Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 26 (1862)
- Issue
- Heft 17 (22.4.1862)
- Date
- 1862-04-22
- Page
- Seite 207 (sequence 3)
- Language
- German
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207 ien zu beanspruchen das Recht hat, aus dem Motive der Meinungsverschiedenheit eintreten darf. Diese Toleranz muß schon auf dem! politischen Gebiete gelten, wo im Conflicte der versckievenen Parteien der Kampf der Gegnerschaft immerhin zu Maßnahmen führt, welche den Gegnern die Kraft und Wirksamkeit beschränken soll. Ganz unbedingt aber muß sie auf dem Gebiete der Religion herrschen, da diese eigentlich selbst die Toleranz lehren und vorschreiben soll, und da es sich hier vielmehr um eine blos geistige Anschauung handelt, welche allein mit geistigen Gründen anzugreifen und zu bekämpfen wäre. Hierin besteht die Toleranz, hat sie unbedingt ihr Recht und ihren Anspruch; weiter aber auch nicht. Es ist schon eine Verkennung betreffs der Bedeutung der Religion, wenn man selbst iu geselliger Beziehung verlangt, daß sie von gar keiner Einwirkung sei. Ein Jeder wählt seinen näheren Umgang nach Maßgabe seiner Bildung, seines Standes und einer gewiffen Uebereinstimmung der Ansichten und Meinungen. Wie sollte nun die religiöse Ueberzeugung, sobald sie keine verschwommene und gestaltlose ist, nicht auch ein Moment sein, das für engere, vertrautere Verhätlniffe ein entscheidendes und damit freilich auch ein scheidendes wäre? Es darf uns daher nicht wundern, und wir Juden dürfen darin nicht zu empfindlich sein und gleich von Vorurtheilen und Gehässigkeiten sprechen, wenn sich überall im vertraulichen Umgang eine gewisse Gruppirung gemäß religiöser Differenzen zeigt. Wir können es als Vorurtheil ansehen, wenn größere Vereine, Clubs, Casinos u. s. w., eine Ausschließung der Juden statutarisch oder factisch aufstellen, da jede größere Vereinigung Elemente umfaßt, die, wenn sie auch einen gemeinschaftlichen kirchlichen Namen tragen, doch sehr entgegengesetzter religiöser Natur sind. Nichts aber berechtigt uns, Intoleranz zu wittern und zu behaupten, wenn der engere, vertrautere Umgang sich zumeist auf Glaubensgenossen beschränkt. ES versteht sich von selbst, daß hierin die Persönlichkeiten Alles entscheiden, und daß Personen von sehr verschiedener religiöser Ueberzeugung die innigsten und treuesten Freunde sein können, weil sie eben in vielen anderen Momenten übereinstimmen und die Achtung vor der Freiheit der religiösen Ueberzeugung so hoch gestiegen ist, daß ein trennender Einfluß durch diese nicht mehr geübt wird. Wir wollten nur im Allgemeinen daraus aufmerksam machen, daß die Wahl der vertrauteren Geselligkeit noch keinen Maßstab für die Intoleranz abgiebt. Mehr noch tritt aber das religiöse Moment, ohne die Toleranz zu verletzen, Denen scharf gegenüber, welche den Glauben, in dem sie geboren sind, verlassen und sich zu einem anderen bekennen. Es versteht sich, daß auch diese in keinerlei Beziehung in ihren Rechten als Menschen eine Alteration oder Verkürzung erleiden dürfen. Aber es ist jedenfalls eine Religionslosigkeit, ein Mangel an eigener Ueberzeugung oder an Achtung vor dieser, wenn wir uns in unserem Verhältniß zu solchen Apostaten gar nicht verändert fühlten. Niemand ist hierin zum Richter über den Andern bestellt, aber eben so wenig kann man mir das Recht absprechen, mir ein Urtheil über die Motive dieses Abfalls zu bilden, und dieses Motiv auf mein persönliches Verhältniß zu dem Abgefallenen influiren zu lassen. Geradezu Pflicht aber wird es, in solchen Dingen, welche unmittelbar auf'Institutionen der Religionauf Einrichtungen und Bestand der Religionsgemeinde Einfluß haben. Hierin wird die Toleranz geradezu zur Charakterlosigkeit. Wenn wir Juden, die ihre Kinder haben taufen lassen, irgend eine Einwirkung, irgend ein Urtheil und eine Beschlußnahme in jüdischen Cultusangelegenheiten zugestehen, so haben wir nicht tolerant, so haben wir religionslos oder unter Umständen irreligiös gehandelt. Wir Hallen den Act, seine Kinder taufen zu lassen, noch für einen weit stärkeren Beweis des Glaubensabfalles, als die Lossagung der eigenen Person. Denn'in ^enem liegt die unzweideutige und rein geistige Anerkennung, das Heil seiner Kinder in einer änderen Religion zu finden, während in dem eigenen Abfall sich noch ganz andere Triebfedern mischen können. Wir fanden diese Auseinandersetzung nothwendig, theils um mehrfache Artikel, welche in der letzten Zeit in diesem Blatte gegeben worden, vor den Angriffen Derer zu schützen, welche ihre eigene religiöse Inhaltslosigkeit mit der wohlfeilen Anklage der Intoleranz decken, wen« man darauf dringt, auf diesem Gebiete irgend welche Unterscheidung aufrecht zu erhalten, theils weil es überhaupt noch thut, die wahrhafte Toleranz von jedweder Glaubensmengerei zu unterscheiden, und sie nicht mit der Charakterlosigkeit verwechseln zu lassen. Diese Unterscheidung erscheint uns als ein wahrhafter Gewinn für die Toleranz, deren Feinde sich gar zu gern mit der vorgeschützten Charakterfestigkeit brüsten, und jene dann als Schwäche und Entnervung des Menschengeistes beschimpfen. Nein! Toleranz und Charakter, Duldsamkeit und Glaubensfestigkeit sind keine' Gegner, sondern erst recht gegenseitige Stützen und Träger. Es ist aber Zeit, daß wir Juden dies bethätigen, indem wir in allen Verhältnissen uns wahrhaft tolerant be- 17 *