Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 26 (1862)
- Issue
- Heft 14 (1.4.1862)
- Date
- 1862-04-01
- Page
- Seite 162 (sequence 6)
- Language
- German
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thümliche und selbst persönliche Motive Vorlagen, unter denen dann sein letzter Strauß mit den Juden nicht übergangen zu werden braucht. Dafür zeugt auch die Wahl feines Nachfolgers, der von ganz gleichen Tendenzen sein soll , die aber vielleicht unter der Aegide des jetzigen Gsammtministeriums noch scharfer hervortreten werden. Doch, qui vivra, verra. Doch da wir es auch nach dem Abtreten des Herrn v. Bethmann-Hollweg noch lange mit derselben Tendenz zu thun haben werden, so wollen wir hier aus einem Artikel der „Königsberger Hartung'schen Zeitung" vom 20. März: „Zur praktischen Würdigung des Art. 12 der Verfassung" eine Stelle hervorheben, welche die unmittelbaren Nachtheile schildert, die die Unduldsamkeit und Ausschließung in der Schulfrage nach sich zieht. „Seit einem Iahrzehend macht der höhere Lehrerstand eine jährlich schärfer sich abhebende Ausnahme von den übrigen, auf Geistesbildung bafirten Berufsarten, insofern er nämlich nicht an Ueberfüllung, sondern an Entvölkerung leidet. Die Nachfrage steigt und das Angebot mindert sich: es ist das eine Thatsache, welche das erste beste Zeitungsblatt in seinen Annoncen-Spalten anschaulich macht, und von den Betheiligten, von Schulpatronen und Directoren bereits sehr schmerzlich empfunden wird. Das sogenannte Probejahr ist langst zur Mythe geworden. Die Schulamtscandidaten werden fast durchweg vor absolvirtem Examen angestellt. Stellen mit 500 Thlr. Gehalt werden wie saures Bier vergeblich ausgeboten. In der Provinz namentlich bleiben Vacanzen oft lange Zeit aus Mangel an Bewerbern unbesetzt. Der Herr Unterrichtsminister selbst hat diesen Verhältnissen nicht ganz fremd bleiben können. Man hat ihn in der Kammer darüber interpellirt und er hat sich damit begnügen müssen, die Schuld auf allgemeine Verhältnisse zu schieben (ein musterhaft präciser Begriff) und die Möglichkeit, durch „Verwaltungsmaßregeln" hier einzuwirken, als ächter „Liberaler" geläugnet. Das hat uns nun nicht weiter überrascht, da es uns nur zu gut bekannt ist, wie und was etwaigen Reformgedanken preußischer Friede ns minister den Weg aus der Phantasie in die Wirklichkeit sperrt. Aber Eines denken wir, hätte Herrn v. Bethmann immerhin dabei einfallen können. Wenn man einmal nicht Helsen kann, und gern helfen möchte, so liegt es unter gewöhnlichen Umständen doch nahe, wenigstens des Schadens sich zu enthalten. Man mag die Juden für noch so „unduldsam" halten: jedenfalls wird man auch vom byzantinischen Standpunkte aus nicht läugnen dürfen, daß diesem Stamme ein gar bedeutendes Maß gerade der Fähigkeiten beiwohnt, die wir von einem Lehrer verlangen: ein scharfer, feiner Verstand, Sprachgewandtheit, eine treffliche Beobachtungsgabe, Mäßigkeit, Nüchternheit und Pünktlichkeit in Geschäften. Es scheint uns wenig väterlich gegen die preußische Äugend gedacht, wenn man in einer Zeit des entschiedenen Lehrermangels so tüchtige Kräfte, die ihrer Bildung sich widmen möchten, um müssiger, dogmatischer Spekulationen willen zurückweist. — Und dennoch weist man die Juden zurück, wenn sie nach absolvirten Studien sich um ein Schulamt bewerben. Fürchtet man denn dadurch, ihre Geldgier zu reizen, ihren Ehrgeiz zu kitzeln, ihren Einfluß ungebührlich zu steigern? Die Frage klingt wie trauriger Spott. Unsers Erachtens hätte der Staat über kein Zeichen der fortschreitenden Cultur sich mehr zu freuen, als über einen etwaigen Andrang der Juden zu einer Laufbahn, welche für zahllose Demüthigungen und Entsagungen keinen andern Ersatz gewährt, als das allerdings köstliche Gefühl geistiger Selbstständigkeit, als das erhebende Bewußtsein, in einer den meisten andern Beamtenlaufbahnen versagten Freiheit des persönlichen Wirkens mitzuarbeiten an der geistigen Auferbauung eines großen, zukunftsreichen Volkes." — Fügen wir dem Obigen noch ein kräftiges Zeugniß hinzu, welches über unsere Frage soeben ein ehrwürdiger Veteran der Wissenschaft abgelegt. Am 22. März hielt .zu Berlin auf der Universität, wie seit 50 Jahren, zu Königs Geburtstag (früher am 3. August, dann am! 5. October und nun am 22. März) Boeckh die Festrede, welcher auch der bisherige Unterrichtsminister Dr. von Bethmann-Hollweg beiwohnte. (Von den jetzigen Ministern war keiner erschienen.) Die Festrede handelte von Erziehung und Unterricht, und es wurde in der geistvollen Ausführung unter Anderem nachgewiescn, daß, wenn man die Schule für eine Staatsanstalt und die Kirche frei erkläre, es folgewidrig sei, jene dieser unterzuordnen, und ferner, daß das Bekenntniß keine Schranke für die allgemein menschliche Bildung sein dürfe, während „man jetzt die Confession auf das wissenschaftliche Gebiet zerren will." — Wir entnehmen auch der „K. Z": „Die heutige protestantische Kirchenzeitung sagt über den Wechsel im CultusMinisterium: „Was hat dieser Wechsel für uns zu bedeuten- Um es volksthümlich auszudrücken: wir sind vom Regen in die Traufe gekommen; von Bethmann- Hollweg war ein Mann des halbconfessionellen, milden, biblischen Pietismus; in v. Mühler ist das exclusive, confessionalistische Kirchenthum in kalter, juristischer Form an