Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 26 (1862)
- Issue
- Heft 21 (20.5.1862)
- Date
- 1862-05-20
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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28. Jahrgang. Allgemeine 21 Zeitung des Zu-enthums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson in Bonn. Leipzig, den 20. Mai 1862. Diese Zeitung erscheint wöchentlich einmal. Dienstags, in,1^2 bis 2 Bogen. Preis des Jahrgangs 3 Thlr. Halbjährig 1 Thlr. 15 Ngr. Vierteljährig 22'/r Ngr. Inserate werden mit l*/2 Ngr. für die Petitzeile oder deren Raum berecknet. Beilagegebühren betragen für 1 Bogen 4 Thlr., für I/i Bogen 3 Thlr., für Vt Bogen 2 Thlr. Alle Buchhandlungen, Postämter und Zeitungs - Expeditionen nehmen Bestellungen an; der Hauptexpe« diiion für beide Letztere hat sich das Königl. Sachs. Haupt - Zeitungs - Bureau hier unterzogen. Inhalt. Leitende Artikel: Die badensche Kammer. lSchluß.) Zeitungsnachrichten: Deutschland: Hamburg, München. Preußen: Berlin, Berlin, Stettin, Königsberg, Breslau, Cottbus, Warmbrunn, aus Pommern, aus dem Posenschen. Oesterreichischer Kaiserstaat: Tarnow, Prag. Wien, Raab. Türkei: Konstantinopel. Leitende Artikel. Bonn, 11. Mai. Die badensche Kammer. (Schluß.) „Der Talmud ist eine bunte Sammlung von mündlichen. Ueberlieferungen, welche das geschriebene Gesetz, die Bücher Moses, erläutern und ergänzen sollen, ein Werk, an welchem mit Einschluß der Mischnah nahezu ein halbes Jahrtausend gearbeitet worden, und welches zum Theil in der Zeit härtester Verfolgungen der Juden entstanden ist. Nicht Alle, die daran arbeiteten, waren vom gleichen Geiste erfüllt, oder gingen von denselben Ueberlieferungen aus; Zeitm, Umstände und Anschauungen hielten sie zum Theil weit auseinander, daher die vielfachen Widersprüche, die gegenseitigen Widerlegungen , an denen der Talmud keinen Mangel hat. Auch dem Stoffe nach ist diese' Sammlung sehr ungleich und mannigfaltig; neben Erläuterungen mosaischer Gesetze /und Lehren finden sich darin Legenden, Sagen von bösen Geistern, medicrnifche Vorschriften, orientalische Lascivitäten, an die im Ganzen und Einzelnen zu glauben sich auch der orthodoxeste Bekenner der mosaischen Lehre jetzt nicht mehr versucht fühlt. Der Talmud ist ein Bergwerk, in dem es nicht an kostbaren Edelsteinen fehlt, das aber auch unnütze Schlacken genug zu Tage fördert. Das Werk der Wissenschaft ist es, den Läuterungsproceß vorzunehmen und Das kritisch zu sondern, was ächte mosaische Lehre und was spätere Zuthat ist. Es ist bekannt, daß in dieser Richtung namentlich seit den letzten dreißig Jahren viel geschehen ist. Die Autorität des Talmud wird durch die Rabbinen nicht mehr unbedingt festgehalten; selbst an Mittelpunkten des orthodoxen Iudenthums, z. B. in Lemberg, ist der Satz ausgesprochen worden, daß der Talmud nicht als Offenbarung gelten könne, vielmehr die darin enthaltenen Aussprüche wesentlich nur den Werth subjectiver Meinungen hätten. Auch unter den badischen Rabbinen wird diese Ansicht mindestens als die vorwiegende zu betrachten sein. Wenn wir daneben im Einzelnen vielfach die Wahrnehmung machen können, daß unter den Juden die frühere Strenge in Beobachtung der Sabbathfeier oder der Wahl der Speisen nachgelassen hat und wenigstens in den Städten der Kaufmann, der Arzt, der Rechtsanwalt sich Ausnahmen davon gestattet, so wird wohl auch dies als ein Beweis betrachtet werden dürfen, daß die ftüher gültigen Ansichten erschüttert sind — zum Theil wenigstens, weil die frühere Härte der Behandlung der Juden aufgehört hat.