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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1862-06-03 · Heft 23 (3.6.1862) · p. Seite 298

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
26 (1862)
Issue
Heft 23 (3.6.1862)
Date
1862-06-03
Page
Seite 298 (sequence 2)
Language
German
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298 Wissenschaft keine Fremdlinge waren. Gestatten Sie mir, nur einen Mann zu nennen, der es wahrlich verdiente, mehr gekannt zu sein, als er ist; ich meine Samuel, der Um Ende des zweiten Jahrhunderts in Babylonien lebte und lehrte. Er hieß schlechtweg Samuel, ohne Rabbi und ohne irgend einen Titel, weil auch im Talmud die Regel galt, daß für wahrhaft berühmte Männer ihr größter Titel derbloße Name sei. „ Samuel, starb jung, kurz nach seinem Vater (Ber.' 18, aber während seiner kurzen Lebensdauer ist. er ein geistiger Riese geworden, in welchem alle Wissenschaften seiner Zeit zu einem seltenen hohen Grade sich gipfelten. Er war Jurist. Ünd welch einer — dessen Ausspruch int Streite mit Genossen für die fernere richterliche Praxis entscheidend war. Er war Astronom. Und welch, einer — von dem es sprichwörtlich geworden, daß ihm die Himmelsbahnen so bekannt gewesen, wie die Straßen seines Wohnortes. Dieser Samuel ist heute noch der Wegweiser vieler Tausende, die es gar nicht ahnen; wer je einen Luach zur Hand nimmt, um sich.irgendwie in Fragen der Zeitrechnung zurecht zu finden, der wird unsichtbar von der Hand Samuels geleitet; denn Samuel war der Vater unseres Kalendersystems. Worin er aber eine ganz besonders eminente .Größe gewesen, das ist die medicinische Wissenschaft und Praxis, die er in durchaus rationaler Weise pflegte und in welchen sein Ruf. weit über die Grenzen seines Landes;.und Volkes hinausging. (Siehe Rapoport, nvpri trnsii ^122 S. 14 ff.) — Überhaupt können wir bei der Gelegenheit die Bemerkung nicht unterlassen, daß die Arzneikunde die Wissenschaft ist, die mehr , als gewöhnliche Pflege unter den Juden gefunden hat, ja eine Wissenschaft, die. man vorzugsweise eine jüdische nennen könnte; keine Wissenschaft hat vom jüdischen Geiste so viel empfangen, keine auch dem Judenthum so viel zurückvergolten,. als die Medicin. Schon in der mosaischen Gesetzgebung findet die Arzneikunde Anerkennung und ist von bezahlten Aerzten die Rede. (2. B. M. 31, 19.) Unter den alten jüdischen Secten betrachtet eine Abtheilung der Essäer eS als ihren wesentlichen Beruf, Heilkunde und zwar unentgeltlich auszuüben. Die'talmudische Periode ist nicht arm an hervorragenden medicinischen Größen (siehe Rap. das.); aber erst mit der nachtalmudischen Zeit, dem eigentlichen Mittelaller, beginnt die Periode der Blüthe jüdischer Mediciner; sie ist voll von berühmten Rabbinen und theologischen Gelehrten, Juden im strengsten Sinne des Wortes,die als wissenschaftliche und praktische Aerzte solchen Ruß sich erworben, daß wir sie fast in allen Ländern an den Höfen der Großen als Leibärzte der Fürsten und Könige finden. Und hierin 'finden Dir zugleich .einen Asink mehr zur Lösung eiW Mßen weltgeschichtlichen Räthsels.HNän hat viel darüber gedacht und: geforscht, wie es dem beispiellos gepeinigten und verfolgten Israel möglich gewesen ist, sein Dasein durch die Völkerschlachten von anderthalb Jahrtausenden hindurch zu retten.^ Mancherlei erklärende Ursachen wurden bereits dafür gefunden.' Hier in dieser Thatsache, daß Juden während dieser ganzen traurigen Zeit vorzugsweise die Pfleger medicinischer Wissenschaft und Praxis gewesen sind, haben wir eine, obwohl noch wenig erkannte und gewürdigte Ursache mehr. An den Höfen der Großen waren es eben diese stillen Wohlthäter der Menschheit, denen ss vergönnt war, ebenso geräuschlos die Reiter ihrer Nation zu werden, indem sie in den Stunden der höchsten Gefahr direct und indirect für ihr armes Volk in die Schranken traten und durch den Zauber ihrer Worte die Herzen der Mächtigen bezwangen und Legionen von Feinden schlugen. Zur Zeit, als diese traurigen Verhältnisse obwalteten und diese Männer wirkten., . war ihr Wirken , nach dieser Seite hin von den Einsichtsvollen wohl schon gewürdigt. Bereits im Jahre 1400 schreibt der Gelehrte Jakob Provinoali in-Neapel von der Medicin: „sie ist es, die uns beigestanden". (S. tPE3n "nsn S. 69, s. auch Jost, Geschichte des Judenthums, 2. Abth. S. 431.) Kehren wir zu unserem Talmud und zu der nachgewiesenen Thatsache zurück, daß er zu seinem eigenen Ausbau der Wissenschaft bedurfte und ihr Gunst und Pflege zuwandte. Der Menschengeist aber ist keine Maschine, die sich stricte reguliren laßt; ein „bis hieher und nicht weiter" kann wohl dem Füße, aber niemals dem Kopfe mit Erfolg entgegengerufen werden. Und so kam es, daß nicht allein die praktischen, gleichsam Hülfswissenschaften als dienende Mägde der Religion volle Anerkennung fanden, sondern selbst Philosophie, der Hang nach metaphysischer Ergründung des Wesens, aller sichtbaren und unsichtbaren Dinge bei dem einmal geweckten Sinne für Wissenschaft überhaupt von der talmudischen Dialektik nicht gänzlich unterdrückt. werden konnte; er. suchte und fand seine Befriedigung in einer Geheimlehre, die in rätselhafter Bildersprache mehr andeutete, als erklärte, und freilich nur wenigen Auserlesenen mitgetheilt wurde. Während der ganzen talmudischen Zeit figurirte diese Geheimlehre unter dem Doppelnamen Maaseh mirkabah, d. i. der höchste Thron, der von Gott handelte, und Maaseh bereschit, d. i. 4

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