Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1862-05-06 · Heft 19 (6.5.1862) · p. Seite 244

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
26 (1862)
Issue
Heft 19 (6.5.1862)
Date
1862-05-06
Page
Seite 244 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3226310-3226330--20306-3249365
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Oefterrelchifcher Kaiserstaat. Prag, 18. April. (Privatmitth.) Wer über die Verhandlungen der jüngst hier stattgefundenen Notablenversammlung liest oder davon hört — ohne daß er eine nähere Kenntniß der Verhältnisse hat, — der muß wohl glauben, es bestehe in Oesterreich ein jüdisches Concordat, um der Gleichberechtigung Genüge zu leisten. Hierarchie ist das große.Feldgeschrei, und das ganze Streben der geehrten Herren ist dahin gerichtet, die jüdische Hierarchie nicht emporkommen zu lassen. Wir erlaüben uns nun, ganz bescheiden anzufragen: wo ist denn die jüdische Hierarchie? und in welcher Weife geben sich die hierarchischen Gelüste kund? Wir sind keine Verehrer des Zelotismus, aber vorausgesetzt, der Rabbiner ist zelotisch, was dann? welche Macht steht ihm zu Gebote, um seinen Zelotismus aus- und durchzuführen? — Wir gestehen aufrichtig, wir möchten uns von den Herren einmal erklären lassen, welche Stellung sie dem. Rabbiner eingeräumt wissen wollen, und was ihm von Amtswegen gestattet ist. — Noch mehr als diesen Kampf gegen Windmühlen bedauern wir, daß die böhmischen Juden sich an den Landtag wendeten, damit dieser die Befugnisse der israelitischen Cultusgemeinden festsetze und in solcher Weise die Judenfrage in die Hand nehme. Wir glauben, daß die böhmischen Juden wissen müßten, in welcher Weise die Czechen, welche Hand in Hand mit den Feudalen und Klerikalen gehen, über Juden denken (die Narodni listy haben sich in neuester Zeit erst über diesen Gegenstand ausgesprochen und dem Herrn Sebastian Brunner den Rang abgelaufen) und diese dominiren im böhmischen Landtage! Das Heilsame, welches in dieser Beziehung geschehen kann und geschehen wird, wird vom Reichsrathe ausgehen und an diesen hätten sich nicht nur die böhmischen, sondern die österreichischen Juden überhaupt wenden müssen. Die Wiener „Presse", welche für die Sache der Freiheit kämpft und daher auch für das Recht der Juden streitet, hat diesen Vorgängen besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Sie schlägt jedoch ein Mittel vor, welches wir für ärger als die Krankheit selber halten. Sie meint nämlich, es sollte ein jüdisches Consistorium geschaffen werden, wie solches in Frankreich besteht. Wie jedoch männiglich bekannt, hat die Consistorialverfassung in Frankreich nicht Juden und Judenthum gehoben und gekräftigt. Wie ich höre , soll hier ein ähnlicher Verein zur Unterstützung von Studirenden ins Leben gerufen werden, wie solcher in Wien in jüngster Zeit begründet wurde, und hat man sich die Wiener Statuten erbeten. Als Curiosum wurde mir mitgetheilt, daß jüngst in Wien ein Petent um eine Unterstützung bat, welcher sich als Rabbinatscandidat meldete. Das Gesuch desselben zeigte, daß er nicht aus freundschaftlichem Fuße mit der deutschen Grammatik stehe und gar oft. den Dativ. mit dem Accusativ verwechsle. Es wurde daher an denselben die Frage gerichtet, wo er die Ghmnasialclassen absolvirte, und die Antwort lautete, er beginne erst die betreffenden Studien, privatim zu machen. Hierauf wurde gefragt, wo er den Unterricht im Talmud rc. genossen habe, und ganz harmlos , antwortete er, er habe sich während der Recrutirungszeit einige Wochen in Preßburg aufgehalten, und figurirte als Mitglied der dortigen Jeschiba, um vom Militär befreit zu werden. Und derartige Individuen nennen sich Rabbinatscandidaten, für welche ein in Wien in neuerer Zeit für jüdische Interessen erscheinendes Journal, — welches, nebenher sei es bemerkt, fast in jeder Nummer Artikel der A. Zeit. d. Jud. *) abdruckt, ohne die Quelle zu nennen — das Wort nahm. Die Frage bezüglich des Baues eines neuen Tempels wird hoffentlich bald vollkommen in günstigem Sinne gelöst werden, und wünschen wir, daß Herr Di*. Kämpf nicht, ermüde, dafür zu wirken. Wien, 23. April. (Privatmitth.) In Folge eines Vortrages des Staatsministers hat der Kaiser mehrere Personen, welche sich bei der Überschwemmung im Monat Februar Verdienste erwarben, ausgezeichnet. Auch vier. Gemeinderäthe wurden ausgezeichnet, darunter sind zwei Juden. Herr Mor, Pollak erhielt das Ritterkreuz *) Wir haben derartigen Diebstahl, denn anders können wir ein solches Verfahren nicht bezeichnen, sooft gerügt, und geben unsererseits das beste Beispiel, aber noch hat uns dies nichts geholfen. Wenn die Redacteure jenes Blattes kein Gewissen haben, warum schämen sie sich wenigstens nicht? . . . Dafür aber belohnen diese Herren uns mit immer wiederholten Schmähungen, denen wir jedoch eine konsequente Verachtung entgegenstellen. Mag der Hauptredacteur jenes Blattes sich überzeugt halten, daß auf diese Weise die auf einem anderen Gebiete erworbenen Lorbeeren, denen wir zu aller Zeit die gerechteste Würdigung angedeihen ließen, bald ins Welken kommen werden. Die Redaction.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.