Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 26 (1862)
- Issue
- Heft 20 (13.5.1862)
- Date
- 1862-05-13
- Page
- Seite 255 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3226310-3226331--20324-3249384- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
255 thum ist ein Kind der pharisäischen Secte; die pharisäische Secte aber ist ein Product des langjährigen Makkabäerkampfes; sie wurde ins Leben gerufen zur Kräftigung des jüdisch-nationalen Geistes, um einen Damm zu bilden gegen den eingedrungenen Griechengeist, von welchem in der That die Abtrünnigkeit und alles Unheil in dem damaligen Judäa ausgegangen waren. Ist es daher zu verwundern, daß der Talmud auf griechische Wiffenschaft nicht gut zu sprechen ist, ja, daß er sogar einen Fluch auf deren Studium gesetzt hat! (B. K. 82, b.) Somit aber war die Gefahr groß und dringend, daß der Talmudismus in feinem ererbten Haß gegen griechische Wissenschaft das Licht der Wissenschaft überhaupt in Israel ausgelöscht hätte, und es wäre vielleicht auch dahin gekommen, hätte nicht eine wunderbare, göttliche Vorsehung dafür gesorgt, daß gerade die Natur des talmudischen Judenthums so geartet war, daß es ohne Wiffenschaft nicht gedeihen und nicht bestehen konnte. Dastalmudische Judenthum ist eine Religion, wie das Volk, auf das sie berechnet war, einzig dastehend und hat ihres Gleichen nicht: sie beschränkt sich nicht darauf, ihren Angehörigen mit ihrem Geist zu durchwehen und mit ihreck Rath zu versehen, sondern sie ziehet einen engen Kreis um ihn, umrankt ihn mit unübersteiglichen Hindernissen und legt ihm außerdem noch Zaum und Zügel an, um jede seiner Bewegungen in ihrer Hand zu haben. Das talmudische Judenthum ist eine Religion der That im weitesten Sinne des Wortes; es erstreckt sich nicht blos auf das moralische Thun und Lassen, sondern auf alles Thun und Lassen des Menschen; es umspannt das ganze Leben und stellt jede Regung und Bewegung des Menschen unter den Gesichtspunkt der Religion und die Controls irgend einer Vorschrift; es ist ein bis in die klein- . fien Einzelheiten ausgeführtes Modell, wovon das Leben nur eine erweiterte und vervielfältigte Ausführung sein sollte. Der Talmud klammert sich somit fest an das prak- : tische Leben an, das Leben aber ist von der Wissenschaft nicht zu trennen, es hat in seinen Bedürfnissen und Bestrebungen, in seinem weiten Verkehrsgebiet tausendfache Berührungen direct und indirect mit der Wiffenschaft; — so ist denn das Leben das Band geworden, welches den Talmud wiederum mit der Wissenschaft in Verbindung gebracht hat; so kam es, daß selbst das starr ceremonielle und rituale talmudische Judenthum der Wiffenschaft nicht entrathen konnte; indem es aber sich gezwungen sah, zu seinem eigenen Ausbau die Wissenschaft zu Hülfe zu ru-! fen und dieselbe sich dienstbar zu machen, mußte es selbst nothgedrungen der Wiffenschaft dienen und ihr förderlich werden. Ein kurzer Spaziergang durch die weilen Raume deS Talmuds begegnet auf jedem Schritt und Tritt solchen Spuren, die deutlich auf Wissenschaft Hinweisen. Laßt uns beispielsweise Einiges ins Auge fassen. Der Talmud hat sich viel Kopfbrechens gemacht über die Bestimmungen in Betreff der s. g. Sabbathgrenze und hat damit einen großen Tractat gefüllt. Da stießen aber territoriale Schwierigkeiten auf, die nur mit Hülfe der Geometrie und mathematischen Berechnung überwunden werden konnten. Ebenso existirt ein langer Tractat, handelnd von den erlaubten und unerlaubten SamenMischungen in einem Ackerfeld, welcher in noch gesteigerterem Grade in geometrische Probleme gerieth, die nur Lurch Wissenschaft ihre Lösung finden konnten. Ueberhanpt war die Mathematik diejenige Wissenschaft, für welche die Autoren des Talmuds und seine Zöglinge zu allen Zeiten durch die dem Talmud eigene dialektische Schärfe ganz besondere Fähigkeit und Vorliebe zeigten. Dasselbe Thema der Saatenmischung, wie noch manche andere Fragen des Ceremonialgesetzes haben den Talmud in das Gebiet der Botanik geführt. Neumondsbestimmungen und später gar die Begründung eines festen KalenderfhstemS erforderten sicherlich a st ro n o m i f ch e Studien. Speisegesetze, Reinheitsgesetze und gewisse Gattungen der Opfergesetze haben die Männer des Talmuds zur Zoologie, zur thierischen Anatomie und sogar zu den Anfängen der Anatomie des Menschen geführt; und merkwürdig ist es gewiß, das bereits am Anfänge des zweiten Jahrhunderts, einer Zeit, in welcher die anatomische Wissenschaft noch nicht geboren war, die Schüler des R. Jischmael im Interesse des Religionsgesetzes einen menschlichen Leichnam secirten. (Bech. 45, a.) Eine Menge religiöser Fragen konnte vom talmudischen Standpunkte aus erst mit Hülfe medicinifcher Kenntnisse zur Entscheidung gebracht werden; ja, eine ganze Reihe von Gebrauchsmitieln wird im Talmud der Untersuchung unterworfen, ob sie auf Naturwissenschaft beruheten und erlaubt, oder in Aberglauben wurzelten und als heidnisch verboten seien. Jurisprudenz war in den Augen des Talmuds gar nicht eine weltliche, sondern ein wesentlicher Bestandtheil der Religionswissenschaft. Daß sie daher von Seiten der Talmudisten nicht vernachlässigt und nicht stiefmütterlich behandelt wurde, läßt sich erwarten. Daß der Talmud aber auf diesem Gebiete in der That Großes geleistet, Normen und Institutionen geschaffen hat, die durch ihren