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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1862-02-25 · Heft 9 (25.2.1862) · p. Seite 99

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
26 (1862)
Issue
Heft 9 (25.2.1862)
Date
1862-02-25
Page
Seite 99 (sequence 3)
Language
German
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99 daß dieses die bürgerliche Gleichstellung der Juden noch immerwährend in der Schwebe erhalten will, während das preußische Volk durch seine Abgeordneten längst erwiesen hat, daß es die Beschränkungen, die man der Verfassung zuwider noch aufrecht erhält, nicht haben will. Der „M. Z." schreibt man aus Berlin vom 14. Februar: „Herr v. Bernuth trat, wie bei seinen Antecedentien nicht anders zu erwarten ist, mit der Absicht ins Ministerium, den Artikel 12. der Verfassung hinsichtlich der jüdischen Juristen auszuführen. Wie wir aus bester Quelle erfahren, hat der Minister nun alle Mittel angewendet, um wenigstens auf diesem Gebiete den Erwartungen, die man von ihm hegte, gerecht zu werden. Er ist aber im Ministerium überstimmt worden. Namentlich werden die Herren v. d. Heydt und der hundertmal nicht gewählte Wahlcandidat der Kreuzzeitungspartei> Hr. v. Roon, als seine Gegner genannt. Da Herr v. Bernuth leider so viel Resignation besitzt, auch jetzt noch für die Thaten feiner politischen Gegner einzustehen, so muß er sich darauf gefaßt machen, in eine höchst schiefe Stellung zu kommen. Die Stimmung des Abgeordnetenhauses in Fragen der Religionsfreiheit ist wenig zweifelhaft. Welche Argumente kann Herr v. Bernuth gegen die Abgeordneten aufbringen, denen er, die Grafen Pückler und Schwerin und Herr v. Patow aus voller Seele beistimmen? Hier gilt es für die liberale Partei des ganzen Hauses, die liberalen Minister aus der reactionären Umgebung zu befreien. Je energischer die Kammer sich für die Ausführung des Artikels 12. ausspricht, um so mehr trägt sie zur Kräftigung des Ansehens des liberalen Restes im Ministerium bei. Der Gegensatz im Ministerium kann nur zeitweilig verkleistert werden, er muß immer wieder vorbrechen." — Zerstreute Bemerkungen. Es ist eine eigenthümliche Erscheinung, daß die beiden großen Institutionen, welche in der Geburtszeit der talmudischen Entwickelung entstanden, und für diese die wesentlichsten Ausgangspunkte waren, griechische Namen tragen, das Sanhedrin (awldqiov, y^-inro) und die Synagoge ms). Es ist dies jedenfalls ein Beweis, daß die anfängliche Entfaltung des traditionellen Systems durchaus nicht so sehr von ausländischen Einflüssen, selbst von -Hart npin fern war, wie die Späteren es uns weißmachen wollen. Unsere Väter standen in wiederholten Zeiten, und zwar gerade in den Epochen neuer Schöpfungen und flüssiger Bildsamkeit nicht an, auch aus anderen Kreisen herüberzunehmen, was gut und belebend war und das Wesen der Religion nicht alterirte. Eine weise Regel, deren Beachtung dem Prediger nicht genug eingeschärft werden kann, ist und bleibt: Deine Rede sei kurz. Nichts bricht dem Eindrücke, den der Redner hervorbringt, so sehr die Spitze ab, als die Länge und Ausführlichkeit der Predigt. Der Zuhörer ermüdet, ist froh, wenn der Vortrag zu Ende ist — und damit ist das Wesentliche verwischt, was seinem Geiste eingepragt werden sollte. Man muß nie vergessen, daß eine Predigt etwas ganz Anderes ist, als ein Vortrag über irgend einen Lehrstoff. Der Gegenstand der Predigt ist ein abstracter, die Auffassung eine, das Gemüth ebenso wie den Verstand aufregende, Ton und Sprache pathetisch. Dabei besteht das Publikum zum Theil aus Solchen, welche geistiger Anstrengung nicht lange befähigt sind. — Die Erfahrung lehrt, daß gerade die bedeutendsten Redner das Maß ihrer Predigten beschränkten, während jüngere Prediger sich weit auszulassen pflegen, indem sie sich auch von dem Ehrgeize leiten lassen, zu zeigen, welche Masse sie heranzubringen vermögen, welche Fülle sie also besäßen. Allein es ist eine viel größere Kunst, in einem engeren Rahmen ein intensives, charakteristisches und in allen Theilen bedeutungsvolles Bild zu entwerfen, mit einem Worte, Alles zu sagen und sich doch kurz zu fassen, als denselben Gedankeninhalt weithin auszufasern. Es ist nicht zu verwundern, daß jetzt die Jugend auf allen Gebieten vorzugsweise im Auge hat,. Carriöre zu machen. Der ungeheure Anwachs der Bedürfnisse, die Forderungen, welche jetzt das Leben unabweislich selbst an den Mäßigen und Besonnenen stellt, die Beurtheilung der Welt, die, man kann es nicht läugnen, jetzt mehr als jemals auf den äußeren Schein giebt — denn sie läßt den Werth des Geistes in unscheinbarem Gewände jetzt weniger als früher zu, und hegt eine gewisse Mißachtung gegen Den, welcher durch seine geistigen Arbeiten nicht auch eine reichere und geschmackvollere Umgebung zu erringen vermag — alles Dies wirkt selbst auf den geistlichen und Lehrerstand, jetzt auch innerhalb des Judenthums, in welchem der genannte Stand bis zur Gegenwart so unendlich bescheiden und anspruchslos war.

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