Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 26 (1862)
- Issue
- Heft 6 (4.2.1862)
- Date
- 1862-02-04
- Page
- Seite 66 (sequence 6)
- Language
- German
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Leinen gewöhnt worden, in solchem Verfahren gar. nichts Erniedrigendes und Entehrendes mehr findet. Aber dennoch muß es immer mehr entsittlichend wirken, und wenn Recht, Bedrängniß, Armuth selbst vor Gott kein Motiv mehr sind, sondern auch hier nur das Geld entscheidet, wie muß da jedes sittliche Gefühl, jede Bedeutung eines höher« Moments ganz und gar verschwinden?! Daß auch hier in acht heidnischer Weise gegen alle Vorschriften des Iudenthums verfahren wird, wäre überflüssig, auseinanderzusetzen. Wird doch nichts schärfer verpönt in der h. Schrift, als jede Art von Bestechung, die Rücksichtnahme auf das Ansehen der Person u. dgl.*) Jedes System der Wahrsagerei und Zauberei verträgt aber den nüchternen Verstand nicht; es ist wie ein Rausch des Geistes, und kann nur in solchem sich erhalten. Die gewöhnlichste Beobachtung, die einfachste Erfahrung entlarvt das Gewebe von Lug und Trug. Im Gegentheil bedarf solcher Aberglaube einer ihm entgegenkommenden zugeneigten Geistesstimmung, und diese sucht der Chassidismus durch den zwiefachen Rausch des Müssigganges und der Trunkenheit hervorzubringen. Je leerer der Geist ist, je weniger er sich durch mechanische oder geistige Arbeit beschäftigt findet, desto mehr hascht er nach Außerordentlichem, desto begieriger greift er alles Wunderbare auf. Aus der schönen altjüdischen Sitte, nach Vollendung - des eigentlichen Gottesdienstes Sabbath und Fest durch einen Segensspruch über einen Becher Weines zu weihen, so wie bei Trauung, Beschneidung und anderen cultuellen Acten hat der Chassidismus ein beständiges Trinken, immerwährende Gelage gemacht, so daß er ein wahres Opiumessen für die Volksmasse, wenigstens für seine eiftigsten Anhänger geworden ist. Er speculirt auf die Entnervung der Menschen, und diese gelingt stets da, wo belebende, aufrichtende und bewegende Momente in allen Verhältnissen der Wirklichkeit fehlen. Daß hierdurch die Masse in immer tieferes Elend versinken und die Wirkung des Chassidismus die traurigsten Erscheinungen Hervorrufen muß, ist sichtlich. Hier ist es, wo die bürgerliche Gesellschaft, die nur auf dem Austausch, auf dem Geben und Empfangen beruht, wo die Volkswirt!) schüft in den unmittelbarsten Conflict mit dem Chassidismus tritt, und selbst ein aggressives Einschreiten Seitens des Staates rechtfertigen würde — so gut wie gegen Hazardspiele — wenn ein solches dem Fanatismus gegenüber *) Vgl. 2 Mos. 23, 8.; 5 Mos. 16, 19.; 2 Mos. 23, 6.; 3 Mos. 19, 15. nicht schädlich wirken würde, der daraus nur neue Nahrung zöge. Auch hierin heivnischer Gegensatz gegen das Judenthum, da die Gebote der heil. Schrift eben so sehr gegen alle cultuellen Gelage des Alterthums gerichtet waren, als auch die gemessensten Vorschriften zu einem nüchternen, arbeitsamen Leben enthalten.*) So stehen sich AJudenthum und Chassidismus als wahre Gegensätze einander gegenüber, und verläugnet dieser ganz und gar den Boden, aus welchem er in unheilvoller Geburt entsprossen. Bleibt es daher für die Orthodoxie ein schwerer Vorwurf, daß sie durch-Duldung, ja Pflege des mystischen Aberglaubens den Chassidismus hat entstehen lassen, so hat das Culturjudenthum um so mehr die Pflicht, in entschiedenster Weise den Chassidismus zu.bekämpfen. Literarischer Wochenbericht. Cottbus, 27. December. Praktische Dispositions-Lehre in neuer Gestaltung und Begründung, von Di*. I. Karl Friedrich Rinne. Stuttgart, Ad. Becher. Obgleich der Büchermarkt alljährlich keine geringe Anzahl von Dispositionslehren hervorbringt, so ist das Erscheinen des obigen Werkes doch kein überflüssiges zu nennen, da es in so fern einem Bedürfnisse abzuhelfen bestimmt ist, als es das Gesetz überliefert, nach welchem eine Disposition eingerichtet werden muß. Daß aber für alle bisher erschienenen Dispositionslehren ein solches Gesetz gar nicht vorhanden zu sein scheint/ das ist eben der Mangel derselben. Die Ehre, dieses für alle Stylgattungen gültige Compositionsgesetz gefunden zu haben, gebührt unstreitig dem Verfasser. Er giebt Anleitung zur Gliederung, wie sie die Form des Themas bestimmt, und zeigt, wie man in das Innere eines Gegenstandes dringen, den in ihm liegenden Inhalt entfalten und das Knochengerüst, des Gedan- *} Den Priestern war es streng untersagt, Wein zu trinken, bevor sie ins Heiligthum träten (3 Mos. 10, 8—11.; Rambam, Hilch. 'npntt nN^n). Das Nasiräat oder die besondere Gottesweihe bestand in der strengen Enthaltung nicht blos des Weines und jedes berauschenden Getränkes, sondern auch jeder Speise, die vom Weinstock kam, wie Traubenhonig, Rosinen u. dgl. (4 Mos. 6, 3. 4.; vgl. Richter 12, 14.). Der scharfe Gegensatz des Sabbath verlangte die Arbeitsamkeit an den sechs Werkeltageu, worüber wir bald zu sprechen eine Veranlassung vorliegen haben.