Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 26 (1862)
- Issue
- Heft 13 (25.3.1862)
- Date
- 1862-03-25
- Page
- Seite 154 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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154 machen dieß noch alles schlimmer und carrikiren Herrn Sulzer und Friedmann auf eine schaudererregende Weise. Besonders herrscht unter ihnen, woran freilich die Gemeinden schuld sind, hinsichts der Gesangsweife eine schreckliche Verwirrung und bald werden für Choräle polnische Weisen substituirt und bald umgekehrt! Nirgends Weihe und Erhebung, sondern bald ein ohrenzerreißendes Geschrei von den jungen Schreihälsen, dem Chore, bald nichts als Singsang und leeres Getriller! Noch schlimmer ist es mit jenen Cantoren, die allen Anforderungen gerecht werden wollen, und die polnischen Weisen und Liedchen mit dem Schir Zion verbinden wollen, da hören wir zuerst einen Choral, Weschomru u. dgl. Pieaen und gleich darauf vom Chasan ein da capo in alter getrillerter Manier! Ich könnte Ihnen Herr Redactenr zahlreiche Beispiele und Namen anführen, aber wir wollen hier von allen Persönlichkeiten absehen und blos den heiligen Gegenstand vor Augen haben. Hoffentlich werden andere Correspondenten und Cantoren darauf zurück kommen und wir würden uns sehr belohnt fühlen, wenn wir die Aufmerksamkeit des kunstsinnigen Publikums auf diesen Gegenstand gelenkt hätten! B. Gyarmath, im Februar. (Privatmitth.) Die Geschichte einer an einem 17jährigen Mädchen verübten Zwangstaufe in Ungarn, welche fast alle Wiener Blätter dem Pesther Lloyd nacherzählten, ging aus dieser Quelle auch in die A. Z. d. I. (Nr. 6, Wien) über. Es hat indessen der Oberrabbiner Löw zu Szegedin in seinem Wochenblatt „Ben Chananja" einen Brief von dem unglücklichen Vater dieses Mädchens abdrucken lassen, in welchem „der wahre Hergang der Mortara-Affaire im Honther Comitat" erzählt und die Richtigkeit des Erzählten von Mi Zeugen bestätiget wird; und dürfte diese wahrheitsgetreue Mittheilung auch für die Leser dieses Blattes von Interesse sein, und das um so mehr, als ein anderes ungarisches Blatt*), dem wieder andere gleichgesinnte Blätter nach¬ *) k68Ü I^splö erzählt folgendes: „Ein schönes und gebildetes Fräulein jüdischer Religion verließ ihr väterliches Haus und begab sich zum katholischen Pfarrer zu Felsö-Tur mit dem Wunsche, zur katholischen. Religion übertreten zu wollen. Der jüdische Vater, der 11 lebende Kinder hat, belagerte mit seiner zahlreichen Familie und vielen Juden das Pfarrhaus und forderte dringend die Herausgabe des Mädchens. Da der Pfarrer aber durch schreiben, diese Affaire, auf Kosten der Wahrheit entstellte, damit der rhetorische Firniß die häßliche Flecken etwas verdecke. Ich theile denselben .daher hier im Dienste der Wahrheit mit. Nach einigen einleitenden Worten schreibt der Vater des Mädchens an den Redacteur des „Ben Chananja" wie folgt: „Meine Tochter Catharina, -17 Jahre alt, bereits seit mehreren Jahren leidend und öfter geistesirre, was auch der sie behandelnde Arzt bestätiget hat, ist am 21. DecemLer v. I. ans meinem Hause entflohen, ohne irgend einen namhaften Grund dafür zu haben, bei welcher Gelegenheit mir mein Silbereßzeug abhanden gekommen ist. Nach mehrtägigem, rastlosem Such en erfuhr ich, daß sie sich bei Herrn Josef Mezey , kath. 'Pfarrer zu Ober-Tur, befinde, wohin ich mich sogleich begab; es wurde aber trotz meiner dringenden Bitte, und trotzdem ich am 31. December v. I. den ganzen Tag vor dem Hause des Herrn Pfarrers in der größten Kälte gestanden und weinend mit gebrochenem Herzen, mit meiner Tochter zu sprechen verlangt habe — trotzdem Meine Söhne und Schwiegersöhne ihre Bitten mit den meinigen vereinigten — mir meine unglückliche, verleitete Tochter nicht gezeigt. Gegen 4 Uhr Nachmittags desselben Tages ist Herr Liptak, Oberstuhlrichter aus Jpoli-Sagh zu dem Herrn Pfarrer gekommen, und hat meine Beschwerde zu Protocoll genommen, ohne jedoch meine Tochter mit mir zu confrontiren, und mir zu dem entwendeten Silber zu verhelfen. Im Gegentheile wurde in meinem Hause eine gerichtliche Untersuchung vorgenommen, welche aber, wie selbverständlich, nichts constatirt hat. Der Herr Oberstuhlrichter hat mir auf mein dringendes Ansuchen zugesichert, daß ich am die mit Hilfe seiner zur Verteidigung des Mädchens herbeigeeilten Gläubigen über eine größere Kraft verfügen konnte als die belagernden Juden, gab er das verlangte Mädchen nicht heraus. Da der Vater und die übrigen Juden, wie aus der Verhandlung zu ersehen ist, mehrere unwahre Klagen gegen das Mädchen erhoben, intervenirte der Stuhlrichter, befragte das Mädchen, und da er aus ihrem verständigen und mit schönen Ausdrücken gezierten Vortrage, welcher eine nicht alltägliche Bildung verrieth, sich völlig überzeugte, daß es ihre Absicht sei zur katholischen Religion überzutreten, beschloß er, sie zur Rückkehr in's väterliche Haus nicht zu zwingen.- — Diese Tage wird das Mädchen in < den heiligen Bund der Ehe treten. Wie man uns berichtet, trat vor einigen Jahren die Schwester dieses Mädchens auch zur . katholischen Religion über, und lebt jetzt in glücklicher Ehe."