Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 26 (1862)
- Issue
- Heft 20 (13.5.1862)
- Date
- 1862-05-13
- Page
- Seite 253 (sequence 3)
- Language
- German
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schenrecht und die unverletzliche Menschenwürde, das ist der kräftige Stamm, den die Wurzel getrieben; eine strenge, unerbittliche, aber reine, hohe, unübertroffene Sittenlehre ist das Gezweig und Laubwerk aus diesem Stamme; endlich die Hoffnung, und der feste Glaube an die wachsende Vervollkommnung und die. einstige Glorie des ganzen Menschengeschlechtes bildet Wipfel und Krone dieses hochstrebenden Lebensbaumes, den wir Iudenthum nennen. Von ihm hat Moses gesagt: „Das ist eure Weisheit und eure Vernunft vor den Augen der Völker." Und — das sollte die Wissenschaft scheuen?! Und was die Hierarchie anbelangt, so ist es freilich wahr, daß man sie von Seiten mancher Gegner dem altern Iudenthum manchmal zum Vorwurf gemacht hat; aber dieser Vorwurf beruht auf solcher Sachkenntniß und solcher Wahrheitsliebe, wie man sie von gewissen .Gegnern längst gewohnt ist. Eine Religion wie das Iudenthum, die ins Leben trat ohne Priester, und als das Priesterinstitut eine Nolhwendigkeit geworden, das Gesetz aufstellte : -Priester dürfen kein Grundeigenthum im Lande haben; eine Religion, die zu ihren Grundpflichten das Gebot zahlt: du sollst deine Kinder unterrichten; eine Religion, in welcher der Satz sprichwörtlich geworden ist: ein religionsweiser Bastard steht höher, als ein unwissender Hohepriester — dieser Hierarchie vorzuwerfen, das verräth mehr, als gewöhnliche Born irth eit.« Doch wozu uns bei Lehrsätzen und Schlußfolgerungen aufhalten, wo Thatsachen offen liegen und so laut sprechen? Das Iudenthum hat eine Literatur und eine durch dieselbe verewigte Geschichte. Beide strotzen von Monumenten, welche der Welt umher das Zeugniß verewigen, daß Iudenthum und Wissenschaft zwei Lichter sind, bief wo sie immer sich erreichen konnten, in eine Flamme zusammenschlugen; daß, wo immer die Pforten der Wissenschaft dem Judenthume offen standen, seine Jünger freudig eintraten und sich bald als die tüchtigsten Arbeiter am Tempel der Cultur erwiesen; wo die Pforten grausam ihm verschlossen wurden, es sich lange und ängstlich abmühete, dieselben zu sprengen, bis freilich dann und wann, da und dort die Kräfte ausgingen, wo dann ein längeres, ihm aufgezwungenes Verweilen in der Finsterniß nach und nach seine Augen wirklich blöde machten, daß es lichtscheu wurde und die Dunkelheit liebte, bis immer wieder ein neuer Frühling der Geschichte anbrach, der auch irumer wieder mit Hülfe, der dem Iudenthum eingeborenen kräftigeren Natur seine Aügenkrankheit gründlich geheilt. Die griechische Literatur zur Zeit der Ptolemäer in Aegypten, die arabische Literatur während der maurischen Epoche in Spanien und die deutsche seit dem letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts, in welchem der jüdische Geist/ teilweise sogar noch unter dem Joche äußeren Druckes, Großthaten seines wissenschaftlichen Eifers verewigt und unsterbliche Denkmäler fick errichtet hat, bilden eine Schaar von Zeugen, die unwidersprechlich sind. Indessen würde man doch gewaltig irren, wollte man glauben, daß das Verhältniß des Iudenthunks zur Wissenschaft einzig und allein durch die äußere Lebensstellung seiner Bekenner, durch ihr freundliches oder feindliches Schicksal bedingt gewesen wäre. Das Iudenthum hat vielmehr außer dem Wechsel seiner äußern Begegniffe auch eine inuere Geschichte, eine Entwickelung und Wandelung von Anschauungen und Begriffen, die nicht immer das Product der es umringenden äußeren Verhältnisse sind; und je nach der Verschiedenheit der religiösen Standpunkte und Richtungen zeigt sich eben auch dieses Verhältniß zwischen Iudenthum und Wissenschaft verschieden. Holland und Frankreich zum Beispiel, in-denen Juden und Iudenthum im jüngsten Jahrhunderte einer weit weniger belästigten Stellung sich erfreuten, als in Deutschland/ haben nichts desto weniger in wissenschaftlicher Beziehung ihre Juden nicht zu dem Range der deutschen Israeliten zu erheben vermocht. Ueberschauen wir indessen das Berhältniß nach größerer Gruppirung und betrachten nach dieser Seite hin zuerst das biblische Iudenthum. Vom biblischen, dem prophetischen und poetischen Iüdenthum, das niemals scholastisch grübelte, sondern in >ftischer, lebendiger Strömung des Geistes sich bethatigte, von ihm zeigt es sich auf den ersten Blick, daß an eine etwaige Collision mit Wissenschaft auf seinem Standpunkte gar nicht gedacht werden kann. Das schulmäßige DenkeN spültet den Geist nach seinenverschiedenen Thätigkeitsarten und Tätigkeitsgebieten; ihm gebührt auch das zweifelhafte Verdienst, zwischen religiösem Denken und wissenschaftlichem Denken eine scharfe Linie, um nicht zu sagen eine Kluft, gezogen zu haben; der Schwung höchster.Begeisterung. erhebt sich über solche Differettzpunkte, vor ihm verschwindet der Unterschied der Theile, und der Geist gipfelt sich zur Einheit seines ganzen Wesens^ So kann man vom biblischen Iudenthum nicht sagen, daß es sich so oder so zur Wissenschaft gestellt, daß es sich feindlich oder freundlich gegen sie verhalten; es wußte sich vielmehr gar nicht im Unterschiede von der Wissenschaft, es war völlig eins mit ihr. Will man übrigens unser bilisches Alterthum auch mehr mit unserem heutigen Maßstab von Begriffen messen, so wird es bald klar, daß es 20*