Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 26 (1862)
- Issue
- Heft 12 (18.3.1862)
- Date
- 1862-03-18
- Page
- Seite 141 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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m Rabbiner sind an vielen Orten so jämmerlich situirt, daß sie kaum den Much einer Meinung haben, dazu sind sie auch unter einander uneinig, namentlich stehen die Localrabbiner den Kreisrabbinern feindlich gegenüber und — duobus lijigantibus terlius gaudet. Unmündigkeit der Gemeinden, Herrschsucht der Vorsteher, Hülflosigkeit der Rabbiner — so ist hie Lage. Einzelne einsichtsvolle und energische Personen können dem Chaos des Ganzen gegenüber nichts wirken — der Fluch der langen Knechtschaft und der Mißverwaltung tritt jetzt schaudererregend zu Tage, wie im Großen, so im Kleinen, nur daß es sich im Kleinen noch jämmerlicher und widerlicher ausnimmt. Äus Südungarn, 6. März. (Privatmitth.) Allgemein macht jetzt die Nachricht durch alle Zeitungen die Runde, daß die k. ungarische Hofkanzlei die Synagoge und Schule der sogenannten magyarisch-israelitischen in der vorjährigen Sturm- und Drangperiode begründeten Gemeinde in Groß-Wardein vorige Woche behördlich schließen ließ. Es ist diese Maßregel wohl eine strenge, aber hier von der Nothwendigkeit gebotene, da wohl eine religiöse und obgleich noch so kleine Differenz zu einer Spaltung und Trennung einer Synagogengemeinde führen kann, indem jede Fraction auf die Gewissensfreiheit pochend, für sich allein ein separates Gotteshaus haben will, um den Allvater nach ihrer Fayon anzurufen; wo aber , die Politik rc. in die Religion sich einmischt und mit dem Heiligsten arger Mißbrauch getrieben wird, da ist es Pflicht des Staates, einzuschreiten. Es fehlen uns nähere Berichte über die traurige Spaltung in Groß-Wardein, die von allen Edeldenkenden sehr beklagt wird; aber eine vor Kurzem an die Gemeinden in Ungarn von der magyarischen Synagogenpartei versendete Broschüre: „Der Jssur in Groß- Wardein, kritisch beleuchtet von Julius Springer, autorisirtem Rabbiner", hatte gerade die entgegengesetzte Wirkung, indem sie die neue Gemeinde vollends um alle Sympathie brachte. Eine Gemeinde muß eine Sache für gänzlich verloren halten, wenn sie einen Springer zu ihrem Anwalt wählt! Wir übergehen mit Verachtung diese elende, von grammatikalischen, Druck- und Schreibfehlern strotzende Broschüre, die ihre Mission vollendet; denn eine bessere Rechtfertigung des behördlichen Vorganges konnte sich die alte und deutsche Gemeinde nicht wünschey. Noch lächerlicher ist das prahlerische Budget der magyarischen Gemeinde (Magyar. zsido közseg), wo die Einnahme im abgelaufenen Jahre 14,486 Fl. öst. W. und die Ausgaben 12,958 Fl. betrugen, mehr also, wie stolz hinzugefügt wird, wie das Budget der vereinigten Gemeinden gar je erreichte! Es ist dies eine alte Erfahrung, daß bei Haß und Parteizwist die Mitglieder mit einer Selbstverläugnung, die einer bessern Sache würdig ist, die größten Opfer um so bereitwilliger darbringen, je unversöhnlicher der Kampf ist, der sie von einander trennt. Wie viel Tausende und aber Tausende betrugen die Proceßkosten der Gemeinden zu P. und M. rc.? Solche Rechnungen können also höchstens den Nichtunterrichteten täuschen, während der mit den Umständen Vertrautere darin nur eitel Blendwerk und ein wahres satanisches Spiel erblickt. Eine wahre Entrüstung hat eine in Szegedin fabricirte Correspondenz des Ben Chananja No. 9 hervorgerufen, die ebenfalls die obige Nachricht mittheilt und es dabei nicht unterlassen kann, ihre verbissene Wuth gegen den immerhin bemitleidenswerthen Rabbiner Landesberg in Groß-Wardein auf gemeine Weise auszulassen und eine von demselben im Jahre 1844 erschienene Predigt nach 20 Jahren — ein seltenes Beispiel von Kritik — herunterzureißen. Arme Magyar zsido közsSg! mit Katzenmusiken wurde sie begründet und mit Recenstonen des Ben Chananja geschlossen und zu Grabe getragen! Herr Rabbiner Landesberg, der bei leerem Magen — der Gehalt wurde ihm seit 1'/- Jahren vorenthalten — manche harte Pille in diesem Zeiträume verschlucken, so viel Katzenjammer über sich gehen lassen mußte, wird auch mit Resignation die genannten Kritiken verschmerzen. — — Viel erfreulicher gestatten sich die Verhältnisse in Pesth, wo der neue Vorstand eine energische, lobenswerthe Thätigkeit entwickelt und besonders der Schule und dem Spitale viel Aufmerksamkeit widmet. In der letzten Sitzung wurde der Bau eines großartigen Schulhauses beschlossen und Herr Vorsteher vr. Hirschler, einer der berühmtesten Augenärzte in Ungarn, erfreut sich einer seltenen Sympathie bei allen Parteien. Herr vr. Hirschler wußte sich bisher mit seltenem Takte über alle religiösen und politischen Differenzen hinwegzusetzen und das Augenmerk der Gemeinde auf edlere Zwecke und Ziele zu richten, als für die Abschaffung und Beibehaltung eines Piut eine Lanze zu brechen. Hoffentlich ist die Zeit nicht mehr fern, wo man mitleidig auff bte Bertheidiger wie auf die Bekämpfer des Piut u. dgl. blicken und den Fortschritt des Judenthums auf 12