Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 26 (1862)
- Issue
- Heft 17 (22.4.1862)
- Date
- 1862-04-22
- Page
- Seite 208 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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weisen, aber auch die Ehre und Selbstständigkeit unserer Religion nicht außer Augen lassen, sondern nachdrücklich wahren. Das Verhältiriß des Iu-enthuurs \um Islam. Man hat uns mehrfach verdacht, wenn wir in früheren Artikeln bei Berührung der orientalischen Verhältnisse uns für das Recht der Bekenner deS Islams aussprachen, und die vor einiger Zeit bei den europäischen Publicisten so beliebte Austreibung der Türken weder für ausführbar noch für räthlich hielten. Wie man bei dem jüdischen Schriftsteller Alles zu verdächtigen pflegt, was mit den banalen Phrasen, nicht übereinstimmt, so glaubte man eine Feindseligkeit gegen die christliche Welt wittern zu dürfen, wenn wir eine gewisse Sympathie auch für die mohamedanische Welt äußerten. Grund genug, um uns Hierüber einmal ausführlicher auszulassen. Gerade die Bekenner des' Judenthums sind vorzugsweise zu einer objektiven Beuxtheilung der Dinge und Erscheinungen berufen. Je individueller und absonderlicher ihre Urtheile sein mußten, so lange sie, ausgeschlossen voki>der allgemeinen Welt, in den engen und schmutzigen Äinkeln ihrer Quartiere saßen, desto allgemeiner. unK^vyrurtheilsloser müssen jene jetzt ausfallen, wo sie hinausgetreten sind in den Kreis der Menschheit, und unbefangener aus den Quellen der Wissenschaft und des Lebens schöpfen. Ein Blick schon auf die Lage des alten Judäas zeigt, daß das Volk, welches providentiel in dieses an der westlichen Küste Asiens gelegene Land hineingepflanzt worden, bestimmt war, zwischen die morgen- und abendländische Welt zu treten, beiden angehörig, beiden aus seinem innersten Wesen ewige Schätze zur Verwaltung und Verarbeitung abzugeben. Alle drei Welttheile des alten Continents gaben .sich auf dem Boden Palästinas und Syriens ihre denkwürdigsten Rendezvous) auf diesem Boden wurden ihre blutigsten Schlachten geschlagen und über die Weltherrschaft entschieden. Was Wunder, daß dieses Judäa, eingekeilt zwischen drei Kolosse, endlich von ihnen zerrieben ward? Blicken wir weiter: was können wir Juden dafür, daß wir durch alle Länder der Erde zerstreut sind, daß wir als, solche keinem allein, sondern allen gehören? Es war das Werk der göttlichen Vorsehung; aber die Völker als deren Werkzeuge tragen die unmittelbare Schuld. Haben Wir uns nichtgegen Assyrien gewehrt, als. es fünf Sechs? tel des Volkesnach seinen Gebieten versetzte? Fochten wir nicht den Kampf eines halben Jahrhunderts gegen Babel, bevor es das sechste Sechstel an die Ufer deS ChaboraS und deS Euphrats verpflanzte? Was vermochten wir gegen Alexander, der Aegypten, gegen Seleukus, der Seleucia, gegen. Antiochns, der Antiochia mit. Hunderttausenden von uns bevölkerte? Werfen nicht die Flammen des zweiten Tempels ihren Schein noch bis über unsre Zeiten hin, als sie, von den Römern nach beispiellosem Kampfe entzündet, den über alle Fluren der Erde verjagten Juden nachleuchteten? Und als im Mittelalter die Laune der Herrscher, der. Haß der Priester, die Mordlust des Pöbels und die Habgier Aller uns bald aus den Thoren eines Landes jagten > bald dieselben uns wieder öffneten, waren wir immer widerwillige Pilger, und verließen unsre heimischen Stätten, so. viel wir auch daselbst geplagt wurden, stets mit zerrissenem Herzen. So ist es denn gekommen, daß wir als Juden keinem Lande der Erde fremd sind, daß Glieder unserer Glaubensgenossenschaft und unsres Stammes ebenso sehr in den christlichen Ländern, wie in solchen heimisch sind, welche kaum von den Füßen christlicher Reisenden betreten werden, daß Bekenner des Zudenthums nicht blos an den Ufern der Seine und Themse, des Rheins und der Weichsel, sondern auch des Tigris, Indus, Ganges und Jantsekiangs, wie auch in Abyffinien, Aethiopien und Kabylien ansässig sind. Nichts natürlicher daher, als wer sich in die Gefammtheit des Judenthums und der Judenheit versetzt, wer deren Interessen von einem gemeinsamen Standpunkte aus ins Auge faßt, und wer von da aus wiederum die geschichtlichen, bestehenden und sich bildenden Erscheinungen und Verhältnisse betrachtet, für keiner derselben besonders eingenommen ift> sondern sie in ihrem allgemeinen Werthe und Unwerthe, in ihren Vorzügen und Schwächen, in ihrem Recht und Unrecht zu würdigen sucht. Sprechen wir uns daher aus. Niemanden kann die Verschiedenheit, des Abendlandes und Morgenlandes entgehen; Niemanden kann es auch verborgen sein, wo gegenwärtig die wesentlichste Statte der Civilifatiou und. Cultur bestehe. ^Die Geschichte lehrt zwar, daß dies nicht immer so gewesen, daß das Centrum der Bildung und Entwicklung früher einmal ebenso im Innern Asiens, wie in Griechenland, Italien, Spanien gewesen, daß es auch Zeiten gegeben, wo Cultur und Wissenschaft nach den damaligen Verhältnissen in Bagdad und Kairo so gut wie in Rom und Salamanka ihren Heerd hatten»