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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1862-04-22 · Heft 17 (22.4.1862) · p. Seite 206

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
26 (1862)
Issue
Heft 17 (22.4.1862)
Date
1862-04-22
Page
Seite 206 (sequence 2)
Language
German
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£06 Culte am tiefsten Staat und Volk durchdrungen! — Aber wir brauchen nicht nach den Gefilden des Languedoc.zu gehen,, wir haben es viel näher. In diesen Tagen berichtete die „Köln. Ztg." von Köln, 5. April: „Heute wurde erzählt, es sei gestern in oder bei einer am Alten Ufer belegenen Fabrik die mit Stich- und Schnittwunden bedeckte Leiche eines 16 - bis 17jährigen Mädchens gefunden worven. An dieser Schauermär ist auch nicht ein wahres Wort. Sie wurde aber, vielleicht in Folge einer seit mehreren Wochen hier in der niedern Volksschicht herrschenden Aufregung der Gemüther, nichts desto weniger willig geglaubt und weiterverbreitet. Die fragliche Aufregung ist - hervorgerufen durch wiederholte seltsame Erzählungen von verschwundenen, geraubten oder ermordeten Kindern. Vor etwa vierzehn Tagen waren deren schon 15 (in einem andern Stadtviertel sagte man 11) ihren trostlosen Eltern abhanden gekommen. Sie waren, wie verschiedene „Mütter aus dem Volke" versicherten, von Juden aufgefangen oder mitgelockt worden. Nun stand gestern Abend gegen 9 Uhr ein hiesiger Bürger, Diätar eines Bureaus, an der östlichen Ecke der Trankgasse, sein 1Ojähriges Töchterchen an der Hand haltend. Nahe dabei saßen 5 bis 6 Kinder unter der Gaslaterne, sprangen dann -auf und riefen, in die Kostgasse laufend: „Do eS Widder ne Jüdd, dä ä Kind opgeschnapp hät; hä Welt dat Kind metnemme. Ehr Lück, nemmt dem Jüdd dat Kind aff! Verdammte Jüdd, welst do dat Kind gönn lohße!" ». s. w. Alsbald sammelte sich Volk und Gesindel um den Mann, der seines Vollbartes wegen um so gewisser für einen Juden gehalten und zur Rede gestellt wurde. Dazu wurden Drohworte laut: „Maat da Kähl kappot, dä Jüddenhunk, dä Blotsugger" u. dgl. m. Alle Erklärungen des Bedrängten waren vergeblich. Um sich der lärmenden und schreienden Menge zu entziehen, ging er die Trankgaffe hinauf in die Johannisstraße, indeß die Meute folgte nach und immer größer wurde der Haufe. Nur die fortwährend behauptete ruhige Haltung deS Mannes mochte weitere brutale Excesse verhüten. Umwogt von der Masse, in welcher sich die „Mütter aus dem Volke" besonders hervorthaten, gelangte er endlich an seine in der Thürmchensgasse belegene Wohnung, wo die erhitzten Judenverfolger endlich ihres Jrrthums inne wurden und. Einer den Andern verlachend, auseinanderliefen. Zur selben Zeit etwa passirte Aehnliches oder, richtiger gesagt, Schlimmeres auf der Friesenstraße. Ein Tischlergeselle, der einen Sack.trug, in welchem er Knollen für seine Kaninchen gesammelt hatte, erregte die Aufmerksamkeit und den Argwohn einiger Kappusbauerweiber, die sehr bald überzeugt waren, daß der Mann kleine Kinder in, seinem,.Sacke forttrüge/ Kaum waren sie in dieser Ueberzeugnng befestigt — denn sie betasteten den Sa8 und Hie Eine, fühlte ganz deutlich ein Aermchen, die Andere ein Beinchen — da fielen sie über den Mann her, rissen ihn zu Boden und riefen weitere Hülfe herbei, die alsbald in hellen Haufen herzueilte. Nun erfolgte eine Mißhandlung des Armen bis zu dem Grade, daß er liegen blieb und weggetragen werden mußte. Vorher aber wurden die furchtbaren Geheimnisse des Sackes enthüllt. Statt der kleinen Kinder fand man die Knollen! Sollte man dergleichen heutzutage in Köln für möglich halten? Wahrlich nein. Aber , wohl dürfte man nicht irren, wenn man solche Vorgänge als warnende Symptome des von mancher Seite so eifrig gehandhabten Verdummungssystems betrachtet, deffen Förderer bei Unwissenheit und Wahnglauben deS gemeinen Mannes ihre Rechnung zu finden meinen." In unseren Tagen sind freilich solche Vorgänge noch bei Weitem entehrender für Diejenigen, die dabei die Hand im Spiele haben, als in früheren Jahrhunderten. Denn man wird Niemandem mehr einreden können, daß es wirklicher religiöser Fanatismus ist, dieser furchtbare, aber doch zu entschuldigende Wahn, der die wirkliche Triebfeder abgäbe, sondern es ist nichts als die pure Herrschsucht, welche die Menge in ihren Fesseln halten oder wieder in diese schlagen will, und die angeborene Rohheit des Pöbels, welche durch eine irreleitende Erziehung gepflegt worden. Und dennoch wollte der abgetretene preußische Cultusminister die Verfolgungssucht von den Schultern seiner Religion auf die der unsrigen wälzen! Je sorgfältiger und.gewissenhafter daher der wahre Freund der Menschheit und der ächten Religiosität die Toleranz pflegen und sie vor jeder Verletzung schützen wird, desto eher müssen wir sie jedoch von der Religionslosigkeit unterscheiden, womit unsere Gegner, um jene zu schmähen, sie so gern verwechseln. Desto nachdrücklicher müssen wir erweisen, daß die ausgedehnteste Duldsamkeit , die höchste Achtung aller Menschenrechte mit einer intensiven Ueberzeugnng, mit fester Glaubenstreue sehr wohl vereinbar ist. Die wahre Toleranz besteht in der unbedingten Anerkennung aller Menschenrechte und insonders des Rechtes einer freien, selbstständigen Ueberzeugnng; ihre Bethätigung besteht darin, daß die Meinungsverschiedenheit keinen Einfluß auf die realen Verhältnisse üben darf, so daß nirgends eine Schmälerung Deffen, was ein Mensch für sich und von Ande-

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