Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 26 (1862)
- Issue
- Heft 16 (15.4.1862)
- Date
- 1862-04-15
- Page
- Seite 192 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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die Autorität der Rabbinen abgenutzt, und die Frage: sollen die Rabbinen Gutachten abgeben? wird bei gewissenhafter - Prüfung nur sehr bedingungsweise bejaht werden können. Wir meinen nämlich, durch eine mannigfaltige Erfahrung belehrt: die Rabbinen sollten nur ein Gutachten abgeben, wenn die Gemeinden im Voraus erklären, sich nach der Mehrheit der e i n gela ufenen rabbinischen Gutachten richten zu wollen. Ich wenigstens werde in Zukunft mich streng an diese Bedingung halten. Wer sie sich nicht gefallen lasten will, braucht kein Gutachten zu verlangen. Es versteht sich von selbst, daß hier nicht die Gutachten und Antworten eines Rabbinen in seiner Localgemeinde oder den Gemeinden seines Sprengels gemeint sind, die zu ertheilen er unter allen Umständen verpflichtet ist. Auch sieht man ein, daß ich für ein rabbinisches Gutachten keine unumstößliche Autorität in Anspruch nehme, wohl aber für die Majorität der eingeholten Gutachten. Denn ich frage, wozu fordert man sie denn sonst ein? Will man sich unterrichten, warum folgt man der Belehrung nicht? Schreibt man ihnen Beweiskraft zu, warum läßt man diese denn wieder nicht gelten? Sich aber zu einem bloßen Spiele herzugeben, ja daß man hinterdrein die bereitwilligen Antwortgeber verlacht, das halte ich für eine Erniedrigung, zu der wir nicht selbst die Hand bieten dürfen. Die Veranlastung, diese Betrachtungen anszusprechen, die uns schon lange im Sinne lagen, gab uns in diesen Tagen folgende Correspondenz aus Berlin. Berlin, 4. April. Die Orgelfrage betreffs der noch im Bau begriffenen zweiten Synagoge fand vorige Woche in einer lebhaften Sitzung der Repräsentanten ihren Abschluß. Dieselbe wurde mit 11 gegen 10 Stimmen abgelehnt. Da es zur Befugniß dieser Körperschaft gehört, die nöthigen Gelder zu bewilligen, so muß es füglich ihrem Ermessen anheimgestellt bleiben, ob sie die bedeutenden Ausgaben zur Einführung der Orgel machen will; allein die Entscheidung über das religiöse Bedürfniß der Orgel in Synagogen gehört schwerlich vor das Forum einer Versammlung, in welcher vielleicht kein einziges Mitglied — sit venia verbo — zu einem wirklich sachgemäßen Urtheil berechtigt ist. Dieser Gesichtspunkt der religiösen Zweckmäßigkeit allein war jedoch in jener Versammlung maßgebend und vorzugsweise von Männern aufgestellt, an deren Humanität sicherlich nicht der geringste Makel haftet, deren Religiosität aber in keiner einzigen Lebensrichtung zum Ausdruck gelangt. Es wurde sogar eines Gutachtens vom "General - Musik - Director Meyerbeer gedacht, der sich gegen die Notwendigkeit einer Orgel in der Synagoge ausgesprochen haben, soll, und gleichzeitig damit einen gutachtlichen Ausspruch des sel. Mendelssohn-Bartholdy in Verbindung gebracht, der für die katholische Kirche in Berlin — wegen des eigentümlichen und der jüdischen Weise sich nähernden Gottesdienstes — die Orgel für. ünnöthig; erklärte. Die Repräsentanten - Versammlung scheint nach alledem sich von der religiösen Zulässigkeit der Orgel schließlich überzeugt zu haben, theils durch die rabbinischen Gutachten, welche, so viel bekannt, mit Ausnahme des Dr Sachs'schen, sich sämmtlich dafür aussprachen, theils durch eigene Erleuchtung. Vielleicht kommt sie auch bald zur Erkenntniß, daß die Orgel nicht sowohl eine religiöse Bedürfnißfrage ist, — aber auch das war sie jederzeit —, die eben so gut todtgeschwiegen werden kann, als vielmehr eine Frage der Zeit, die gebieterisch an die Vertreter einer der größten Gemeinden hinantritt. — Im Vorstande ist bekanntlich die Orgelfrage einstimmig bejaht. Als interessantes Pendant zu dem Obigen mache ich Ihnen die Mittheilung, daß sich eine Gesellschaft „Chassidim" hier niedergelassen und ein Betlocal eingerichtet hat.*) Soweit unsere Correspondenz.- Wenn aber in der Berliner Repräsentanz gegen die einstimmige Entscheidung des Vorstandes und gegen sämmtliche rabbinische Gutachten, das des Dr. Sachs ausgenommen, 11 Stimmen gegen 10 die Einführung der Orgel verneinten, also eine Stimme den Ausschlag gab, wer war diese eine Stimme? Eine andere Mittheilung aus Berlin belehrt uns hierüber. Es war ein Banguier, dessen Brüder und Schwestern, dessen Neffen und Nichten, noch mehr, dessen Kinder getauft sind... Und wer ist der Meyerbeer, der die Einführung der Orgel in die Synagoge für ünnöthig erklärt? ein Mann, dessen Frau und Kinder protestantische Pietisten sind . . . Und wer ist der Mendelssohn, dessen Ausspruch über eine jüdische Bedürfnißfrage herangeholt wird? Ein Christ, der den Paulus geschrie- *) So wäre denn der Ausspruch unseres Hamburger Correspvndenten schon nach einigen Wochen wörtlich in Erfüllung gegangen! Der Chassidismus in Berlin! Wird nun die jüdische Kanzel von Berlin gegen diesen Götzendienst im Judenthume ebenso losdonnern, wie gegen die Reform? oder wird sie sich denselben gefallen lassen? Die Redaktion.