Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 26 (1862)
- Issue
- Heft 13 (25.3.1862)
- Date
- 1862-03-25
- Page
- Seite 148 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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148 bens, des Atheismus hinzu, den ich als eine schlechthin verwerfliche Erscheinung neuester Zeit deutlich genug von der Unvollkommenheit der alten Welt unterschieden zu haben glaube. — Möchte diese Erläuterung in Ihnen, hochgeehrter Herr, und, falls Sie dieselbe, wie ich es wünschen muß, veröffentlichen, in weitern Kreisen die Ueberzeugung Hervorrufen, daß neben dem entschiedensten Bekenntniß meines Glaubens mir liebloses Urtheil über anders Denkende durchaus fremd ist. Berlin, den 12. März 1862. v. Bethmann-Hollweg, Staatsminister a. D. Diese Erwiderung richtet sich selbst, da sie einerseits den Vorwurf der „Verfolgungssucht" vollständig zurücknimmt und ihn auf einige Strafgesetzbestimmungen des Pentateuchs beschränkt, welche aus den damaligen Verhältnissen allein aufgefaßt und verstanden, schon von der Tradition vollständig gemildert wurden, so daß sie geschichtlich niemals in Anwendung kamen, zum Theil auch von dem Briefsteller, z. B. durch das Wort „leichtsinnig" outrirt worden; andererseits wieder ganz neue, unwahre Behauptungen aufstellt, z. B. von der Intoleranz des Heidenthums, welche einer spanischen Inquisition und einer Mortarageschichte niemals sich schuldig gemacht. Wir können uns hier im Augenblicke auf eine ausführliche Widerlegung nicht einlaffen; wundern muß man sich aber, wie Herr v. Bethmann-Hollweg seinem eigenen bekannten System ins Gesicht schlägt, das den Staat nur als einen „christlichen" gelten lassen will, der also der Religion untergeordnet wäre, das Gesetz Mosis tadelt, von dem doch sein Meister sagt: „er sei gekommen, nicht einen Buchstaben des Gesetzes aufzuheben", und wie er von Duldung und Freiheit spricht in dem Augenblicke, wo er Männern ihren Lebensberuf abschneidet, dem sie alle ihre Kräfte gewidmet,, und zu welchem sie durch glänzende Prüfungen für befähigt erklärt worden sind, weil sie Juden sind. Eine glänzendere Rechtfertigung unseres offenen Briefes hätte Herr v. Bethmann-Hollweg nicht geben können. Zeitungsnachrichten. Deutschland. Hamburg, 7. März. (Privatmitth.) Es ist jetzt in uuserer Gemeinde eine noch nie dagewesene Spaltung vorhanden. Ein Theil der Mitglieder verlangt die Auflösung der Gemeinde mit Liquidation aller Geld- und Eigenthumsverhältnisse, unbekümmert, ob sich hernach eine oder mehrere neue Religionsgenoffenschaften bilden. Ein anderer, weit größerer Theil, zu welchem auch die Orthodoxen gehören, verlangt dagegen Reformen ohne Auflösung. Bisher ist der Kampf von beiden Seiten recht anständig durch Collectiv-Memoranden, durch debattirende Versammlungen und durch sehr kurze und leidenschaftliche Zeitungsartikel geführt. Das fängt indessen schon an aufzuhören und es scheint beinahe, als ob wir im Begriff wären, vor unfern christlichen Mitbürgern ein recht unerquickliches Drama aufzuführen. Hoffen wir, daß noch Alles mit Anstand zugehen und daß unsere schwarze Wäsche blos en famille gesäubert wird. Karlsruhe, 1. März. Das „Fr. I." enthält verschiedene Correspondenzen von hier, welche wir folgen lassen. Vom 21. Februar: Das Sekretariat verlas in der heutigen Sitzung der zweiten Kammer 73 Petitionen gegen die bürgerliche Gleichstellung der Juden, darunter 67 lithographirte. Eine Petition ist zwar im Princip für die Gleichstellung, beantragt aber eine Reihe von Gesetzen gegen Wucher, Schacher rc., deren Tendenz dahin geht, die Juden zu braven Staatsbürgern zu erziehen. — Vom 24. Februar: Die Ankündigung von etwa zwanzig Petitionen gegen bürgerliche Gleichstellung der Juden bildet wieder den Eingang zur heutigen Sitzung der zweiten Kammer. Dagegen erscheint auch eine Erklärung des Gemeinderaths von Lahr gegen diese Petitionen. Diese Erklärung stellt den Schlußantrag, mit aller Kraft der Regierung bei Durchführung ihres Entwurfes zur Seite zu stehen. — Vom 22. Februar: Daß das Gesetz über die völlige politische Gleichstellung der Juden mit den Christen seine Gegner finden werde, ist an sich nichts Ausfallendes. Konnte selbst ein Mann von so unbezweifeltem politischem und religiösem Freisinn, wie Rotteck, der heftigste Gegner jener Reform sein, so ist es nicht zu verwundern bei Solchen, die mehr von engherzigen Ansichten und unklaren Gefühlen geleitet werden. Es ist auch oft leichter, unabhängigen Freimuth nach Oben, als nach Unten zu bewähren. Volksgnnst ist nicht minder verführerisch, als Fürstengunst. Die Sache der Emancipation dünkt den Einen unvereinbar mit der Grundlage des „'christlichen Staates",' den Andern unvereinbar mit den historischen Rechten und particularen Privilegien einzelner Orte. Nicht Wenige werden beherrscht von