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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1862-03-11 · Heft 11 (11.3.1862) · p. Seite 122

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
26 (1862)
Issue
Heft 11 (11.3.1862)
Date
1862-03-11
Page
Seite 122 (sequence 2)
Language
German
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122 der germanisch-pietistischen Vergewaltigung auftreten, involviren die Unterdrückung der Juden von selbst. Nur der Rechtfertigungsgrund, den man vorbringt, ist zu charakteristisch, als daß seiner hier nicht erwähnt werden sollte. Der Kurfürst und seine Interpreten sagen: die Juden hätten an dem revolutionären Treiben Theil genommen und müßten dafür gestraft werden. Diesen Grund zu widerlegen, darauf hinzuweisen, daß, wenn auch einige Juden unter den Extremen und Radikalen damaliger Zeit sich befanden, nicht minder andere Juden unter den Reactionären glänzten, die große Masse der Juden aber gerade sich von aller Betheiligung nach beiden extremen Seiten hin zurückgehalten habe — wofür wir aus unserer Erfahrung selbst Belege bringen könnten — hervorzuheben, daß Unschuldige doch nicht mit Schuldigen leiden dürften u. s. w., wäre eine überflüssige Arbeit, da sie den kurhessischen Gewalthabern gegenüber völlig nutzlos und verschwendet wäre. Wie gern möchte man den ausdauernden Widerstand deS ganzen Hessenlandes gegen die allergnädigst verliehene neue Verfassung den „Judenjungen" in die Schuhe schieben, wenn nicht die kurfürstliche Regierung selbst sich dies dadurch unmöglich gemacht hätte, daß sie die Juden vom Wahlrecht ausgeschlossen hat. Hoffen wir daher auf den Sieg des Rechtes, er ist auch hier wieder der unsrige. Wir sagten, daß wir zu obigen Aeußerungen Veranlassung gehabt. Diese liegt in einer eben erschienenen Broschüre, welche wir unfern Lesern dringend empfehlen wollen: „Recht und Gewalt in Kurhessen. Ein Capitel aus dem Leben eines Scheintodten von Dr. jur. utr, I. Kunreuther, durch Decret der Staatsprüfungscommission qualificirten, durch landesherrliche Gnade rejicirten kurhessischen Obergerichts-Referendar. Leipzig 1862." Schon in No. 43 des vorigen Jahrgangs S. 616 haben wir die Leidensgeschichte des Verfassers erzählt. Der ausführliche Commentar hierzu nebst allen actenmäßigen Belegen findet sich in diesem Heftchen. Der Verfasser, nachdem er vier Examina mit solcher Auszeichnung bestanden, daß er dadurch die Aufmerksamkeit des ganzen Landes auf sich gezogen, zuletzt die Staatsprüfung als Obergerichts-Referendar, wurde dennoch schon von der vorbereitenden Beschäftigung als solcher ausgeschlossen, weil er — Jude ist. Im Vertrauen auf das Gesetz, hatte er seine ganze Jugend auf das Rechtsstudium verwandt und mußte nun um so bitterer erfahren, daß weder Gesetz noch Recht in seinem Vaterlande gelte. Weder Rechtsdeductionen, noch Gnadengesuch an den Kurfürsten halfen: Herr K. mußte auswandern und befindet sich jetzt in Gotha. Die Broschüre liefert.übrigens den Beweis , daß der Verfasser den Humor hei der' Sache nicht verloren hat, und einige Stellen seiner.Broschüre erinnern an Börne's beißende Feder; an anderen Stellen ist der Witz etwas gemacht und am meisten hätten wir dafür einen gewissen Aufschwung im letzten Theile gewünscht. Würden wir bei Abfassung des Schriftchens eine Stimme gehabt haben, so hätten wir gerathen, den Text des an den Kurfürsten gerichteten Gnadengesuches, der freilich nicht ganz aus der Feder des Herrn K. (wie er selbst erzählt) geflossen, wegzulassen, da er nur einen unangenehmen Eindruck hinterläßt. Jüdischerseits betonen wir mit Genugthuung, daß es schließlich nur die Glaubenstreue war, welche dem Herrn K. sein bitteres Leid zugezogen, da der damals allmächtige Vilmar, sowie der Justizminister Rohde dem Candidaten die glänzendste Laufbahn verhießen, sobald er sich taufen lasse. Zerstreute Bemerkungen. In diesen Tagen kam der dritte-und vierte Baud von „Varnhagens von Ense Tagebücher" an. Der dritte Baud beginnt mit 1845. Je höher die politische Fluth schwoll, je drängender und verworrener die ^Verhältnisse, je schwankender die Personen wurden, desto höher hebt sich in diesen Tagebüchern der Geist Varnhagens, desto edler, besonnener, von keiner Parteiwuth hingerissen, wahrhaft einsichtsvoll und patriotisch zeigt er sich. Folgendes ist eine schöne Stelle S. 81 Bd. III. (vom 27. Mai 1845): „Die Langsamkeit der Bewegung, die Unscheinbarkeit des Wechsels in der leisen. Folge der Wellen können über das Steigen und die Richtung der Fluth nicht täuschen, die uns allmählig hebt und entführt. Jeder Tag , so ähnlich er dem andern aussehen mag, zeigt mir den unaufhaltsamen Fortgang, und sichtbar wird der Strom breiter und breiter, Alles führt ins weite, offene Meer, in üngemeffene Fernen und Größen hinaus. Wie die äußern Verbindungsmittel, wachsen auch die innern, jeder Winkelort tritt in den Weltverkehr und ebenso jeder Geisteshauch; was. ehemals in abgeschiedener Vereinzelung wirkte und erstarb, wird jetzt in eine Gemeinsamkeit gezogen und aufgelöst: Die Welt geht ungeheuer» Entwickelungen entgegen, in denen das bisher Festeste, Religion, Staat; Sitten, Volkheit fürerst

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