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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1862-02-25 · Heft 9 (25.2.1862) · p. Seite 102

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
26 (1862)
Issue
Heft 9 (25.2.1862)
Date
1862-02-25
Page
Seite 102 (sequence 6)
Language
German
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m Schlendrian hat auf diesem Gebiete so überhandgenommen, daß die bessern und gelehrtern Arbeiten gar nicht aufkommen konnten. Bekanntlich hat selbst die Arbeit des R. Jakob Lissa, trotz des günstigen Urtheils des großen Publikums, von unbefangenen Gelehrten und Rabbinen so manchen wohlbegründeten Tadel erfahren — und daß also hauptsächlich der außerordentliche Erfolg des Derech Hachaim dem anerkannten Namen des geschätzten. Verfassers, der die Kritik im Vorhinein entwaffnete, zuzuschreiben ist. Herr Ignaz Weiß versuchte nun, das Werk seines Vorgängers zu verbessern und zu ergänzen, und dessen Orach Lazaddik, ein Compendium der vorzüglichsten Bestandteile der Ritualien auf 65 Octavseiten, kann als vortrefflicher Anhang zu jedem Gebetbuche allgemein empfohlen werden. Herr Ig. Weiß hat mit seinem Orach Lazaddik nicht nur die Mängel des „Wegweisers" verbessert, die Lücken ausgefüllt, sondern ein vollständiges, zusammenhängendes Werkchen geliefert, das sich besonders durch einen möglichst reinen, klaren und verständlichen hebräischen Styl, mit sorgfältiger Vermeidung aller fremden und schwieriger» talmudischen Ausdrücke, vorteilhaft auszeichnet. Nebstdem wurden noch manche Capitel, vorzüglich ethischen Inhalts, z. B. über Wohlthätigkeit, Gemiluth Chaffadim und Talmud Thora neu ausgenommen, und Herr Weiß verstand es, dem Ganzen mehr Abrundung und Vollständigkeit zu geben, sowie auch durch die reine hebräische Sprache den Anforderungen eines geläuterten Geschmackes zu genügen. Die erste Auflage wurde in 5 — 6 Monaten vergriffen und auch die gegenwärtige zweite Auflage findet einen rapiden Absatz. Die Ausstattung des Gebetbuches ist schön und auch die Correctur ist befriedigend. Wir können es bei dieser Gelegenheit nicht unterlassen, auf die allgemeine Klage besonders der Lehrer aufmerksam zu machen, daß auf die Correctur der Gebetbücher, namentlich bezüglich der Punctation, gar nicht die mindeste Rücksicht genommen wird, und daß die Siddurim fürs Volk größtentheils mit einer unverzeihlichen Nachlässigkeit gedruckt werden. Wer in einer größern Claffe, wo das Lesen des Hebräischen mit richtigem Takte und gehörigem Fleiße behandelt wird, den Leseübungen beigewohnt hat, weiß.es, welche ungeheuren Schwierigkeiten die fehlerhaften, schlecht gedruckten Gebetbücher dem Lehrer bieten, da gewöhnlich in den Händen der Kinder die verschiedensten und ungleichartigsten Ausgaben sind. Die Kinder sind die scharfsichtigsten Correctoren -— das „bei mir steht so" wird oft von ihnen gehört und eingewendet. — Herr I. Schloßberg veranstaltet eine Stereotypausgabe des Siddur, und wir hoffen, daß es dem umsichtigen Verleger durch die Stereotypirung desselben gelingen wird, ein billiges, schönes, fehlerfreies Gebetbuch der israelitischen Jugend in die Hand zu geben. — Als Tauchnitz die Stereotypirung des Homer untern ommeu, setzte er zugleich einen namhaften Preis aus für jeden entdeckten und aufgefundenen Fehler, den man ihm anzeigen wird, damit die Errata und Jncorrectheiten nach und nach gänzlich aus den Platten ausgemerzt werden sollen. Mögen sich die israelitischen Verleger daran ein Beispiel nehmen, da es sich um eine heilige Sache handelt, die gewiß die größte Sorgfalt verdient! Doch nicht blos den gerechten Ansprüchen der Schule, sondern auch der Wissenschaft soll Rechnung getragen werden, da hierin noch Vieles nachzutragen wäre. Daß hierin in unserer Zeit wenig geschehen, wollen wir durch, einige Beispiele Nachweisen. Zuvor aber wollen wir, um dem Leser einen Ueberblick über die bisherigen Leistungen zu gestatten, einige hierher gehörende Stellen aus Zunz' „Ritus des synagogalen Gottesdienstes" S. 173 im Auszuge folgen lassen. — „Die Bemühungen für einen richtigen Text der Gebete reichen bis zu den Schriften der Gaonen hinauf u. f. w. Die ältesten Cpmmentarien mußten ohnehin, um in das Verständniß einzudringen, sich nach guten Abschriften Umsehen,- und die Punctatoren richteten sich nach der Grammatik, nach Autoritäten oder dem beigefügten Commentar, brachten auch Randglossen an. Einzelne Verbesserungen im Gebet und Piut werden schon von Joseph Tobelem, Meir ben Isaak, Raschi mitgetheilt u. s. w. Seit dem 16ten Jahrhundert haben verschiedene Herausgeber und Erklärer auf den Text ihre Sorge ausgedehnt, so Gerfchom Soncino, Jochanan Treves u. dgl. Meir Beneveniste in Salonichi. (1564) corrigirte den spanischen Siddur, Salomon Luria Einzelnes, Schabtai ben Isaak (1603) das polnische Gebetbuch. Während des für die deutschen und polnischen Jude«' verderblichen siebzehnten Jahrhunderts waren die Gebetbücher von Unkraut und Fehlern überdeckt, und erst ein Jahrhundert nach Schabtai traten Asriel und Elia aus Wilna mit Correcturen der Tefilla hervor. Bald nach diesen der kühnere Salomon Hanau, der vieles in Tefilla und Piut bisher Uebliche, sogar die Form Nitpaöl verwarf, ungeachtet Maimonides und unzählige Autoren sich ihrer bedienen, aber auch zur Herstellung des. richtigen Textes wesentlich beigetragen hat. Mordechai Düsseldorf und

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