Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 26 (1862)
- Issue
- Heft 21 (20.5.1862)
- Date
- 1862-05-20
- Page
- Seite 266 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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266 Im Talmud selbst sind über diese wie über andere tiefer eingreifende Fragen abweichende. Meinungen aufgestellt. Es finden sich dort in der. That Aussprüche, wornach dem Juden gestattet ist, Nichtjuden wie einen Feind zu betrachten und zu behandeln, gegen ihn die gewöhnlichen Regeln des Rechts und der Billigkeit aus den Augen zu setzen; sie stammen zum Theil aus Zeiten, wo gegen die jüdische Bevölkerung der volle Kriegszustand von der herrschenden Gesellschaft verhängt war, wo man ihre Synagogen zerstörte, die Männer nach grausamen Foltern hinrichtete, die Frauen schändete, die Kinder als Sclaven verkaufte. Derselbe Talmud enthält aber auch ganz entgegengesetzte Lehren. Nabbi Samuel, ein berühmter Gesetzeskundiger des dritten Jahrhunderts, hat entschieden, daß in allen Fragen über Mein und Dein die Juden sich nicht nach dem jüdischen Gesetze, sondern nach dem Landrecht zu richten haben. Rabbi Abbajah, einer der gelehrtesten Talmudisten des vierten Jahrhunderts, lehrt: „Der Mensch biete seinen ganzen Verstand auf, um in Gottesfurcht zu wandeln; er sei sanft in Reden und friedfertig im Verkehr, mit Brüdern, mit Verwandten und Jedermann, auch, mit Nichtjuden, so daß er geliebt werde dort oben und wohlgelitten sei hienieden, und alle Welt ihm freundlich entgegenkomme." Spätere Rabbinen, die aus dem Talmud ein geordnetes Lehrgebäude herstellten, haben diese Anschauung weiter ausgebildet. So Maimonides, eine der ersten jüdischen Autoritäten des zwölften Jahrhunderts, wenn er sagt: „Wer seinem Gefährten, oder auch einem Nichtjuden schlecht wiegt oder mißt, Übertritt das mosaische Verbot: Du sollst kein Unrecht begehen in Maß und Gewicht." Im Choschen Mischpat, dem jüdischen Gesetzbuch, daß bei den orthodoxesten Rabbinen in höchstem Ansehen steht, liest man: „Es ist verboten, beim Einkauf oder Verkauf selbst einen Götzendiener zu betrügen." Aehnlich verhält es sich mit dem Wucher. Für das Wort selbst giebt es im Hebräischen keinen Ausdruck, wohl aber verbietet das mosaische Gesetz überhaupt, jeden auch noch so geringen Zins vom Juden zu nehmen. Wie hoch derselbe von Nichtjuven genommen werden dürfe, darüber soll das Landrechl entscheiden. Ja cs findet sich im Talmud die Ansicht ausgesprochen, daß es etwas Verdienstliches sei, auch von Nichtjuden keinen Zins zu nehmen. „Wer dies tyut", heißt es, „zählt zu den Frommen, von denen Psalm XV.-l spricht." „out äußersten Falle stehen sich also im Talmud Ansichten von sehr verschiedenem Werth gegenüber; daß aber die neuere Wissenschaft der Rabbinen sich der reineren und geläuterten Auffassung zugewendet hat, ist nichtzweifelhaft, mag nun die Einwirkung des Christenthums, die Milderung ihrer äußeren Verhältnisse, oder die eigene innere Entwickelung des Judenthums mehr dazu beigetragen haben. Daß die badischen Rabbinen Anderes und Schlimmeres lehrten, ist niemals behauptet worden. Ihre Lehrbücher sind der Einsicht der christlichen Staatsbehörden zugänglich, ihre religiösen Reden gleichfalls; die Schulen der Juden sind der Staatsaufsicht, wie die andern undern unterstellt. Wenn also in der That hier eine „unreine Moral" gepredigt würde, der Staat würde ohne Zweifel längst sein Recht und seine Pflicht geübt und die Verbreitung solcher antisocialen Lehren mit der ihm zustehenden Macht verhindert Haben. Ebensowenig würde man wohl von derselben Seite aus eine Regierungsgewalt der Rabbinen geduldet haben, wenn dieselbe in der That bestünde; die Israeliten selbst bestreiten entschieden, daß denselben jemals eine solche eingeräumt gewesen sei. Im Punkte des Messiasglaubens sind aber die Juden selbst getheilter Meinung; nachdem schon ältere Talmudisten, wie z. B. Rabbi Hillel, die Ansicht aussprachen, es sei kein Messias mehr zu erwarten, hat sich neuerlich mehr und mehr die Meinung geltend gemacht und namentlich unter den Gebildeten eine weite Verbreitung gewonnen, daß auf einen Messias, der die Juden nach Palästina zurückführe, nicht zu hoffen, sondern dem messianischen Glauben mehr eine ideelle Bedeutung unterzulegen sei. „In jedem Fall ist die eine Thatsache nicht zu verkennen, daß die fünfzig Jahre milderer Behandlung der Israeliten, die hinter uns liegen, mehr dazu beigetragen haben, die Starrheit des Judenthums zu besiegen, als vorher Jahrhunderte des Drucks und der Verfolgung. Die lithographirten Petitionen behaupten zwar, eS sei zur Wegräumung der Hindernisse , welche der Gleichstellung im Wege stehen, von Seiten der Israeliten seit 50 Jahren „gar nichts" geschehen; allein sie unterlassen es, den Beweis dafür zu geben. Vielmehr ist die Thatsache wohl, schwer zu bestreiten, daß die Juden seit einem halben Jahrhundert nicht nur an Wohlstand und äußern Gütern, sondern auch an geistiger und sittlicher Bildung erhebliche Fortschritte gemacht haben. Noch giebt es zwar ihrer genug und zu viele, die sich dem schon damals anrüchigen NothlWndel widmen; aber es giebt deren auch eine nicht kleine Zahl, die auf andern Gebieten der bürgerlichen Thäligkeit, der Wiffenschaft, der Kunst