Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 26 (1862)
- Issue
- Heft 18 (29.4.1862)
- Date
- 1862-04-29
- Page
- Seite 231 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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SM chen die strengste Verschwiegenheit gegen Jedermann, insbesondere gegen ihre Eltern, zu heiligster Pflicht gemacht hatte; mit dem Umstande, daß die ersten Versuche zur Bekehrung während einer Handarbeitstunde, die das Mädchen besuchte, gemacht worden und der heimliche Religionsunterricht später auch während der Zeit dieser Handarbeitsstunde ertheilt wurde, um die Eltern vollständig zu täuschen; mit. dem Umstande, daß Alles vorbereitet war, das Mädchen nach erfolgter Taufe sofort in das Kloster nach Hildesheim zu bringen — wie diese Umstände alle zu dem unschuldigen Worte des Pastors passen, das Mädchen habe die Taufe verlangt, er habe, so zu sagen, nichts dafür gekonnt, das mögen diejenigen herausklügeln, die mit der eigenthstmlichen Logik der Jesuiten besser vertraut sind als wir. Auch über die Bedeutung des Schrittes für ihre Familie muß das Mädchen arg getäuscht worden und das für ihre Angehörigen zu erwartende Heil in den glänzendsten Farben geschildert worden sein , das beweiset das Benehmen des Kindes, wie sie den Jammer sieht, den sie über ihre unglücklichen Eltern gebracht hat. Sie fällt diesen schluchzend um den Hals, versichert, verführt worden zu sein zu diesem Schritte und erklärt,, niemals von ihnen, niemals von ihrem Glauben lassen zu wollen. Diese Erklärung wiederholt sie später in Gegenwart von Polizeibeamten und schreibt dem Pastor einen energischen Absagebrief, der durch einen Polizeidieyer an denselben befördert wurde. Der Schluß liegt nahe, daß mau von den Eltern ein anderes Benehmen erwartet hatte. Dieselben sollten toben und wüthen, ihr Kind von sich stoßen, dann hätte natürlich die liebevolle Kirche sie mit offenen Armen ausgenommen und an ihrem Seelenheil in irgend einem Kloster weiter gearbeitet. Seit jenem Briefe ist.Seitens der Geistlichkeit bis jetzt nichts weiter geschehen. Der Vorstand der Synagogengemeinde Salzkotten beschloß aber, das Mädchen auf jeden Fall von dort zu entfernen. Sie wurde der geistlichen Pflege des Lehrers und Predigers Blumenau in Bielefeld überwiesen, wo sie jn der Nähe Verwandte hat, die sic liebevoll ausgenommen haben. Fortwährend äußert sie die schmerzlichste Reue und zeigt sich sehr empfänglich für den jüdischen Religionsunterricht, von dem sie leider früher keine Ahnung gehabt, da man auf dem Lande größtentheils die Kinder für genügend gebildet hält, wenn sie ore n können, höchstens'daß die Knaben noch fbön legen und die Mädchen Mj lchd ing und Fleisch ding in der Küche unterscheiden lernen. Dieser Umstand gibt Manches zu denken und sei, wie der ganze oben erzählte Vorgang dem reiflichen Nachdenken von Eltern, Lehrern, Vorstehern, besonders in Gegenden, wo die katholische Bevölkerung überwiegt, dringenv empfohlen. B. Oesterreichischer Kaiserstaat. Aus Südungarn, 25. März. (Privatmitth.) Bei der Stagnation, die jetzt allgemein Hierlands herrscht, gibt es wenig und noch weniger Erfreuliches mitzutheilen. Die k. Statthalterei hat in Stuhl weißen bürg die separatistische orthodoxe Gemeinde aufgelöst und angeordnet, daß die Renitenten-Mitglieder zur Muttergemeinde steuern müssen. Jedoch steht es denselben frei aus eigenen Mitteln eine eigene Synagoge zu unterhalten, ohne daß die Gemeinde und deren Institutionen dadurch verkürzt werden dürfen. Gebe Gott, daß diese ekelhaften Zwistigkeiten aufhöreu sollen, da die Gemeinden sich dadurch nur ihren völligen Untergang bereiten! An die Besetzung der Rabbinate ist gar nicht zu denken, denn wer will es wagen, in einen Krater hinabzusteigen! Die Rabbinate zu Papa, StuAweißenburg rc. werden in Jahrzehnten nicht besetzt werden — und diese Bacanzen bringen stets Nachtheil. Friede und nichts als Friede ist es, was den Gemeinden noth thut — und zur Förderung dieses Zweckes Muß Alles die Hand reichen! — In Hinsicht der Zulassung der Juden zur Advocatur ist Alles beim Alten und was die Zeitungen hierüber gebracht, wurde nachher dementirt. Blos durch kaiserliche Gnade ist manchen Israeliten die Ausübung gestattet worden. Am meisten befremdet es, daß die kaiserliche Tafel in Siebenbürgen einem Israeliten die Advocatenpraxis versagt und der Gesuchsteller sah sich auch genöthigt, den Recurs zu ergreifen. Lemberg8. April. (Privatmitth.) Der selige Herr Marcus Bernstein, aus Brody gebürtig, und in Odessa etablirt, hat auf die Kunde, daß die hohe k. k. österreichische Regierung die Leitung der Angelegenheiten der Lemberger Judenschaft einem dem Fortschritte huldigenden Vorstände übertragen hat, feinen Wohnsitz, Odessa, verlassen/ um die letzten Lebensjahre in Lemberg zuzubringen, und die Bemühungen des Gemeinde-Vorstandes nach seinen Kräften zu unterstützen. 18**