Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 26 (1862)
- Issue
- Heft 20 (13.5.1862)
- Date
- 1862-05-13
- Page
- Seite 252 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3226310-3226331--20321-3249381- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
an keiner Ritze vorübergeht, ohne sich daran zu stoßen, erklärt dies in folgender Weise: Gott schuf beide Himmelslichter gleich groß; da aber habe das eine Licht über seinen Nebenbuhler Beschwerde geführt und wollte es verkleinert wissen; es geht nicht an, sprach es, daß zwei Könige eine gemeinsame Krone tragen. Und die Antwort des Weltrichters erging: Deine Klage soll nicht erfolglos sein; geh' hin, sei du fortan das kleinere Licht! Doch wird von Späteren hinzugefügt, sei diese Strafe, wie überhaupt göttliche Strafen nach den Begriffen des Judenthums, keine ewige; in später Zukunft einst, wie der Prophet verheißen, werde das Mondlicht wieder dem Sonnenlichte. an Größe und Kraft gleich sein. Nun, wir wollen nicht dafür einstehen, daß der Vorgang wirklich genau so ftattgefunden hat, wie der Talmud ihn erzählt, aber das wissen wir, daß er in einer andern Sphäre sich vollständig wiederholt; ich meine: am geistigen Horizonte der Menschenwelt. Da hat Gott auch zwei große Lichter erschaffen, die da dienen sollen, seine Welt zu erleuchten; das sind eben Religion und Wissenschaft; und siehe, da hat es in der That sich herausgestellt, daß diese beiden Königinnen mit gemeinsamer Krone sich nicht gut mit einander vertragen wollen; bald ist es die Religion, welche geringschätzig über die Schultern der Wissenschaft hinausschauet, bald ist es die Wissenschaft, die verächtlich von Religion spricht; und die Strafe auch ist hier immer dieselbe, daß sowohl Religion als Wissenschaft jede, welche die andere als Nebenbuhlerin betrachtet und zu verkleinern trachtet, damit nur sich selbst verkleinert. Die Wahrheit auch hier ist: Gott hat beide Lichter gleich groß geschaffen, und die Zeit wird einst sicher kommen, in welcher diese Wahrheit zur Anerkennung und Geltung gelangt fein wird, die Zeit durchgedrungener Bildung, in der Religion! und Wissenschaft, weit entfernt davon, auf einander eifersüchtig zu fein, vielmehr Hand in Hand gehen werden, um gemeinsam das große Werk der Wekterleuchtung zu vollbringen. . Indessen bis dahin ist noch eine weite Strecke Weges, Md inzwischen ist die Frage für uns von hochwichtigem Interesse: welche Stellung nimmt das Judenthum in diefsv Beziehung ein? Ist es freundlich oder feindlich gegen die Wissenschaft gesinnt? Lassen wir das Buch der Geschichte zu diesem Zwecke vorerst noch ungeöffnet. Fragen wir vor Allem: Was ist Judenthwn? Der reine Begriff von Judenthum muß uns schon in den Stand, setzen, sein Berhältniß zur Wissenschaft zu bestimmen; nur muß es eben ein reiner, richtiger Begriff sein, daß man nicht zu wenig und nicht zu viel in diesen Begriff hineinlegt; zuwenig: indem man sein ganzes Wesen und Ziel zu einem blos nationalem zusammenschrumpfen läßt; und zu viel: indem man DasAväs ernst zeitlich und örtlich als Zäun und Stütze des Juventhüms festgesetzt war, für Judenthum selbst nimmt. Was ist Judenthum? Eine geistige Saat, durch welche, wie es vom Uran fange an sich selbst bestimmt, alle Geschlechter des Erdbodens gesegnet werden sollen. Es ist ein Krystallpalast, zusammengefügt aus gediegenen, festen Massen, aber Alles aus durchsichtigem Stoffe; ein Krystallpalast, groß und weit dazu bestimmt, alle Culturerzeugnisse der Welt in sich aufzunehmen und durch sich zu fördern. — Geben wir uns deutlichere Rechenschaft darüber. Der Verdacht, daß irgend eine Religion der Wissenschaft abhold se^ ist nichts Anderes, als ein Verdacht gegen ihre Bernunftmäßigkeit. Abneigung ist stets das Kind der Furcht. Wie kein Mensch einem andern Feind ist, ohne daß er ihn für feindlich hält und fürchtet, so kann auch keine Religion feindselig gegen Wissenschaft gedacht, werden, ohne daß sie irgendwie Ursache hat, die Wissenschaft zu fürchten. Furcht vor der Wissenschaft aber kann nur einer Religion innewohnen, die in einem von zwei Fällen sich befindet: die entweder in ihrem Grundprincip ein Mysterium sein will, die den Glauben auf Kosten des Denkens verherrlicht und, weil durchaus auf vernunftwidriger Basis beruhend, allerdings durch die wachsende Macht des logischen Gedankens sich in ihrer Existenz bedroht steht; oder in dem andern Falle — der aber mit dem ersten in der Regel in Verdingung steht — daß die Verfassung dieser Religion eine hierarchische ist, das heißt, eine solche, wonach die Priester herrschen, und das Volk blindlings zu gehorchen hat. Priesterherrschaft ruht auf der Voraussetzung, daß sie nicht bloß von Gottes Gnade, sondern von Gottes unmittelbarer Eingebung geleitet sei, so daß . jeder Widerspruch gegen sie ein Widerspruch gegen Gott, eine Blasphemie fei. PriesterherrfchLft ernährt sich von der GeisteSfchwachheit des Volkes; das Verdummungsshstem ist ihr Acker und Pflug, die Wissenschaft daher ihre ärgste Feindin. — Nun, wie. steht das Judenthum in diesen beiden Beziehungen? Ist es dem Lichte der Vernunft zu- oder abgewendet? Ist es ein Glauben aus, oder ein Gruben trotz der Erkenntniß? Laßt seine Urkunden antworten. Ein einig-einziger, gestaltloser, alles Sein erfüllender und beherrschender Gott, das ist seine Wurzel; der Mensch, und versteht sich, jeder Mensch, von einem gottähnlichen Geiste beseelt und, was daraus folgt, das heilige Mm»