Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 26 (1862)
- Issue
- Heft 6 (4.2.1862)
- Date
- 1862-02-04
- Page
- Seite 65 (sequence 5)
- Language
- German
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65 tvider dm Chassidismus. 11. . - Von welcher Seite man auch den Chassidismus betrachtet, bietet er nur die traurigsten Aussichten dar und verdient ein völliges Verdammungsurtheil. Der Chassidismus erweist, daß>?der Kampf mit dein Heideuthume selbst im Schoße des Iudeuthums noch nicht beendet ist und immer wieder in neuer Gestalt nothwcudig wird. Denn was hilft es, daß der Anhänger jenes mit derselben Inbrunst, ja mit gesteigerter Leidenschaftlichkeit das Schema Israel, der Ewige ist einzig! ausruft: der Chassidismus ist das krasseste Heidenthum, das jemals existirte. Denn die UeberLevölkerung der Welt von guten und bösen Engeln, deren Legionen stündlich vermehrt werden, die Macht, welche jeder polnische, russische oder slawakische Rebbe nicht blos über die ganze Natur, sondern auch über alle Geschicke ausübt, und Sturm in Sonnenschein, Dürre in Regen, Tod in Leben, Unfruchtbarkeit in Fruchtbarkeit, Arm in Reich u. s. w. verwandelt, und das Gelingen und Mißlingen jedes Unternehmens in seine Handlegt, die Art, wie der Wille und die Macht Gottes durch die Kraft seines eigenen Namens, geschrieben^ und eingegraben in den! 1011110611^11611 Schnörkeleien und Buchstabenversetzungen, gebunden wird — was bleibt da von dem Begriff eines einzigen, allmächtigen und allweisen, unkörperlichen Gottes, wie ihn das Judenthum lehrt, übrig, und worin unterschiede sich dieses Götterreich, wo der Rebbe dem Herrgott mindestens gleichstehl, von dem Götterreiche des hellenischen Olymps oder des ägyptischen Jsistempels? Wir brauchen wahrlich nicht erst zu beweisen, daß dieser ganze Chassidismus schnurstracks der heil. Schrift und jedem ihrer Worte widerspricht, daß vielmehr nach dem mosaischen Gesetze jeder dieser zauberkundigen Rebbes die Todesstrafe erleiden müßte*), oder doch die ganze Sippschaft der Rebbes, wie *) S. unser Bibelw. Bd. I, S. 434: „Keine Art von Zauberei soll getrieben werden (3 M. 19, 26), da sie Aberglaube, Gräuel des Ewigen ist (5 M. 18, 10— 12)/ und eben so wenig soll man seine Zuflucht zu Solchen nehmen, die sie betreiben / und sich dadurch verunreinigen (3 M.'19, 31.). Wer seine Zuflucht zu ihnen nimmt, wird (durch Gott) ausgerottet werden (3 M. 20, 6.), und wer, Mann oder Weib, unter den Israeliten sie selbst betreibt, soll getödtet, nämlich gesteinigt werden, Blutschuld haftet an ihnen." (3 M. 20, 27.; 2 M. 22, 17.; Sanhedr. 65, 1. ff.; Ramb. M. T. Hilch. ui'by Yl, 1. 2.) * zu König Sauls Zeiten, aus dem Lande getrieben werden sollte. Daß unter den Auspicien solcher Lehren und Begriffe die göttliche Vorsehung und Vergeltung zu Zerrbildern entstellt, das Vertrauen auf Gott durch das Vertrauen auf den Rebbe und seine Zaubermacht ersetzt, und schließlich das ganze israelitische Religionssystem in sein pures Gegentheil gewandelt wird, brauchen wir nicht weitläufig auseinanderzusetzen. Es giebt daher keine ärgere Karrikirung der talmudischen Methode, als wenn der Chassidismus seine ketzerischen Lehren durch die groteskesten und' unsinnigsten Rem es an die heil. Schrift' anknüpfen will. Hierzu kommt aber nun, daß-der Chassidismus nicht einmal in die Gattung des ,frommen- Betruges" gebracht werden kann, vielmehr der schnödesten und gemeinsten Herrsch- und Habgier fröhnt. Daß 'der in einen weißen Talar gehüllte Rebbe, wenn er - aus seinem Zimmer heraustritt, die abgöttische Verehrung der Menge in Anspruch nimmt und ihre Blicke voll Staunens und Bewunderns auf sich gerichtet sehen will; daß er, wenn er bei Tische, nachdem der Branntweinbecher genügend eirculirte, das unsinnigste Zeug schwatzt und dies von den Zuhörern als eine göttliche Offenbarung angenommen wird; daß der Rebbe den unbedingtesten Gehorsam seiner blinden Herde verlangt und erhält, das ist nur die eine Seite. Die andere und noch bedeutender ins Gewicht fallende ist, daß alle Fürbitten, Segnungen, Talismane und Zaubereien des Rebbes mit schwerem Gelde ausgewogen werden müssen, daß Niemand „leer vor seinem Angesichte" erscheinen darf, daß je größer die Gabe, desto nachhaltiger das Wunder, so daß das wirksamste Verfahren ist, wenn man dem Rebbe eine bedeutende Masse kostbarster Münzen in die Hand legt, die er nun in wunderliche Figuren auf dem Tische zurechtlegt und eine Zeit lcn'ig in ihrer Lage zu einander verändert, bis ihm der wunderthätige Segen' gelungen sei. So irreligiös die Lehren, so unsittlich ist also auch ihre Verwirklichung. Allerdings spiegeln sich hier die gesellschaftlichen Verhältnisse wieder, in welchen sich die Juden unter den 'slawischen Völkern befinden. Wo das Volk einmal gewöhnt ist, von den Beamten des Staates Alles nach Maßgabe der Spenden zu erlangen, die sie jenen darbriiigen, wie sollte ihm der Gedanke fern liegen, daß auch von den Beamten Gottes nur auf diesem Wege Etwas zu erreichen sei? Wir, die wir unter anderen, ja entgegengesetzten Verhältnissen groß geworden sindkönnen es nicht begreifen, wie naiv das Volk,' bas daran von Kindes-