Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1862-03-04 · Heft 10 (4.3.1862) · p. Seite 110

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
26 (1862)
Issue
Heft 10 (4.3.1862)
Date
1862-03-04
Page
Seite 110 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3226310-3226321--20135-3249185
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

; " i '} m 'S ii I 1 W . M Glaubens, die sich mit einander verheirathen, liegt nun der Widerspruch, daß sie einerseits ihrem Glauben treu^ sind, so daß keine von Beiden zu -der Religion .der 'andern überzutreten sich entschließen' kann- und daß sie an- , dererseits in ihrer Religion so schwach sind, daß sie die' Gefahr, ihr Leben von ihrer Religion, gerade auf deren lauterstem und innigstem Gebiete, dem Familienleben, der Erziehung der Kinder u.,s. w. nicht. durchdringen und erfüllen zu lasten, und in der höchsten Anschauung und den heiligsten Gefühlen sich vom Gatten verschieden zu wissen, nicht scheuen. Derselbe Widerspruch ist aber, wie gesagt, principiell da. Liebe Und Humanität sind die höchsten Momente der Religion; Ausschließlichkeit und Gehässigkeit gegen Andersgläubige charakterisiren stets eine Re-, ligion, auf niederer Stufe. Die Liebe.zu Gott, die Liebe., zum Nächsten ohne irgend einen Unterschied, die Liebe zwischen Eltern und Kindern, Brüdern und Schwestern, Gatte und Gattin, die Liebe zum Frieden machen die höchsten Gebote des Iudenthums aus, die es am nachdrücklichsten der Jugend wie den Erwachsenen einschärft. Dahingegen trägt eine jede Religion, so tolerant sie auch sei, die schwerste Verpflichtung und das vollgültigste Streben in sich, nicht blos ihren Bestand im Allgemeinen, sondern in jedem ihrer Bekenner zu sichern, ja in jedem Individuum züm gedanken-, gefühls- und thatenreichsten Leben zu werden, und hierin darf die Religion, welche die ausgedehnteste Humanität predigt, derjenigen an Energie nicht nachstehen, welche die. ausschließlichsten und verketzerndsten Grundsätze enth ält und ungescheut vorträgt. ' Ueber diesen Widerspruch kommt maü bei der Erwägung über die Mischehen nicht hinweg. Es versteht sich, daß diese keine Frage für Den bildet, der sich an irgend einen Buchstabenglaubcn gehängt und Vernunft und Herz diesem unbedingt gefangen giebt. Der stabile Christ wie der stabile Jude wird sie von vornherein als verboten und verwerflich betrachten. Eben so wenig ist die Frage für den Menschen da, welchem die Religion überhaupt ein Gegenstand der vollsten Gleichgültigkeit, ja sogar der Mißliebigkeit geworden ist, der sie allesammt nivelliren oder hinwegräumen will, ohne daß er auf dieser tabula rasa etwas Anderes als eine Nebelgestalt von Religion, die ihnt selbst nicht klar, oder den vollen Unglauben aufrichten könnte. Mit Beiden haben wir es hier nicht zu thün. Für uns hat die wahrhafte und aufrichtige Liebe zweier Personen zu einander und die Humanität, welche den Menschen an sich schätzt und ihrn in Recht und Liebe zu genügen sich gedrungen fühlt, eine hohe Belrechtigung, und wir gestehen ihnen sehr eingreifende Forderungen zu. Für uns ist aber auch die .Religion,., das religiöse Leben/ die rehigipsH-Erkenntnis He^HnHbung an Gott ünd ftine Lehre., die Wahrheit und ^r^riede in Gott das erhabenste und heiligste Gut der Menschheit und jedes einzelnen Menschen, und dieses weder gefährdet noch geschwächt zu sehen, erscheint uns als eine : unerläßliche Bedingung. ' I-' Und 'däß "dieses Letztere in der Mischehe' der Fall ist, kann nicht bezweifelt werden. Der gläubige Christ — und das ganze System des Christenthums kann nur einen Gläubigen als Christeti änsehen, weil es sich ganz und gar auf dem Glauben aufbaut — wird und kann nicht ablassen, feine Ehehälfte zur christlichen Religion Hinüberzuleilen und .sie auf:seinen„eigenen..Standpunkt zuchringen;. er.MftdI.ch so bange unglücklich, voll Kummers und Trauer befinden, als ihm dies nicht gelungen ist. Aber selbst der laxe Christ fühlt sich dem Judenthume gegenüber entweder feindlich oder beengt, und wird an die Religiosität seiner Ehehälfte bewußt und unbewußt, absichtlich ünd absichtslos so lange die Hand der Unterwühlung legen, bis sie zerstört ist.' Bon der anderen Seite erscheinen dem Juden die christlichen Glaubenssätze so sehr jedem vernunftgemäßen Bewußtsein entgegen, daß er sich.stets im Widerstreite zu denselben befindet, und zum Th eil seine Achtung vor der Person von jenen abhängig ist. Er selbst aber in seinem größeren oder geringeren Festhalten der concreten Satzungen des Judenthums muß seiner Ehehälfte gegenüber in das ärgste Dilemmä drätherfl Äbgesthen^von den Speisegesetzen, selbst abgesehen vom Sabbath, der in einem solchen Hause nun zweitägig auf tritt, schon die Feier der hohen Festtage, namentlich des Rosch haschanah und Jdm kippur, die Feier des Peßach mit . ihren Eigenthümlichkeiten u. f. w., wie vertragen sie sich der christlichen. Ehehälfte gegenüber? Kommt nun erst die Erziehung der Kinder dazu, hinsichtlich welcher, wenn jeder der beiden Eheleute es aufrichtig mit ihrer Religion meinen, das Verlangen, die Kinder in und zu seiner Religion zu erziehen, nachdrücklich hervortreten, und die daher, wenn nicht zu Zwietracht und Trennung, doch zu . bitteren Gewissensunruhen führen muß; erwägen wir nun noch endlich, daß das Ehepaar doch nicht isolirt steht,. daß es mit beiderseitigen Verwandten in vielfacher Berührung -und Verbindung ist: so fallen bei aller Vorurtheilslosigkeit diese Momente schwer ins Gewicht gegen die. Mischehe, und sie können-/wenn, sie auch einzelnen Menschen; unsef rer Zeit gleichgültig sind, von der Religion als Gesammt?

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.