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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1862-05-06 · Heft 19 (6.5.1862) · p. Seite 238

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
26 (1862)
Issue
Heft 19 (6.5.1862)
Date
1862-05-06
Page
Seite 238 (sequence 2)
Language
German
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238 von Knaben und Mädchen, die also vor mir gestanden und seitdem zu Jünglingen und Jungfrauen, zu Männern und Frauen, zu Vätern und Müttern, die zum Theil ihre Kinder Wieder zu mir gesandt, geworden — und sie Alle haben das Gelöbniß, das sie hier abgelegt, in der Religion des Einig-Einzigen zu leben und zu sterben, getreulich gehalten, sie Alle — bis auf eine sehr kleine Ausnahme... Doch das Maß der Zeit und meiner Kräfte ist gering, und so laß mich, theure Gemeinde, mein Abschiedswort einfach an Dich richten. — I. Unsere Weisen, welche, wenn auch ohne großen Schwung der Phantasie, die beiden hervorragenden Eigenschaften unseres Stammes, die Schärfe des Verstandes und die Innigkeit des Gefühles, sorgfältig pflegten, wußten den Werth und die Bedeutung der Scheidestunde nach diesen beiden Seiten hin wohl zu würdigen. Nach der ersten, indem sie öfter sagten: „Die Scheidestunde gleicht der Stunde des Gerichtes", da sich zwischen den Scheidenden die Fragen erheben: was hast Du gewollt und was vollbracht? was hast Du vollendet und was unvollendet gelaffen? was gethan und was unterlassen? Jnsonders aber wenn Der, welchen eine Gemeinde sich zu ihrem Seelensorger und Lehrer der Religion eingesetzt, von ihr scheidet, da richten sich auf beiden Seiten die Fragen auf; auf seiner Seite: wie hast Du Deine« Beruf aufgefaßt? und wie erfüllt? wie hast Du Deine Pflichten verstanden und wie ihnen genügt? Haft Du die Wahrheit, wie sie in Deinem Geiste lebt, aufrichtig, unablässig und mit Begeisterung gelehrt? und was Du lehrtest, hat Dein Wandel es bethätigt? warst Du für die Gesammtheit wie für alle Einzelnen Das, was Du sein solltest und konntest? ... Und auf Seiten der Gemeinde: hast Du die Kräfte dieses Mannes benutzt, wie Du vermochtest? wenn er sprach und lehrte, warst Du da? und wenn Du da warst, hörtest Du darauf? und wenn Du hörtest, beherzigtest Du es? hast Du seinen besten Plänen und Entwürfen Folge gegeben, oder Widerspruch und Widerstand entgegengesetzt? hast Du sein Ansehen und seine Würde geachtet, oder abgeschwächt und aus den Augen gesetzt?... Alle diese Fragen richten sich in dieser Stunde auf zwischen uns — aber nicht wir haben sie zu beantworten, wir sind die Parteien, aber rrim n-^bab „das Gericht ist Gottes", und Der verkündet sein Urtheil durch seine große Gerichtsvollstreckerin Zeit, die alle Leidenschaft beschwichtigt, jeden Wahn auflöst und jede Täuschung zerstreut, jeden Wahn der Liebe und jede Täuschung des Hasses.-Und dann gleichet ja die Arbeit insonders des Lehrers der Religion ganz und gar der des .Säemanns. Mag dieser sein Feld noch so emsig beackern, seine Furchen tief und gerade ziehen^ seine Aussaat sorgfältig streuen, weiß er, wie viel die Vögel des Himmels auflesen und verzehren? wie viel die Winde der Luft aufheben und davon ttagen? wie viel auf Boden fällt, der gar nicht dafür paßt, auf Felsengrund, der nicht keimen und sprießen läßt? vermag er der Sonne zu befehlen, daß sie scheine, dem Regen, daß er niederträufele, um die Früchte zu zeitigen und zu reifen? . . . Und dann ist ja die Wirksamkeit des geistigen Lehrers unsichtbar und unmeßbar, immer nur Zwiegespräch von Seele zu Seele. Wer weiß denn, was er geschaffen? Der dort ist ein Gerechter, Frommer; der wird Dich verstanden ^haben, an ihm wird Dein Wort sich bewähren — siehe, er ist längst lau und gleichgültig geworden, er strauchelt und fällt. Jener dort ist ein verstockter Sünder, ein hartnäckiger Verbrecher, an ihm ist Alles verloren; siehe, ein Wort fällt in eine Falte seines Herzens und wird da zur Mine und sprengt die Felsenrinde, und löst die Eisdecke und führt ihn zur Reue, zur Besserung, zu Gott zurück! — — So erhebt die Scheidestunde die Fragen, aber beantwortet sie nicht, sondern sie legt nur Demuth in unser Herz: viel hast Du gewollt und wenig nur erreicht, schnell bist Du vorangeeilt, aber nicht weit gekommen. Denn wir Alle sind nur die Werkzeuge des Herrn, daß sein Wille vollführt, sein Werk vollbracht werde, wir nur verantwortlich für Das, was uns verliehen, und wie wir es benutzt haben. — II. Dann von der zweiten Seite. „Laß mich scheiden, denn die Morgenröthe bricht an." „Ich laffe Dich nicht scheiden, bevor Du mich.nicht gesegnet." Und diesem Segnen, diesem höchsten Ausdruck der innigsten Empfindungen, der heißesten Wünsche und Hoffnungen für einen Andern begegnen wir überall, wo wir in der heiligen Schrift auf eine Scheidestunde treffen. Als Isaak den Jakob nach Padan-Aram entläßt, da segnet er ihn, a*»»* bfipb mm „o, daß Du werdest zu einer Versammlung von Völkern!" Als Jakob von Joseph scheidet, segnet er ihn, bs» ti« bttiäN ^rrb»N „der Engel, der mich lösete von allem Leid, er schütze und leite Dich!" Und dann versammelte Jakob alle seine Söhne um sein Scheidelager und segnete sie, *fn:w»b "rn ^rnip „auf Deine Hülfe hoffe ich, 0 Ewiger!" Und Moscheh versammelte, bevor er schied, die Stämme auf den Gefilden von Moab, und legte die Fülle des Segens

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