Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 26 (1862)
- Issue
- Heft 20 (13.5.1862)
- Date
- 1862-05-13
- Page
- Seite 254 (sequence 4)
- Language
- German
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254 nicht allem die Wissenschaft neben sich geduldet und ge-' ehrt, sondern sie geliebt und mit ihr einen Lebensbund geschloffen hat. Wer hat den ersten Grundstein zum Judenthum gelegt? Abraham. Wie ist Abraham Abraham geworden? Bibel und Tradition antworten: Abraham hat seine reine Gottesanschauung niemals empfangen, sondern geistig errungen; er gelangte zu ihr nicht durch irgend eine Offenbarung, sondern auf dem Wege freier Forschung. Das will aber sicherlich nichts Anderes sagen, als: die Wissenschaft war es, die den ersten Keim zum Judenthum gelegt hat. Wer hat auf dem vorhandenen Grundstein das Gebäude des Judenthums aufgeführt? Moses. Wie ist Moses Moses geworden? Wiederum lautet die Antwort unbestritten: durch die kolossale Kraft und Große seines Geistes in Verbindung mit der wissenschaftlichen Erziehung und Bildung, die ihm im Hause Pharaoh's zu Theil geworden. Er war bereits ein fertiger, vollendeter Moses, ehe das erste Wort der Offenbarung ihn erreichte. So haben denn Offenbarung und Wissenschaft gemeinsam an der Wiege des Judenthums gesessen und seine Kinderjahre gepflegt, und so haben sie in inniger Umschlingung es fort und fort geleitet das ganze biblische Zeitalter hindurch. Die Propheten des Judenthums waren keine plumpe, unwissende Menschen, die auf einmal,,vom Geiste der Inspiration gepackt, zu einer hohen Weltmission hinaufgeschnellt wurden — es waren Männer, die durch Schule und wissenschaftliche Bildung zu ihrem Weltberuf vorbereitet waren. Und wie bei ihnen selbst, so war auch die Förderung wissenschaftlicher Erkenntniß unter dem Volke ihr ernstes Augenmerk und Streben. Mosis Wort: „O daß das ganze Volk Propheten wären! " war mehr als ein leeres Wort, es war sein Wunsch und Streben. In einer seiner letzten Reden an das Volk dringt er auf gründliches Geschichtsstudium als Mittel zur liefern religiösen Erkenntuiß. Den allgemeinen Jugendunterricht, haben wir bereits oben gesehen, hat er zum Eckstein seines Religionsgebäudes gemacht. Ob aber diese Ermahnung und Institution auch gewirkt und Frucht getragen hat? Fraget die Geschichte, und sie antwortet Euch mit Thalsachen, vor denen der Blick nur staunend verweilen kann. In so alter Zeit, als die des Königs Salomon, als auf der weiten Erde Volksbildung noch ein ungekanntes Wort war, pflegte man bereits der israelitischen Jugend Sittensprüche geschrieben in die Hand zu geben, und findet sich nicht lange nachher, jedenfalls bereits schon während, der ersten Tempelperiode, die Lese- und Schreibekunst allgemein in Israel. (Siehe Jost: Allgemeine Geschichte des israelitischen Volkes,!. S. 303.) Wie hätte es auch anders sein können, wie wäre es sonst möglich gewesen, daß eine so große Anzahl von Denkern und Dichtern, von unübertroffenen, ja unerreichten Rednern und Sängern, Propheten und Poeten, Geschichtsschreibern, Verfassern und Sammlern von Weisheitssprüchen , ja Männer der höchsten philosophischen Forschung, wie die Bücher Job und Koheleth beweisen, mit einem Worte: daß die Riesenwerke der biblischen Schriften und deren Verfasser aus dem Volke hätten hervorgehen können, wäre nicht der Geistesgrund des Volkes ein reicher, triebkräftiger und wohlcultivirter gewesen! Die Bibel, die ihrem Geiste nach von Anfang bis zu Ende Religion ist und Gottesgeist athmet, steht in Rücksicht auf Form und Inhalt derselben ein unsterbliches Denkmal da der wissenschaftlichen Höhe, durch welche die Verfasser, und ihr Volk über ihre Zeit hinausragten. Zum richtigen Verständniß dieses Sachverhaltes darf man nur einen Gesichtspunkt nicht außer Auge lassen, daß es nämlich zur Zeit des biblischen Alterthums noch gar keine Wissenschaften gab, sondern nur Wissenschaft, welche alle Gebiete des Denkens umschloß und durchaus mehr oder weniger in theologischem Lichte betrachtet wurde, mehr oder weniger religiöse Färbung hatte. Ein Gegensatz von Religion und Wissenschaft exiftirte damals noch nicht. Die Männer, welche in religiöser Erkenntniß hervorragten, waren zu gleicher Zeit Männer der wissenschaftlichen Höhe. Anders gestaltet sich das Verhältniß in der talmudischen Zeit, bei welcher, weil weniger gekannt und gewürdigt, wir etwas länger verweilen müssen. Der geistige Himmel, der über der talmudischen Zeit sich dehnte, war ein ganz anderer, als der untergegangene biblische Geist. Gott offenbarte sich nicht mehr den Menschen durch den Menschengeist, sondern mittelbar durch das geschriebene Wort. Geistiges Schauen war entschwunden, Denken nahm dessen Platz ein, und auch das Denken glich nicht mehr dem alten Denken. Grübeln war an die Stelle von Forschen, Drehen und Modeln an die Stelle von Schaffen getreten. Die Wissenschaft war bereits in Wissenschaften, die Religion selbst in Secten gespalten. Das Alles löste und lockerte gewaltig das Band, welches früher Religion und Wissenschaft so innig verbunden hielt. Dazu kam noch ein besonderes Verhältniß, welches ganz dazu angethan war, eine feindselige Spannung zwischen Judenthum und Wissenschaft fast unvermeidlich zu machen. Denn wie entstand die talmudische Richtung? Das talmudische Juden-