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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1862-02-25 · Heft 9 (25.2.1862) · p. Seite 101

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
26 (1862)
Issue
Heft 9 (25.2.1862)
Date
1862-02-25
Page
Seite 101 (sequence 5)
Language
German
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•101 fen.; Denn niemals wird es Herrn Busch gelingen, .die Gefühle der Ehrfurcht zu verlöschen, welche wir dem Schauplatze so großer, nicht blos für uns Israeliten, sondern, für das ganze Menschengeschlecht einflußreichen, ja verhängnißvollen Ereignisse widmen. Wir können vielmehr Herrn Busch und seine Tendenz immerhin anerkennen und seine Schilderungen der realen Beschaffenheit als einen Prüfstein ansehen,. wie weit wir die geschichtliche Bedeutung und die sentimentale Auffassung von der nüchternen Wirklichkeit alteriren lassen. Steht denn hierin etwa Palästina isolirt da? Zeichnet uns doch der Verfasser , Griechenland und die Inseln des Archipels in völlig eben so nackter Weise, nicht Llos, was; bie Menschen und Monumente betrifft, sondern auch die Gegenden, das Klima u. dgl. Lassen wir ihn also beim Anblick Jerusalems nichts weiter als „den Durst nach einem Glase Wasser" empfinden, wenn er uns nur erlaubt, daß wir in ähnlichem Falle etwas Anderes empfinden, und glauben, daß die ganze Erde ohne die Ideale in unserer Brust eine sehr unscheinbare, bisweilen sehr häßliche Stoffmaffe wäre, und die funkelnden Sterne, wenn wir zu ihnen gelangen könnten, nicht minder ihres Glanzes verlustig würden. Dies verhindert nicht, daß die Geologie .und Astronomie, die jene wirklich nicht anders in Betracht ziehen, doch sehr nützliche und wichtige Wissenschaften sind, und daß, wenn wir Großes mit Kleinem vergleichen dürfen, es auch ganz nützlich ist, wenn der Verfasser uns Palästina und seine Bewohner so schildert, wie sie sind. Für uns Juden hat sein Werk noch einen besonder« Vortheil; es ist ein Supplement der» Reise des vr. Frankl insofern, als Herr Busch, während Frankl allein die dortigen Juden in ihren Schwächen und Gebrechen zeichnet, ausführlich darthut, daß die dortigen Christen und Muhamedaner jenen in Faulheit, Lüsternheit, Zanksucht und Entartung mindestens den Rang ablaufen. Dabei wollen wir nicht unterlassen zu bemerken, daß der Styl des Verfassers ein pikanter, lebhafter und mannigfaltiger ist, wodurch die Lectüre seines Buches zugleich angenehm und fesselnd wird. — Die Reise ging über Jaffa nach Jerusalem und von hier nach einem Ausflüge an den Jordan und das todte Meer über . Nablus nach Beirut. — Groß - Becskerek, im Februar. Zur Literatur der Gebetbücher. Mit besonderer Beziehung auf Thefilloth b'ne Jakob, vermehrt mit einem Anhänge Orach lazadtlik von Jgn. Weiß. Wien 1861. I. Schloßberg 2. Aufl. — Es hat in neuerer Zeit kein Werk des hebräischen Schriftthums so viele Auflagen erlebt, eine solche weite Verbreitung gefunden, als das unter dem Namen 0ereeli Hachaim bekannte Gebetbuch des R. Jakob Lissa, dessen'erste Ausgabe vor ungefähr 30 Jahren erschienen ist. Der berühmte, allgemein verehrte Rabbiner zu Liffa, einer der gelehrtesten und scharfsinnigsten Talmudisten unseres Jahrhunderts, unternahm es in seinem Greisenalter, gleichsam um von den Lorbeeren des Pilpuls auszuruhen, eine klare Uebersicht aller sowohl auf die Liturgie als auf die gewöhnlichen Lebensverhältnisse Bezug habenden religiösen Pflichten und gottesdienstlichen Gebräuche aus dem Schulchan Aruch zusammenzustellen und diesen kurzen Auszug als eine willkommene Beigabe, überall gehörig an Ort und Stelle vertheilt, dem Siddur einzuverleiben. Es war dies wahrlich eine glückliche Idee, die einem besonders in der Gegenwart sehr fühlbaren Mangel, wo die rabbinischen Studien von Privaten und Laien fast gar nicht mehr betrieben werden, abgeholfen hat, indem es nun jetzt Jedermann gegönnt ist, wie jener Weise mit Stolz auszurufen: omnia meeum porio I mit einem Worte: seinen Schulchan Aruch en miniature bei sich, wo nicht in der Westentasche, so doch im Taliß-Beutel zu tragen. Der ungeheure Erfolg des Derech Hachaim ist nach unserer Ansicht der beste Gradmesser für den Standpunkt des Talmudstudiums in Deutschland und Oesterreich, da der größte Theil Derjenigen, die noch so ambitiös sind, um als Lomdim sich zu geriren, mit dem dürren „Wegweiser" sich begnügen. Wir überlassen es den Bibliographen vom Fache, all die mannigfachen Editionen und Nachdrucke des erwähnten Siddur, den die jüdischen Verleger und Buchdrucker gleich bei seinem Erscheinen als ein Freigut betrachteten, aufzuzählen, was wohl keine leichte Arbeit, aber immerhin höchst interessant wäre. Gewiß ist es aber bezeichnend und charakteristisch, daß dadurch die ältern Arbeiten eines R. Jesaias Horowitz, Jakob Emden und namentlich die seit Mendelssohn beliebten , mit grammatischen Anmerkungen begleiteten Gebetbücher eines Salomon Hanau, Satanow, Bensev, Heidenheim, beinahe gänzlich verdrängt wurden — und wenn früher die Talmudisten darein vorzüglich eine Ehre setzten, als Baal Medakdek (Grammaticus) zu gelten; so scheinen jetzt auch in dieser Hinsicht die Ansprüche bescheidener geworden zu sein. Die Siddur-Literatur hat wahrlich in den letzten drei Decennien, wenn wir Landshut's Hegjon Lev ausnehmen, wenig Fortschritte gemacht, und der elendeste

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