Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 26 (1862)
- Issue
- Heft 6 (4.2.1862)
- Date
- 1862-02-04
- Page
- Seite 67 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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67 kengebildes tfrit Fleisch und Blut bekleiden lerne. Mer Letzteres spricht sich der Verfasser ausführlich in seinem „Organismus der Styl- oder Aufsatzlehr»" aus. .Wie sich uns in einem Körper ohne Knochengerüst ein Stück Fleisch ohne Form darstellt, so formlos gestaltet sich auch ein Aufsatz ohne Disposition, und an dieser Formlosigkeit leiden fast die meisten Aufsätze und Reden, die man heutzutage liest und hört. Und doch ist es die Form allein, die keineswegs Erzeugniß der Willkür oder Laune, sondern tief begründet in ewigen, unumstößlichen Naturgesetzen, uns den Maßstab zur Beurtheilung eines stylistischen Werkes giebt, die uns allem zUm richtigen Verstandniß und zur Wiedergabe desselben anleitet, und die einem Werke, selbst mit reichstem Gedankeninhalte, erst die wahrhaft künstlerische Vollendung schafft. Mag ein Thema bei der weiteren Ausführung auch eine freiere Gestalt annehmen, die durch die Form des Themas bestimmte Gliederung muß ihm doch immer zu Grunde liegen und sich erkennen lasten, wie dies auch bei musikalischen Compositionen der Fall ist. Die Form und Gliederung in den Sonaten von KUhlau, Clementi, Mozart ist leicht zu erkennen, nicht so leicht in den Compositionen Beethovens (dessen Werken sogar von seinen Zeitgenossen Formlosigkeit vorgeworfen wurde), obgleich auch ihnen bestimmte Form und Gliederung zu Grunde liegt, nur im großartigsten Maßstabe sich zu einem gewaltigen, himmelanstrebenden Bäu zusammenfügend, schwer erkennbar für ein Auge, das nur Gebäude von einfachen Formen zu betrachten gewohnt ist. Wirklicher Mangel an einer bestimmten Form aber ist es, was uns die Werke der Zukunftsmusiker so ungenießbar macht; es findet sich nirgends eine Handhabe zur Beurtheilung derselben. Kaum glaubt man einen Gedanken erfaßt zu haben und erwartet dessen Ausführung — da entschlüpft er wie ein Aal seinen Händen, um einem andern Raum zu machen, der, an sich schön und erhaben, bald eben so verschwindet wie der erste. — Indem nun der Verfasser Anleitung zum Auffinden der durch die Form des Themas bestimrüten Gliederung giebt, indem er sie nach allgemein logischen Grundsätzen aus dem Thema entwickeln läßt, indem er in das Innere des Gegenstandes dringen und den in ihm liegenden Inhalt entfalten (analysiren) lehrt, giebt er zu einer so erfolgreichen Selbstthätigkeit Anlaß, wie sie durch keine der bisher erschienenen Dispositionslehren erzielt wird."Wie wichtig diese Lehre, in den Gegenstand einzudringen, für ftnen Schüler ist, fei er 15 oder 30 Jahre alt oder älter, laßt sich leicht erkennen. Der Schüler lernt e re und nicht blos 6e re sprechen (wozu ihn die Anwendung der synthetischen Methode leicht verleitet) und, ist er minder begabt, so wird seine Productionskraft gestützt und gefördert, ist er aber mit Phantasie gesegnet, so wird dieselbe heilsam gezügelt und ins richtige Bett geleitet. Die Methode des Verfassers beruht auf den einfachsten Gesetzen des Denkens. Klar und deutlich legt er die jedem Aufsatze unbewußt zu Grunde liegenden ewigen Gesetze dar und erläutert dieselben durch zahlreiche gut gewählte Beispiele. Indem ich nun dies Werk in dieser Zeitung einer Besprechung unterwerfe, geschieht dies mit der Absicht, den Kreis, für den es bestimmt ist (für Lehrer und Schüler in den oberen Classen höherer Schulanstalten), zu erweitern und es hauptsächlich allen angehenden Predigern und solchen Religionslehrern, die von Zeit zu Zeit religiöse Vorträge zu halten haben, um so dringender zu empfehlen, je zerflossener der Styl eines großen Theiles unserer Kanzelredner ist, je weniger sich dieselben an eine bestimmte Form binden zu müssen glauben. Hat man nach den in diesem Werke enthaltenen Grundsätzen disponiren gelernt, so kann es Einem nicht schwer fallen, seine Gedanken mündlich oder schriftlich wiederzugeben; nur wenn man diese Disposition fest im Geiste trägt, wird es gelingen, etwas künstlerisch Abgerundetes hervorzubringen, weil Rede oder Aufsatz in diesem Falle den natürlichen Gang aller Gedankencompositioy ^abdrücken und zur Grundlage haben wird.*) Emil Breslaur, Chorleiter, Religions- und Sprachlehrer. Hannover, im Januar. Die jetzt erscheinende Gesammt-Ausgabe der Heine'schen Werke wird von Neuem die Aufmerksamkeit des Publikums auf diesen unsterblichen Dichter richten und der verhältnißmäßig billige Preis ihm auch in viele jüdische Familien Eingang verschaffen. Wir wollen deshalb nicht verfehlen, die Leser auf die be- *) Wir geben dieses Referat über ein speciell nicht hierher gehöriges Werk, weil, wie wir schon oft bemerkt haben,, auch wir die sorgfältige Beachtung und Festhaltung logischer Entwickelung und Form als ein großes Bedürfniß für. die Behandlung jüdisch-theologischer Gegenstände, sei es auf der Kanzel, sei es auf dem Katheder oder in Aufsätzen, anerkennen — da es gerade die Logik war, welche den früheren jüdischen Schulen am meisten fehlte. Die Redaction.