Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 26 (1862)
- Issue
- Heft 17 (22.4.1862)
- Date
- 1862-04-22
- Page
- Seite 214 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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und Wahlerlassen die Juden wieder eine große Rolle spielen. Gewöhnlich geschieht dies und in negativer Weise, indem man von Erhaltung des christlichen Staates, der christlichen Obrigkeit, der christlichen Schule und Ehe spricht. Als ein Curiosum muß aber Folgendes aufbewahrt werden. Aus Braunsberg, 9. April, schreibt man der N.-Z.: Der Herr v. Schmeling hielt gestern in seiner Eigenschaft als Landwehr-Lieutenant eine Control-Versammlung in unserm Nachbarstädtchen Heiligenbeil ab. Bei dieser Gelegenheit hielt er den Landwehrleuten folgende geistreiche Rede: „Kameraden! Aus dem Euch übergebenen Schriftstück werdet Ihr ersehen, wem Ihr bei der nächsten Wahl als treue Preußen Eure Stimme zu geben habt. Doch will ich Euch noch kurz und bündig Euren Standpunkt klar machen. Es handelt sich nur um zwei Sachen. Entweder, ob Se. Majestät unser König noch weiter regieren soll — oder die Juden. Letzteres wollen die Democraten. — Auseinandergehen!" Herr v. Schmeling, der sich schon anderweitig durch eine Ansprache einen Ehrenplatz im Kladderadatsch erworben, bringt uns also die Kunde von der Candidatur der Juden auf den preußischen Thron U— Der hiesige Talmud-Verein hat in diesen Tagen an die Mitglieder der Gemeinde folgendes Circular versandt: Der seit einem Jahrzehend Hierselbst bestehende Talmud-Verein hat es sich nach den im Jahre 1860 revidirten Statuten zur besonderen Aufgabe gemacht, eine Anstalt zu unterhalten, in welcher der männlichen jüdischen Jugend Gelegenheit geboten wird, eine gründliche Kenntniß des Judenthums zu erlangen und besonders in die heiligen Schriften desselben derart ein geführt zu werden, daß sie später auf diesem Gebiete sich durch eigenes Studium fortzubilden vermag. Der Lehrplan der Anstalt, der in ihren 6 Classen zur Ausführung kommt, umfaßt von den Elementen des Hebräischtesens an hauptsächlich folgende Gegenstände: Gebete, Bibel mit Commentatoren und in den beiden höheren Classen auch Misch na und Talmud. In den wenigen Jahren ihres Bestehens ist die Schülerzahl auf etwa 140 angewachsen; wenn darin einerseits der Beweis dafür liegt, daß sich das Bedürfniß nach einer solchen Anstalt inmitten der Gemeinde sehr lebhaft geltend macht, so bezeugt es andererseits, daß die Anstalt den an sie gestellten Anforderungen in vollem Maße entspricht, wie dies namentlich die vorjährige öffentliche Prüfung bewiesen, hat. Steht es nach den bisherigen Erfahrungen auch fest, daß sie einen immer größeren Wirkungskreis sich verschaffen werde, je mehr es ihr vergönnt sein wird, in die Oeffentlichkeit zu treten, so glauben wir, die Unterzeichneten, doch überzeugt zu sein/ daß wir den Wünschen vieler Eltern nur entgegenkommen, wenn wir sie auf die Existenz einer solchen Anstalt aufmerksam machen, zumal die Unterrichtszeit mit der anderer Lehranstalten nicht collidirt und bei dem mäßigen Schulgelde von lö Sgr. monatlich ein. wöchentlich achtstündiger Unterricht ertheilt' wird. Der löbliche Zweck unseres Unternehmens wird um so mehr He'rvortreten, als gleichzeitig etwa der dritte Theil der Schüler gratis Unterricht erhält, was nur dadurch möglich geworden ist, daß der Verein den größeren Theil der Kosten aus eigenen Mitteln bestreitet. Mit Rücksicht darauf erlauben wir uns daher, auch Ew. Wohlgeboren freundliche Aufmerksamkeit auf unsere in zwiefacher Beziehung wohlthätig wirkende Anstalt hinzulenken, und bemerken nur noch, daß die Unterzeichneten gern bereit sind, auf Verlangen jedwede nähere Ankunft zu ertheilen. Berlin, im März 1862. Der Vorstand und die Unterrichts-Commission des Talmud-Vereins. Posen, 10. April. Der Verein zur Förderung deutscher Interessen in der Provinz Posen hat einen Wahlaufruf an die Juden und die deutschen Katholiken der Provinz erlassen, aus dem wir folgende Stellen hervorheben: „Ihr jüdischen Bewohner der Provinz, stehet fest zu uns wie bei der letzten Wahl. Sind Euch auch noch nicht alle Rechte geworden, die Ihr erstrebt und die wir Euch wünschen, so verliert doch wegen eines Euch verletzenden Ministerwortes nicht das Vertrauen zur. preußischen Regierung und zum preußischen Volke, dessen Glieder Ihr seid. Stimmt nicht mit denen, die dagegen protestiren zu diesem Volke gerechnet zu werden , die sich offen für Feinde des Königs und des preußischen Staatsverbandes erklärt haben. Eure Wünsche werden nur erfüllt werden, wenn Ihr Euch .als pflichtgetreue Bürger dieses Staates unter allen Umständen auch ferner bewährt. Was könnt Ihr von unfern nationalen Gegnern erwarten? Seht Ihr nicht, daß die Partei, die unter ihnen die mächtigste, mit