Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 26 (1862)
- Issue
- Heft 15 (8.4.1862)
- Date
- 1862-04-08
- Page
- Seite 183 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3226310-3226326--20235-3249290- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
183 senden Civilisation, Toleranz und Humanität in der letzten Zeit große Fortschritte gemacht haben; noch viel weniger die in Deutschland unlängst entstandene Neu- Orthodoxie, die nur einen sonderbaren Possen zeigen will, und, nachdem sie den Reiz der Neuheit verloren, selbst das Spiel, aufgeben wird; sondern den bereits viel besprochenen und ewig zu beklagenden Chossidismus, der in Rußland und Polen, im Hauptsitze der Juden, immer mehr an Terrain gewinnt und immer höher seine Geißel schwingt. Ich will in keine genaue Schilderung desselben eingehen, da er dem Leser hinlänglich bekannt ist und eine Wiederholung ihm nicht sehr angenehm sein wird. Nur eine an und für sich ganz unbedeutende, aber einen treuen Einblick in die Zustände der hiesigen Juden gewährende Thatsache will ich unfern entfernten Mitbrüdern zur Kenntniß bringen.— Es ist unserm Leser wohl bekannt, daß die hohe russische Regierung, von unfern bessergesinnten Glaubensgenossen aufs eifrigste unterstützt, alles Mögliche anwendet, auch die Juden dieses Landes auf die Bahn der Cultur einzulenken und sie der Civilisation näher zu bringen. Die besten und dazu geeignetsten Maßregeln sind bereits getroffen und in vielen großen Städten giebts schon wirklich ordentliche Schulen, wie auch moderne und mit den ttöthigen Kenntnissen dazu versehene Rabbiner. Nun ist auch dem hiesigen Gemeindevorstand der Befehl zugegangen, eine Normalschule zu gründen und statt des alten Rabbiners, der zwar als Praktikus der Kabbale gelten kann, aber sogar von thalmudischen Kenntnissen keine blasse Idee hat, einen neuen studirten aufzunehmen. Die Gemeinde gerieth dadurch in die peinlichste Verlegenheit; man berathschlagte, deliberirte, bis endlich, auf Anrathen Sr. Heiligkeit des Rabbiner I. — der nebenbei gesagt jetzt in unserer Mitte weilt und dem armen Volke auf eine unverschämte Weise den letzten Pfennig erpreßt — der lobenswerthe Beschluß gefaßt wurde, der Regierung zu erklären, daß der Gemeindesond solche Ausgaben nicht erlaube und auch zu gleicher Zeit die Subalternbeamten durch Bestechung, wozu man natürlich keine Geldopfer scheute, zu einer Vertuschung dieser ganzen Affaire zu bewegen. Bei einem solchen Acte können wir mit Recht mit dem Propheten Jesaja ausrusen .-pannm ins-» -pa, Israel, aus dir selbst stammen deine Zerstörer, und deine eigenen Söhne wollen dich herabwürdigen. Verzage aber dennoch nicht; du hast so manche harte Prüfung überstanden, so manchen Kampf ausgefochten, so wirst du mit der Zeit auch diesen Feind, den verabscheuen s- und bedauernswerthen Chossidismus, besiegen. b Dänemark. Kopenhagen, im Februar. (Privatmitth.) Die dänischen Juöen und die Berliner Revue. Unter den verschiedenen Canälen, deren sich die Kreuzzeitungspartei in Berlin bedient, um den von ihrem Hauptorgane unbenutzten Stoff in alle Schichten des Volkes zu leiten, giebt es ein nur ein Mal wöchentlich überlaufendes Canälchen, das sich „Berliner Revue" nennt. Als einen solchen Canal giebt sich diese „social < politische Wochenschrift" deutlich durch ihre ultrareactionäre Tendenz und durch einen starken Paroxismus von Judenhaß zu erkennen. In dem mir erst jetzt zu Gesicht kommenden Hefte vom 4. October vorigen Jahres befindet sich eine Correspondenz aus Kopenhagen, die in einer Schilderung dänischer Zustände den Nachweis zu geben sich bemüht, daß in Dänemark trotz seiner freien Verfassung und seinen demokratischen Institutionen dennoch Regierung und Volk von einem wahrhaft konservativen Geiste beseelt sind. Damit will er denn den deutschen Conservatismus beruhigen, dem der bloße Gedanke, daß in seiner Nachbarschaft ein Staat mit seiner in ihren Principien demokratischen und höchst liberalen Verfassung sich sehr glücklich fühle, wahrhaft schrecklich sein müßte. Der Correspondent sucht die Wahrheit seiner tröstenden Behauptung namentlich an den kirchlichen Verhältnissen nachzuweisen, indem er seine Leser über die freie dänische Kirchenverfassung besonders damit zu trösten weiß, daß in der dänischen Volkskirche „noch Vieles erhalten worden, was an den Katholicismus erinnere". Da der Correspondent, offenbar kein Däne, zu befürchten schien, seinen Artikel nicht pikant genug gemacht zu haben, so müssen natürlich die Juden herhalten und so tischt er denn als Dessert eine gute Portion ächten Judenhaß auf. Mit einem Stoßseufzer erwähnt er, daß nach der dänischen Verfassung „die Juden im weitesten Sinne des Wortes emancipirt sind; sie sind wahlberechtigt und wählbar für die communalen und staatlichen Repräsentationen, können alle Aemter bekleiden und haben Zutritt zu allen bürgerlichen und politischen Functionen." Doch auch hierüber weiß er das Gewissen feiner conservativen Leser zu beschwichtigen. „Wie", fragt er, 15**