Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 26 (1862)
- Issue
- Heft 16 (15.4.1862)
- Date
- 1862-04-15
- Page
- Seite 196 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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196 unser hochherziger Fürst mit seinen wahrhaft liberalen Rathen, den beiden Kammern und seinem ihn innig liebenden Volke im schönsten Einverständniß lebt. Männer, wie Lameh, Stabel und Roggenbach sind aufrichtig bestrebt, einen Rechtsstaat, ja einen Musterstaat zu bilden. Jebenhausen, 17. Februar. (Verspätet eingesandt.) Dem hiesigen Rabbiner Herz, welcher bereits 17 Jahre sein Amt in treuester Weise übt, hatte eine anderweitige Berufung, obschon mit größeren Einkünften verbunden, abgelehnt. Die Vorstände seiner Gemeinde gaben ihrer Dankbarkeit und Anerkennung dafür einen Ausdruck, indem sie dem Herrn Rabbiner ein großes, von aufrichtiger Freude beseeltes Festmahl gaben und zwei prächtige silberne Armleuchter überreichten. Hamburg, Ende März. (Privatmitth.) In meiner jüngsten Aeußerung in Betreff der Proselhtenaufnahme warnte ich davor, diesen Act zu einem Maaceh Beth-Din zu machen, weil häufig ein oder das andere Beth-Din der allseitigen Anerkennung entbehrt. Seitdem habe ich folgendes, diese Ansicht bestätigende Factum in Erfahrung gebracht. In der jüngeren Gemeinde zu Manchester, welche sich der Londoner Reformgemeinde angeschlossen hat (doch ohne Abschaffung des zweiten Festtages), wurde vor längerer Zeit eine Proselytin ausgenommen und mit einem jüdischen Gemeindemitgliede verheirathet. Nach einigen Jahren zog die Familie nach Cardiff in Schottland, und als nun die Frau einen Knaben gebar, verbot der bekannte Oberrabbiner, auch Doctor der Philosophie in London, welcher Cardiff zu seinem Sprengel zählt, allen seinen Mohelim, das Kind zu beschneiden, indem er die Acta einer in dem von seinem Vorgänger, Rebbe Schläume, gelegten und von ihm selber bestätigten Cheirem stehenden Gemeinde nicht anerkenne. Der weitere Verlauf kann die Leser nicht interessiren; wäre indessen der Act, statt von einer Behörde, einfach von drei jüdischen Laien (Hedjototh) bezeugt gewesen, so hätte kein graduirter Rabbi, der nicht dem Jore Deah ins Gesicht schlagen will, einen solchen Einwurf erheben können. Uebrigens ist es ja der Fall, paß die sämmtlichen Sesaradim, also selbst die portugiesische Gemeinde in London, unsere deutsch-polnische Ordination (Cemichali) nicht anerkennen, und auf unser Joreh Joreh Jadin Jadin nur so viel geben, als es ihnen gerade convenirt. Vom Professor Tychsen, dessen ich neulich gedachte, rührt auch die wohl nie ernsthaft gemeinte Behauptung her, das Wort Accum bedeute nicht Obcde Kochabirn umcsaloth, sondern ■•‘imy. Man wird sich erinnern, daß vor Kurzem der Professor (der ebräischen Sprache) E.Renan in Paris suspendirt wurde, weil er in seiner Eröffnungsrede die Gottheit Jesu geläugnet habe. Diese Rede liegt jetzt vor mir. Sie handelt von dem Antheil der sogenannten semitischen Völker an der Civilisation, und der Inhalt resumirt sich in dem Satze: wir verdanken den Semiten weder unser politisches Leben, noch unsere Kunst, noch unsere Poesie, noch unsere Philosophie, noch unsere Wissenschaft. Was verdanken wir ihnen denn sonst? Wir verdanken ihnen die Religion. Die ganze Welt, wenn man Indien, China und Japan (etwa 750 Millionen!!) ausnimmt, hat die semitischen Religionen angenommen. Die civilisirte Welt zählt nur Juden, Christen und Muselmänner. Die ganze indoeuropäische insbesondere, bis aus die Lrahmanische Familie und die schwachen Reste der Parsis, hat ganz und gar die semitischen Religionen angenommen. Vor dieser Periode steht indessen noch das Bekenntniß, daß die Semiten der Welt auch die Buchstabenschrift gegeben haben, und hinter demselben folgen die banalen Auslassungen über die Entwickelung des Menschengeschlechts in der Vorwelt, „bis im jüdischen Volk ein Mann die ewige Religion der Humanität und des Geistes, befreit von allem Priesterthum, allem Cultus, allen Observanzen, kurz, die absolute Religion gründete, ausgedrückt in dem an die Kuthäerin gerichteten Worte: Weib, die Zeit ist gekommen, wo man weder auf diesem Berge, noch in Jerusalem anbeten wird, sondern wo die wahren Gottesfürchtigen Gott nur im Geist und in der Wahrheit anbeten." Das ist jedoch eine bedeutende Verdrehung der Stelle Joh. 4, 21. ff., wo sich°Jesus trotz aller Aufklärung doch nicht entschließen kann, aus Kuthäerhänden zu essen. Wir haben das Alles schon schöner und gründlicher von deutschen Gelehrten gehört; aber das Eigenthümliche bei der Sache ist, daß man jetzt in Frankreich ein Jude sein müßte, um dergleichen ohne Beschwerde sagen zu dürfen, während in Deutschland selbst ein orthodoxer Pastor nicht dicker aufträgt. - Unsere hiesige Gemeindeagitation, bei der übrigens das religiöse Element gar nicht mitfpielt, geht noch ihren langsamen Gang und es wird immer klarer, daß