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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1862-03-18 · Heft 12 (18.3.1862) · p. Seite 134

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
26 (1862)
Issue
Heft 12 (18.3.1862)
Date
1862-03-18
Page
Seite 134 (sequence 2)
Language
German
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134 welcher den Juden ein solcher Vorwurf gemacht werden kann. Freilich werden Sie antworten: Wenn das Judenthum die Macht besäße, so würde es verfolgungssüchtig sein. Dann aber mußten Sie sagen: Die christliche Welt war verfolgungssüchtig, die jüdische wäre es gewesen! Ferner werden Sie einwenden: Es war nur ein mißverstandenes Christenthum, in dessen Namen die Verfolgungen geschahen! So antworten wir: Es wäre nur ein mißverstandenes Judenthum gewesen, in dessen Namen Verfolgungen hätten stattfinden können. Jedenfalls kommt es uns Juden doch sonderbar vor, daß man, während man uns verfolgt, ausschließt und unterdrückt, uns zuruft:, Ihr seid verfolgungssüchtig! Magdeburg, den 7. März 1862. Dr. Ludwig Philippson, Rabbiner. Obiges Schreiben ist in mehreren preußischen Zeitungen durch uns veröffentlicht worden. In derselben Angelegenheit erhalten wir aus Berlin folgende Correspondenz: Berlin, 7. März. Die am 4. d. M. bei Gelegenheit der Debatte über die Petition der Stadt Posen wegen Anstellung des Dr. Jutroczinski von dem Herrn Unterrichtsminister .im Abgeordnetenhause gethane Aeußerung: „Das Christenthum sei tolerant, das Judenthum, das Heidenthum und der Atheismus aber verfolgungssüchtig", hat hier in den weitesten Kreisen, und wie denkbar, besonders innerhalb der jüdischen Gemeinde ein eben so großes als peinliches Aufsehen erregt. Die Lehrercollegien, als natürliche Pfleger und Schirmer der ideellen Interessen der gesummten Glaubensgemeinde und als treue und eifersüchtige Wächter der bereits unter schweren Kämpfen gewonnenen Positionen in der Gesellschaft sowohl wie in den Gemüthern ihrer nichtjüdischen Mitbürger, die Lehrer der Jugend also haben geglaubt, Angesichts solcher Vorgänge zuerst die ihnen gebührende Stellung einnehmen zu müssen, und aus solcher Anschauung ist das nachfolgende Schreiben an den Gemeindevorstand hervorgegangen. Wohllöblicher Gemeinde-Vorstand! In der am 4. d. M. stattgehabten Verhandlung des Abgeordnetenhauses über die die . Anstellung des vr. Jutroczinski betreffende Petition hat der Herr Unterrichtsminister v. Bethmann-Hollweg in demselben Augenblicke, in welchem es einem unserer Berufsgenoffen, dem Dr. Jutroczinski, ein wohlbegründetes Recht vorenthalten zu müssen glaubte, gleichzeitig auf die Religion, der der Betheiligte angehört und um derentwillen allein erleidet, und indem er sie, im Gegensatz zum Christenthume — als dem alleinigen Träger der Toleranz — dem Heidenthum und dem Atheismus gleichstellte, den Makel der Unduldsamkeit und Bersolgungssucht geschleudert. Inwiefern der Ausspruch des Herrn Ministers ein Widerspruch ist gegen die offenkundigsten geschichtlichen Thatsachen, darüber werden, die Männer der Wissenschaft, denen einseitiges Kirchenthum den Blick noch nicht getrübt, zu Gericht sitzen. Religions¬ und Geschichtsquellen, ganze Gesetzgebungen und einzelne Edicte werden ihnen das ungefälschte Material in die unbefangene Hand reichen, und dies ist keine Judenangelegenheit, sondern eine Sache der Wahrheit und Wissenschaft. Inwiefern weiter aus der Aeußerung des Herrn Ministers einem berechtigten Staatsbürger politische Nachtheile erwachsen sollen oder können, darüber hat das hohe Haus der Abgeordneten zu wachen, nicht als über eine Judenangelegenheit, sondern als eine Sache von Recht und Gesetz überhaupt. Inwieweit aber drittens und schließlich die Aeußerung des Herrn Ministers von unheilvollen socialen Folgen sein kann, indem sie, von solcher Höhe kommend, dazu angethan ist, in das freundschaftlichere Gesellfchaftsbild des Jahrhunderts die empfindlichsten Risse zu machen; ja die dazu angethan ist, den Juden in unserem Vaterlande, der seit nunmehr einem halben Jahrhundert an der Hand einer humaneren Gesetzgebung mit voller Freudigkeit eingetreten ist; in die allgemeine Arbeit der Bildung und Sitte, wiederum in der Gesellschaft zu isoliren, — nur in so weit und als Vertreter eines namhaften Theils der Gesellschaft, der in Gefahr ist, an den Segnungen des confessionellen Friedens von Neuem durch kleinliche Kämpfe Schaden zu leiden, erwächst, nach unserem Bedünken, dem wohllöblichen Gemeinde-Vorstände die Pflicht, gegen die Aeußerung des Herrn Ministers an geeigneter Stelle die entschiedenste Verwahrung einzulegen. Wir, die Erzieher der Jugend, denen Religion und Sittlichkeit nicht denkbar ist ohne sichtbare Betheiligung an Staat und Gesellschaft als Humanität, wir haben geglaubt, bei dieser Gelegenheit unfern Anschauungen und Empfindungen einen offenen und unumwundenen Ausdruck geben zu müssen. Berlin, den 7. März 1862. Die Lehrercollegien der hiesigen jüdischen Schulen. Horwitz, Rector der Gemeinde-Knabenschule und der Lehrerbildungs-Anstalt. I. Engelmann, Dirigent der Gemeinde-Mädchenschule. Ör. D. Cas-

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