Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 26 (1862)
- Issue
- Heft 9 (25.2.1862)
- Date
- 1862-02-25
- Page
- Seite 100 (sequence 4)
- Language
- German
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— Neulichst frug uns ein jüngerer Rabbiner, ob wir glaubten, daß literarische Arbeiten ihm in seiner Carriöre förderlich sein würden? Von diesem specifischen Standpunkte aus glaubten wir die Frage verneinen zu muffen. Denn da dergleichen Arbeiten in der Regel einen entschiedenen Ausspruch der Ansichten und Meinungen mit sich brächten, die Gemeinden aber noch immer eine entschiedene Parteistellung nicht vertragen können, so würde dies in vielen Fällen nicht günstig für den Candidaten wirken. Sind jene Arbeiten aber indifferenter Art, so wird von den Gemeinden wenig Notiz davon genommen § oder aber es knüpfen sich gelehrte Streitigkeiten daran, die .nach den Gewohnheiten der meisten jüdischen Gelehrten nicht sehr glimpflich aussallen und Zweideutigkeiten auf den Charakter fallen lassen. Wir müssen unsere Leser um Verzeihung bitten, wenn wir sie noch einmal mit der langweiligen Wochenschrift V<5rit6 israelile langweilen. Es soll dies das letzte Mal sein. Wir halten in No. 1 unfern Artikel: „Wider die protestantische Kirchenzeitung" mit einigen allgemeinen Bemerkungen über Polemik begonnen und sagten da (S. 2): „daß auch der Polemik so wesentliche und positive Resultate entfließen können, sie überhaupt'zur Klärung der Begriffe und Verhältnisse so nachdrücklich beiträgt, daß sie zu einem der wichtigsten Momente des geistigen Lebens geworden." Die Vör. isr., die uns nun einmal zu einem bitterbösen Menschen machen will, erlaubt sich, um uns zu charakterisiren, diese Sätze ihren Lesern so zu übersetzen: „tzu'imporl.6 qu’on trempe sa plume dans le fiel, la discussion c’est la vie“, d. h.: „Was ist daran gelegen, daß man seine Feder in Galle tauche, die Discussion ist das Leben", und druckt diese Worte so, daß der Leser sie für eine wörtliche UeLersetzung halten muß. Was sagt man zu solchem Fechterstückchen? Wir könnten die V6r. isr. auffordern, uns ausdrücklich nachzuweisen, wo wir jemals eines solchen Ausdrucks uns bedient haben — aber mag sie laufen; wir begnügen uns, ihr den Rath zu geben, sich fortan statt Veriu^ israßlite zu tituliren: V6rit6 j&iiüique, das Judenthum aber ruft ihr zu: Gott schütze mich vor meinen Freunden, vor meinen Feinden will ich mich selber schützen! Literarischer Wochenbericht. Magdeburg, 12. Februar. „Eine Wallfahrt nach Jerusalem. Bilder ohne Heiligenscheine von M. Bus ch. Leipzig, 18,61." Es muß Reifebefchreibungen aller und jedweder Art geben. Da jeder Reisende Land, und Bewohner, die er besucht, nach seiner, eigenen Anschauungsweise, nach seinen Gesinnungen und Stimmungen betrachtet und in seiner Beschreibung abzeichnet, so kann die Wahrheit und richtige Beurtheilung erst aus den Schilderungen verschiedener Beobachter resultirt werden. Gewisse Länder rufen schon von vorn herein aus der allgemeinen Vorstellung, die man sich von ihnen macht, und aus dem Interesse, das man für sie hegt, Voraussetzungen und Hoffnungen hervor, unter deren Einwirkungen die Reisebeschreibung bleibt; oft schon weil der Reisende den Muth nicht hat, sich den gangbaren Ansichten gegennberzustellen, oder einzugestehen, daß er sich geirrt und seine Erwartungen Träume gewesen. In der neueren Zeit hingegen hat es auch Leute gegeben, welche mit dem Vorsatze die Reise antraten, sich von keiner Vorausannahme, von keiner historisch gewordenen Stimmung beirren zu lassen, sondern die Dinge in ihrer nüchternen Wirklichkeit zu schauen. Man erinnert sich z. B. der italienischen Reise von Nikolai, wenn wir nicht irren, einem preußischen Auditeur, der Italien und die Italiener mit so kühlem Blicke betrachtete, und die Beschwerden, die Unreinlichkeit, das Ungeziefer, die Begehrlichkeit u. dgl. so sehr betonte, für die italienischen Landschaften und Kunstschätze aber ein so geringes Interesse hatte, daß seine Neisebeschreibung der alten Schwärmerei für Reisen nach Italien auf lange Zeit großen Abbruch that. Dies ist nun freilich längst vergessen, und die vielen seitdem erschienenen Reisewerke haben, ohne die ehemalige Uebertreibung wieder zu erneuern, eine richtige Würdigung der großen Herrlichkeiten so wie all der Mängel und Beschwerden, welche die apenninische Halbinsel in ihrem Schoße birgt, bereitet. Der Verfasser der vorliegenden Schrift hat nun in ähnlicher Weise die Reiseschwärmerei für Palästina abzukühlen gesucht, indem er Land und Leute der dürren Wirklichkeit nach schildert, sie jedes religiösen Heiligenscheines entkleidet, und der Geschichte keine Bedeutung einräumt. Wir wollen ihm darum nicht zürnen, sondern vielmehr ihn als ein Gegengewicht Denen gegenüber betrachten, welche jeder Blick in jenes Land in Verzückung versetzt und dis sich vor jeder noch so lächerlichen Legende gläubig ins Knie wer-