299 (sequence 3)
- Language
- German
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die Schöpfung, welcher von den Räthseln der Welt handelte. Bildlich wird an einer Stelle im Talmud das Forschen in dieser Wissenschaft auch ein Paradies genannt,-aber offenbar weniger wegen der Anmuth und Herrlichkeit dieser Wissenschaft, als wegen der Gefahr, die es mit sich führt, von der Frucht dieses Erkenntnißbaumes zu kosten; denn es wird warnend von vier der hervorragendsten talmudischen Koryphäen erzählt, daß sie alle in diesem Paradiese sich ergangen, aber nur Einer unversehrt daraus hervorgegangen: bei Einem habe es einen frühzeitigen Tod, bei einem Andern Wahnsinn, bei einem Dritten gar Abfall vom pharisäischen Judenthum zur Folge gehabt lChag. 14, b.). Aber auch dieser Canal geheimer Tradition wurde mit der Zeit dem Forscherauge zu enge; er brach seine Schranke und trat an das Helle Tageslicht unter dein früher so verpönten Namen Philosophie muthig als eine auf jüdischem Gebiete berechtigte, ja gebotene Wissenschaft hervor. Saadia, das Oberhaupt der babylonischen Hochschulen, machte vor 900 Jahren den Anfang, und die spanischen'Gelehrten der folgenden Jahrhunderte, Unter denen Mose benMaimon, gewöhnlich Maimonides genannt, die hervorragendste Größe bildet, warfen sich in großer Anzahl mit solchem Eifer auf philosophische Studien und schufen theils durch Uebersetzungen und Commentare, theils durch selbstständige Werke eine so reiche philosophische Literatur, daß sie unbestritten als die Vermittler der Philosophie aus der antiken Zeit für die neuere gelten. Mehr als einmal wurde von Seiten zelotischer Rabbiner der Versuch gemacht, durch Bann und ähnliche Mittel diesen wieder auferstandenen Griechengeist aus jüdischen Kreisen zu bannen — vergeblich! Namen, wie Saadia, Gaon und RambaM, die von Glorienschein talmudischer Gelehrsamkeit und Frömmigkeit nicht minder, als von dem der Wissenschaft umstrahlt waren, bildeten immer die eiserne Mauer, an welcher die Pfeile des Zelotismus abprallten. Trotzdem aber nun die philosophische Forschung ihre Scheu vor der Oeffentlichkeit abgeworfen und sich Bürgerrecht im Judenthum errungen hatte, konnte doch die Geheimlehre nicht verhindert werden, nicht allein ihre Existenz durch eifrige Jünger Und Pflege fortwährend zu behaupten, sondern vielmehr trat sie jetzt erst recht eigentlich in ihre Blüthezeit ein. Aber ihre Blüthe war eine falsche Blüthe, wie sie nicht von der Knospe angezeigt schien und auch keine Frucht verhieß. Denn sie war schon lange nicht mehr Das, was sie ursprünglich sein wollte. Ursprünglich hohe Metaphysik in Buchstaben- und Zahlenräthsel gehüllt, hat sich nach und nach der geistige Gehalt verflüchtigt und wurde eine Buchstaben- und Zahlenmystik daraus geschaffen, in die sich schwärmerische Gemüther mit Wollust stürzten und geflissentlich deren Ausbreitung förderten, um gerade dadurch den nach höherer Wahrheit dürstenden Seelen auf vermeintlich jüdischem Boden Befriedigung zu verschaffen und dem heidnischen Philosophiren einen Damm entgegenzüsetzen. In dem Grade, wie die Philosophie einen freien und höheren Aufschwung nahm, sank die Wissenschaft der Geheimlehre immer tiefer in Verfall. Grobsinnliche Vorstellungen von Gott und göttlicher Weltregierung, Engelbeschwörungen und Wunderthätereien aller Art waren die Folge davon. Dummheit und Betrug gesellten sich zusammen, um aus der ftüheren geheimen Wächterin des höchsten vernünftigen Denkens und Forschens ein Werk von Unverstand und dem krassesten Aberglauben zu schaffen, welches unter dem Namen Kabbalah Jahrhunderte hindurch die Köpfe verrückte und!ie Gemüther vergiftete und welches in Polen und im Oriente heute noch sein garstiges Unwesen treibt. Vergessen dürfen wir übrigens nicht, daß zu allen Zeiten die hellsehenden Rabbinen und die gefeiertesten Talmudisten dem kabbalistischen Treiben gründlich abhold gewesen sind. Nur wenige Namen kennt die Geschichte,- die Meister der Kabbalah und zugleich Hervorragende Talmudgelehrte waren. Es kann dies auch gar nicht wundern, denn der Talmudismus hat sein Wesen in einer haarspallenden Geistesschärfe und ist seiner Natur nach dem schwebenden, schwärmerischen Wesen der nebelhaften Mystik schnurstracks entgegen. Der talmudische Geist ist auf dem Gebiete seiner Thätigkeit ein zersetzender und zusammenfrssender; er nimmt einen generellen Gedanken, zerlegt ihn in alle möglichen Theile und faßt dann die einzelnen Gedankenstrahlen wieder zusammen, um sie in einen Brennpunkt zu vereinigen; er ist dabei die reinste Berstandesthätigkeit, überall das praktische'Leben im Auge habend und anstrebend, was Alles mit müssigen Grübeleien und leeren Ahnungskünsten sich nicht verträgt: Und das ist in der Thät ein zweiter, nicht hoch genug anzufchlägender Dienstden der Talmud der Wissenschaft geleistet hat. Was er direct auf verschiedenen Gebieten der Wissenschaft geleistet hat und heute noch zur Ausbeutung darbietet, mag verhältnißmäßig gering anzuschlagen sein; was er indirekt für die.Wissenschaft geleistet^ ist unberechenbar. Daß er die Juden fast zwei Jahrtausende hindurch in eeremonielle Schranken eingekerkert hat, ist wahr; aber er verrichtete in dieser Beziehung nur