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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1862-01-14 · Heft 3 (14.1.1862) · p. Seite 29

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
26 (1862)
Issue
Heft 3 (14.1.1862)
Date
1862-01-14
Page
Seite 29 (sequence 5)
Language
German
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SS so wesentlichen Theil jedes öffentlichen Gottesdienstes in unserer Zeit.ausmacht. Kann nun von einer Predigt verlangt werden, daß sich alle Glieder, der Gemeinde in allen darin ausgesprochenen Lehren und Gedanken mit ihr in Uebereinstimmung finden? Wenn nur eine Religionslehre einen Inhalt besitzt, mit welchem die Bekenner derselben im Einverständniß sind, und jene darum auf diese religiös sittlich einzuwirken vermag, so können einzelne Formen an ihrer concreten Erscheinung, die weniger zusagen, die Glaubenstreue nicht erschüttern. Dies erweisen denn auch die Bekenner des Judenthums alle Tage. Daß es in anderen Religionen noch ganz andere Momente giebt, welche den Zwiespalt zwischen dem Bewußtsein und der Kirche Hervorbringen, brauchten wir nicht erst nachzuweisen; im Augenblicke fällt uns gerade eine Stelle von Goethe in die Hände, die wir denn doch anführen wollen. Er sagt: „In der Folge trat jedoch bei mir das Nebel hervor, welches aus; unserer durch mancherlei Dogmen complicirten, auf Bibelsprüche, die mehrere Auslegungen, zulassen, gegründeten Religion bedenklichen Menschen dergestalt-anfällt, daß; es hypochondrische Zustände nach sich zieht, und diese bis zu ihrem höchsten Gipfel zu fixen Ideen steigert. Ich habe mehrere Menschen gekannt, die bei einer ganz verständigen Sinnes- und Lebensweise sich von dem Gedanken an die Sünde wider den heiligen Geist und von der Angst, solche begangen zu haben, nicht losmachen konnten. Ein gleiches Unheil drohte mir in der Materie von dem Abendmahl. Es hatte nämlich schon sehr früh der Spruch, daß Einer, der das Sakrament unwürdig genieße, sich selbst das Gericht esse und trinke, einen Ungeheuern Eindruck auf mich gemacht" u. s. f. Er fährt fort: „Dieser düstere Scrupel quälte mich dergestalt, und die Auskunft, die man mir als hinreichend vorstellen wollte, schien mir so kahl und schwach, daß jenes Schreckbild nur an furchtbarem Ansehen dadurch gewann und ich mich, sobald ich Leipzig erreicht hatte, von der kirchlichen: Verbindung ganz und gar loszuwinden suchte." (Dichtung und Wahrheit, Th. H, S. 96 [1840].) Auch folgendes Wort von Goethe mag Herr 81. 81. berücksichtigen : „Dev protestantische Gottesdienst hat zu wenig Fülle und Consequenz, als daß er die Gemeine Zusammenhalten könnte; daher geschieht es leicht, daß Glieder sich von: ihr absondern und entweder kleine Gemeinen bilden,' oder, ohne kirchlichen Zusammenhang, neben ein- - ander geruhig ihr bürgerliches: Wesen treiben. So klagte man schon vor geraumer Zeit, die Kirchengänger: vermindern sich von Jahr zu Jahr und in eben dem Verhältniß die Personen, welche den Genuß des Nachtmahls verlangten." (Das.' S. 90.) Dies mag sich Herr 81. M. gesagt sein lassen, und lieber auf den Cultus seiner gegenwärtigen Glaubensgenossen zu wirken suchen — wir Juden werden schon unfern Weg selbst zu finden wissen. Sollen wir aber zum Schluffe offen und vorurtheilslos den Eindruck bezeichnen, den der Aufsatz des Herrn 81. 81. auf uns gemacht, so kam es uns vor, als ob er doch einige Gewiffensscrupel zu empfinden begonnen hat und diese dadurch in sich zu beseitigen sucht, daß er an . den Bestrebungen der Juden einige Makel aufzufinden strebt, wobei es ihm denn, wie wir im Obigen nachgewiesen, auf einige Täuschungen und Kniffe nicht ankömmt. Dies Letztere ist immer ein. Anzeichen des unruhig werdenden Gewissens, in welches noch nicht das volle Licht hereingebrochen. Zerstreute Bemerkungen. Goethe sagt in „Dichtung und Wahrheit" Th. II. S. 9 (Ausg^ 1840): „Wie das Erhabene von Dämmerung und Nacht, wo sich die Gestalten vereinigen, gar leicht erzeugt wird, so wird es dagegen vom Tage verscheucht, der Alles sondert und trennt, und so muß es auch durch jede wachsende Bildung vernichtet werden, wenn es nicht glücklich genug ist, sich zu dem; Schönen zu flüchten und sich innig mit ihm zu vereinigen, wodurch denn Beide gleich unsterblich und unverwüstlich sind." —. Die Wahrheit dieser Bemerkung wird jeder in solchen Dingen Erfahrene bestätigen. Sie findet eine specielle Anwendung auf den Gebrauch der hebräischen Sprache in unserm Gottesdienste. Der Charakter des Erhabenen kann dieser Sprache sowohl ihren Tönen und ihrer Satzbildung nach, als auch dem Nimbus der Ehrwürdigkeit und Heiligkeit gemäß gewiß nicht abgesprochen werden, und diesen Eindruck verfehlt sie, wenn.richtig und angemessen vorgetragen,. niemals; ich habe ihn selbst bei sehr gebildeten Christen beobachtet, die davon ganz erbaut waren. Wenn aber die moderne Bildung doch immer' mehr auf die durch, die Muttersprache vermittelte Verständlichkeit bei Gebet und Gottesdienst dringt, wenn überhaupt das Gefühl des Erhabenen nach. den obigen Worten Goethes Seltener.,im.Herzen der gebildeten Menschen äufsteigt, so sind, wir um so. wehr, darauf verwiesen, den Gottesdienst schön zu gestalten, zu ver-

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