Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 26 (1862)
- Issue
- Heft 21 (20.5.1862)
- Date
- 1862-05-20
- Page
- Seite 275 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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375 Prag, 23. April. (Privatmitth.) Erlauben Sie, daß ich in Ihrer vielgelesenen Zeitschrift über eine Predigt referire, die so zu sagen ein Ereigniß war und wohl verdient in weiten Kreisen bekannt zu werden, da sie eine Lebensfrage des Judenthums berührt. Bei den Berathungen der Abgeordneten der böhmischen Landesjudenschaft, die vor einem Monate hier stattfanden, hatte sich eine ungerechtfertigte Gereiztheit gegen die Rabbinen manifestirt. Bei den Abgeordnetenwahlen hatten nur äußerst wenige derselben ein Mandat erhalten (die indirecte Veranlassung hierzu soll in einem Passus des von der hiesigen Cultusrepräsentanz versandten Einbernsungscirculärs liegen); im Comite endlich, welches von der Generalversammlung zur Abfassung einer Cultusordnung für Böhmen gewählt wurde, sitzt kein einziger Rabbiner. Diese Taktlosigkeit hat alle tiefer Blickenden schmerzlich berührt, und dieser Indignation hat unser hochverehrter Prediger, Herr Prof. Dr. Kämpf in einer meisterhaft stilisirten und äußerst schwungvoll vorgetragenen Rede nvr> dw an Ausdruck gegeben. Unmöglich können wir den ganzen Jdeengang dieses Meisterwerkes hier verfolgen, das würde zu weit führen; nur Einiges sei hier mitgetheilt. Ausgehend von dem Tagestexte: iraioi ti na o*n na» nuruai i-fo wies der verehrte Redner, im ersten Theile seines Vortrages den innigen Zusammenhang zwischen Furcht kl est Ehrfurcht und Glauben im Judenthume nach. Im 2. Theile, mit dem wir es hier ausschließlich zu thun haben, führte er die Worte mami ■na» eines Weitern aus, daß nämlich Glaube an Gott Hand in Hand gehen müsse mit Achtung und Verehrung der Verkündiger dieses Glaubens und dessen Diener; daß jede Zurücksetzung und Mißachtung derselben nicht die Personen, sondern die Sache, der sie dienen, treffe. Was macht man nicht Alles den Rabbinen zum Vorwurfe!? Man spricht 'von Hierarchie im Judenthume. In Wahrheit existirt dieselbe, in Böhmen wenigstens, nirgends; es ist ein solches Gespenst, das im Gehirn einiger Leute spukt. Man ahmt eben nur nach, was in außerjüdischen Kreisen an der Tagesordnung ist, ohne im Geringsten hiezu berechtigt zu sein. Mau fürchtet den Einfluß der Rabbinen durch ihr Wissen, durch ihre Kenntniß der religiösen Disciplinen, die der großen Mehrheit abhanden gekommen ist. Nun denn, abgesehen davon, daß dieser Einfluß ein berechtigter ist, so giebt es ja ein ganz einfaches Mittel, ihn zu paralysiren. Man beschäftige sich, so wie einstens, eifriger mit dem Judenthum, dessen Religion, Wissenschaft und Interessen; schlimm genug, daß nur die Rabbinen Träger desselben sind. Was aber will man an die Stelle der eigebildeten Rabbinen-Hierarchie setzen? Eine Laien-Hierarchie! Gewiß ein schöner Tausch! Männer, die in ihrem Leben bisher nur wenig Interesse für das Judenthum gezeigt haben, sollen dasselbe in Paragraphe zwängen, während ihnen jedes tiefere Eingehen in ihre Aufgabe eine reine Unmöglichkeit ist. Hier wurden die Jrrthümer, in welche jene Herrn bei der Lösung ihrer Aufgabe leicht verfallen dürsten, aufgezählt und scharf gegeißelt. Unter Anderem wurde sehr richtig bemerkt, daß todte Paragraphen wieder das Ansehen uud das Zutrauen eines Rabbinen in seiner Gemeinve kürzen können, noch anderseits, wenn er es nicht verdient, erwerben werden. Wenn manche Gemeinden sich in ihren Rabbinen getäuscht finden, so ist es nur ihre eigene Schuld, denn zumeist entscheidet bei Wahlen Protection und eine sogenannte phrasenreiche Probepredigt; nach theologischem Wissen, nach Befähigung, Charakterfestigkeit und ernstem Wollen wird nicht gefragt. Nichts aber berechtigt darum schon einen ganzen Stand wegen der Fehler Einzelner verantwortlich zu machen. Das Ungerechte in dieser Maxime haben die Juden nur zu oft zu empfinden und abzuwehren; sie sind aber lieblos genug, jene unheilvolle Ansicht gegen ihre eigenen Brüder zur Geltung zu bringen. Ueberhaupt sollten die Juden der gewonnenen Freiheit sich würdig zeigen und durch derartige Vorgänge ihren Feinden keine Handhabe zu Verleumdungen darbieten, denn wenn auch wir nicht auf unserer Hut sind, so wacht das Auge des Feindes. Die Beschuldigung, die Rabbinen der Jetzzeit halten den Vergleich mit denen der früheren Zeit nicht aus, wurde mit dem bekannten Ausspruche iTm rtns'’ nna daivw zurückgewiesen. Sehr treffend wurde aber die Jnconsequenz in diesem Vorwurfe aufgedeckt. Einerseits verlangt man nämlich Rabbinen mit wissenschaftlicher Bildung, ausgerüstet mit pädagogischen und philosophischen Kenntnissen; wenn aber von Gegenleistungen für die Bemühungen um Kanzel, Schule und Gemeinde die Rede ist, so verweist mau die Rabbinen auf die Anspruchlosigkeit ihrer mittelalterlichen Vorgänger; das ist, gelinde gesagt, ungerecht; denn steht man einmal auf dem Standpunkte des Mittelalters, so bleibe man consequent und verlange vom Rabbinen nur talmudisches Wissen. Huldigt man aber den Forderungen der Jetzzeit, und soll 21**