Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1862-03-25 · Heft 13 (25.3.1862) · p. Seite 150

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
26 (1862)
Issue
Heft 13 (25.3.1862)
Date
1862-03-25
Page
Seite 150 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3226310-3226324--20190-3249243
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

150 Moses Gutmann, Rabbiner in Redwitz, starb am 1. Februar d. I. nach kurzem Lager im 57. Lebensjahr und 35. seiner Amtsthätigkeit. An diesen Namen knüpft sich ein Stück.jüdischer Culturgeschichte. Nicht deshalb, weil er in der theologischen Literatur sein Wort mitgesprochen hat; diese Beweise seines Fleißes und literarischen Eifers gehören der jüdischen Literaturgeschichte an, sondern sein Eintritt in's Amt bildet eine Epoche in dem Fortschritt der deutschen Judenheit. Er fällt in die Glanzperiode der bayrischen Regierungstoleranz. Bayern nämlich und in Bayern die beiden Regierungen Baireuth und Ansbach haben unter anderen glänzenden Erbschaften aus der preußischen Zeit auch die Verlassenschaft des Mendelsohn'schen.Geistes und Verdienstes um die Lichtschaffung in den jüdischen Gemeinden eum beneüeio angetreten. Hier wurde nach Einführung der bayrischen Verfassung mit dem Eintritt der zwanziger Jahre das wichtigste Moment für eine bessere Erziehung der israelitischen Bürger in's Auge gefaßt, nämlich die Heranbildung methodisch gebildeter Pädagogen und Geistlicher. So wurden 1823/24 die ersten in Seminarien gebildeten Lehrer eingesetzt, und 1827 freute sich die damalige Regierung des Obermainkreises in dem jungen Gutmann, der schon zu 22 Jahren eine glänzende Prüfung über seine zu Erlangen gemachten Gymnasial- und philosophisch-theologischen Studien abgelegt hatte, den ersten Rabbiner, der mit gründlichen talmudischen Kenntnissen auch akademische Bildung verband, bestätigen zu können*). Daß er auch den Erwartungen dieser intelligenten Kreisstelle entsprach, wurde ihm bereits im 2. Jahre seiner Amtsführung bewiesen, in dem er von der Kreisregierung als Commissär bei der Prüfung jüdischer Lehrer zu Würzburg der dortigen Behörde empfohlen wurde. Sein Takt, seine Sachkenntniß und Unparteilichkeit gewannen ihm damals allseitige Achtung. Ueberhaupt hatte ein unermüdeter Forschergeist, eine philosophische Erhebung über allen äußerlichen Schmuck und Genuß und eine unerschütterliche Festigkeit des Characters sich bei Gutmann frühzeitig zur Bestimmung seiner Richtung vereinigt. Mit der Rabbinen- *) In einem öffentlichen Berichte über seine Installation, bei welcher alle Geistlichen der Umgegend sich betheiligten, heißt es, daß seine Antrittsrede alle Anwesenden zur Bewunderung und Rührung hinriß. lehre und deren biblischer Basis durch heimischen und Jeschiba-Unterricht vertraut; aber durch die Klarheit seines Geistes überzeugt, daß die Ethik des Judenthums durch ungeeignete Zusätze und ungeschickte Pfleger verdunkelt, einer Reinigung bedürfe, um nach ihr^r Trefflichkeit bei den eigenen Bekennern gewürdigt zu werden, und den Angriffen äußerer Kritik widerstehen zu können, nahm er den Faden Mendelsohn'scher Auffassung des Judenthums auf, und was der große jüdische Philosoph des 18. Jahrhunderts im Norden als Gedanken und Plan darstellte, dem hat Gutmann, der stets offen und frei seine Stirne trug, in der Praxis Leben und Gestaltung gegeben. Er zerbrach unwesentliche Ceremonien-Formen, und es gelang ihm, durch Verbesserungen in Liturgie und Unterricht seine Parochianen aus dem Jndifferentismus in ein.Interesse für jüdischreligiöses Leben hinüber zu führen. Denn durch ihn wurde der innere Geist des Judenthums wie sein äußeres Ansehen gehoben, und die Staats-Regierung, die sich durch ihn zur Aufsuchung und Anstellung ähnlicher Fachkräfte bewogen fand, wurde dadurch zum Muster. Gutmann's Bestrebungen fanden auch wirklich bald hülfreiche Hände in seinen mit ihm und nach ihm berufenen Freunden und Collegen Dr. Löwi, Aub und Stein, und mit diesem Zuwachs an, Gesinnungsgenossen begrüßte er freudig die Gelegenheit, seine geläuterte Religions-Anschauung über den engen Kreis seines Sprengels hinaus zu tragen. . Leider fand die damals projectirte Herausgabe der angekündigten Koheleth und seines Theils fertigen Bibelausgabe nicht die gehoffte Unterstützung. War ihm hier die lässige Wirklichkeit schon entgegengetreten, so legte ihm ein Umschwung von oben herab noch größere Hindernisse in den Weg. Mit dem Jahre 1836, unter den Ministerien Wallerstein und Abel, für deren Namen die bayerische Staatsgeschichte überhaupt nur einen Weheruf kennt, trat besonders für die Juden eine traurige Hemmung der Innern und äußern Entwicklung ein. Gutmann's lichtsuchender Geist zog sich von da an fast ganz auf das Feld der Theorie zurück. Von früh bis spät in den Räumen der Wissenschaft und bei den classischen Schriften der alten und neuen Zeit weilend*), machte er gründliche *) Er machte keinen Spaziergang ohne Vsäemeeum eines classischen Werkes der alten und modernen Sprachen, deren er Meister war.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.