Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 26 (1862)
- Issue
- Heft 6 (4.2.1862)
- Date
- 1862-02-04
- Page
- Seite 68 (sequence 8)
- Language
- German
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08 kannte Novelle des Rabbi von Bach ara ch aufmerksam zu machen. Mit Auslassung einiger Heine'scher Stellen ist sie vollkommen zur Lectüre in jedem Zirkel geeignet, und bietet sie dann einen Genuß durch die Farbenpracht ihrer Naturschilderungen, durch die Wahrheit ihrer Charakterzeichnung, durch Tiefe des Gefühls, wie ihn nur ein Heinebieten kann. Von dem Rabbi Abraham bis zw den/Figuren, die nur zur Ausfüllung des Bildes gezeichnet sind, ist Alles lebensvoll und lebensfrisch. Da sind Gestalten, wie wir sie täglich vor uns haben, mit denen wir verkehren und fast ein Jeder wird in einer „Hündchen Reiß" und in einer „Flörsheim" eine Dame aus seinem Kreise portraitirt sehen. Den Stoff hat der Dichter aus ■ einer „Beschuldigung" genommen, die schon in früherer Zeit, das ganze Mittelalter hindurch bis Anfangdes vorigen Jahrhunderts viel Blut und Angst kostete, das war das läppische, in Chroniken und Legenden bis zum Ekel oft wiederholte Märchen, daß die Juden geweihte Hostien stehlen, die sie mit Messern durchstechen, bis das Blut herauöfließe und daß'sie an ihrem Passahfeste Christenkinder schlachteten, um das Blut derselben bei ihrem nächtlichen Gottesdienste zu gebrauchen. : Die Juden, hinlänglich verhaßt wegen ihres Glaubens, ihres- Reichthums und ihrer Schuldbücher, waren an jenem iFesttage ganz in den Händen ihrer Feinde, , die ihr- Verderben wur gar zu leicht bewirken konnten, wenn sie das Gerücht eines solchen Kindermordes verbreiteten, vielleicht gar Kyen blutigen Kinderleichnam in das verfehmte Haus eines Juden heimlich hineinschwärzten und dort nächtlich die betende Judenfamilie überfielen, wo alsdann gemordet, geplündert und getauft wurde und große Wunder geschahen durch das Vorgefundene todte Kind, welches die Kirche am Ende gar kanonisirte. Ein solcher Passahabend wird hier geschildert. Wehmüthig heiter, ernsthaft spielend und märchenhaft geheimnißvoll ist der Charakter dieser Abendfeier und der herkömmlich singende Ton, womit die Agade von dem Hausvater vorgclesen und zuweilen chorartig von den Zuhörern nachgesprochen wird, klingt so schauervoll innig, so mütterlich einlullend und zugleich so hastig aufweckend, daß selbst diejenigen Juden, die längst von dem Glauben ihrer Väter abgefallen und fremden Freuden und Ehren nachgejagt sind, im tiefsten Herzen erschüttert werden, wenn ihnen die alten wohlbekannten Passahklänge zufällig ins Ohr bringen. Das sind keine Reflexionen; es ist sicher ein selbstempfundenes Gefühl, das den Dichter, in dessen Herzen ja Hölle und Himmel so nahe lag, unbemerkt beschlich. . Wir möchten aus dieser Novelle das Eine oder Andere noch gern mittheilen, sie enthält des Schönen viel; heute nur noch eine treue Schilderung aus der,Synagoge: „Während nun unten-in der. Synagoge die Gesetzabschnitie aus den Büchern Mosis vorgelesen werden, pflegt die Andacht etwas nachzulassen. -Mancher macht es sich bequem und setzt sich nieder,, flüstert auch wohl mit einem Nachbar über weltliche Angelegenheiten, oder geht hinaus aus den Hof, um frische Luft zu schöpfen. Kleine Knaben nehmen sich unterdessen die Freiheit, ihre Mütter in der Weiberabtheilung zu besuchen und hier hat alsdann die Andacht wohl noch größere Rückschritte gemacht; hier wird geplaudert, genuddelt, gelacht und wie es überall geschieht, die jüngeren Frauen scherzen über die alten, und diese klagen wieder über Leichtfertigkeit der Jugend und Verschlechterung der Zeiten./ Gleichwie es unten in der Synagoge einen Vorsänger gab, so gab es in der oberen Abtheilung eine Vorklatscherin." Welch treues Gemälde! Dabei behauptet Heine, nie in einer Synagoge gewesen zu sein. Damit jedoch die Leserinnen, die . sich getroffen fühlen, versöhnt das Blatt aus der Hand, legen, schließe ich mit der Schilderung ihrer Schönheit: „Die Schönheit der Jüdinnen ist von eigenthümlich rührender Art; daS Bewußtsein des tiefen Elendes,, der. bittern . Schmach und der schlimmen Fahrnisse, worin ihre Verwandten und Freunde leben, verbreitet über ihre holden Gesichtszüge eine gewisse leidende Innigkeit und beobachtende Liebesangst, die unsere Herzen sonderbar bezaubern." 8. K. Zeitungsnachrichten. Preußen. Elbing, 19. Januar. In der letzten Sitzung des Magistrats wurde die Wahl des zweiten Predigers zur St. Annenkirche, über welche der Magistrat Patronatsrech^e besitzt, vorgenommen und dabei dem einzigen jüdischen Stadtrath, Banquier Schwedt, vom Oberbürgermeister Burscher seine Stimme entzogen, weil nach einem Paragraphen des Landrechts nur Christen Patronatsrechte ausüben dürfen. Schwedt hat sich bei dieser Entscheidung nicht beruhigt, er hat einen Protest gegen die Entziehung seiner Rechte und der ihm von "der Bürgerschaft durch die Wahl übertragenen Pflichten erhoben und will die Frage bis zum vollständigsten Aufträge in höchster Instanz verfolgen.' Seiner