Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 26 (1862)
- Issue
- Heft 11 (11.3.1862)
- Date
- 1862-03-11
- Page
- Seite 123 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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123 flüssig wird, um später wer weiß, welch neue Gestalten zu bilden."*) . Ebendaselbst S. 92 (vom 15. Juni) schreibt er: „Viele/Betrachtungen über Judenthum angestellt; die Zähigkeit und Dauer des Volkes ist merkwürdig und mit ihrer wesentlichen, aber engen Frömmigkeit in tiefstem Zusammenhang; sie haben dem allgemeinen Bildungsgänge der Menschheit den von ihnen ausgestoßenen Jesus gegeben, dann Spinoza'», und geben noch täglich die außerordentlichsten Kräfte ab in Tausenden von Getauften und Nichtgetauften, ohne daß ihr eigener B e st a n d ärmer wir d." — Diese letzten Worte sind sicher ein bedeutungsvolles Zeugniß von Seite eines Mannes, der viel mit getauften Juden umgegangen. Uebrigens spricht hier Varnhagen nur von Personen) denn wenn er an Schriften gedacht hätte, so mußte er weit über Jesus hinausgreifen und die unermeßliche Wirksamkeit erwägen, welche Israel durch die Schriften der Bibel auf den allgemeinen Bildungsgang der Menschheit geübt hat und fortwährend übt, eine Wirksamkeit, auf welcher das beste Theil, welches selbst das Christenthum bewirkt hat, beruht, und die in Regionen eingriff, welche, das Chrisienth um unberührt ließ, nämlich die Gesellschaft..— Gerade aus dem Gesichtspunkte, den Varnhagen hier eröffnet, möchten wir den Schluß ziehen: daß der Jude seinen höchsten Beruf dann erst erfüllt, wenn er zu gleicher Zeit, wie das Mendelssohn gethan, auf den allgemeinen, menschengeschlechtlichen Bildungsgang einwirkt und innerhalb seines Glaubens und Stammes angestrengt einen tüchtigen Einfluß übt. Das muß aber nicht blos für hochbegabte Geister die Richtschnur fein, sondern für jeden Juden, der sich seiner Aufgabe in Religion, Gesellschaft, Staat und Volk gleich bewußt wird. So grll wie der Jude unserer Zeit zur Karrikatur wird, wenn er sich innerhalb der alten Schranken des mittelalterlichen Ghettos verbarrikadirt, so wird er auch zu einem Zerrbilde, wenn er den Boden des Judenthums, aus dem er erwachsen, mit seinen Füßen von sich stoßen und in die Allgemeinheit aufgehen will. Varnhagen befand sich im Juli 1845 im Bade zu Homburg und verzeichnete am 24sten in seinem Tagebuche (S. 135) über die damals in Frankfurt am Main *) S. hierüber die erste unserer Vorlesungen „über die Resultate in der Weltgeschichte" (Baumgärtuer 1860). tagende Rabbiner-Versammlung folgende Worte: „Die Leute erzählen hier Wunder von der Versammlung von Rabbinen, die jetzt in Frankfurt stattsindet; Jedermann wird als Zuhörer zugelassen, und die Frankfurter strömen herbei, das merkwürdige Schauspiel mit anzusehen. Abgesehen von der Wichtigkeit des Inhalts der Debatten, soll die Form derselben sehr anziehend sein. Geläufig und eindringlich reden können Alle, Manche zeigen das größte Rednertalent; nur Wenige sollen den jüdischen Accent hören lassen. Einige das klarste und reinste Deutsch reden. Man hätte nie diese Talente, diese reife Sachkunde und Geschicklichkeit des Vortrags in diesem Kreise vermuthet. Wie auch das Ergebniß ausfalle, von den Verhandlungen haben die Juden große Ehre, und die Rabbiner flößen den Christen in Frankfurt eine bisher ihnen versagte Achtung ein." — Man merke sich dieses! Nicht uninteressant ist es, aus dem angeführten Bande S. 101 zu ersehen, daß Herr v. Bethmann-Hollweg schon 1845 als Nachfolger Eichhorns zum Minister der geistlichen und Schulangelegenheiten bestimmt war. Barnhagen charakterisirt den Mann an der angeführten Stelle in kurzen, scharfen Zügen. Was Barnhagen besonders auszeichnet, ist sein humanes und unparteiisches Wesen, mit welchem er das Gute, wo er es findet, würdigt und hervorhebt und das ihm bei einer festen und geordneten Ueberzeugung, selbst die Gegensätze, wenn er sie für aufrichtig hält, achten läßt. Ueberaus freundlich gedenkt er stets der Juden, die ihm verdienstlich erscheinen, wie L. A. Frankl, Sachs, Zedner, Veit u. A. Der dritte Band von „Varnhagens Tagebüchern" enthält einige eigenthümliche Bemerkungen dieses freifinnigen, aber gottgläubigen Verfassers, deren Nutzanwendung auch für uns nicht ganz verloren ist. Er schreibt S. 466, 18. November 1846: „Dieser Gedanke hat mich heute viel beschäftigt: die Christen haben auf ihrem Ausgange aus der Lehre in die Welt das meiste Gute verloren und vergessen, wohl auch als zu beschwerlich abgeworfen, und laufen mit dem bloßen Namen weiter, der freilich leicht zu tragen ist. Redliche, wohlgesinnte Leute haben die verlorenen Päcke und Bündel aufgerafft und tragen 'sie ihnen keuchend nach, aber Jene wollen auf den Zuruf nicht hören und meinen, sie hätten all das Ihre. Rousseau, Pestalozzi, Fichte, Saint-Simon, jede neue Theorie, Alles 11*