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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1862-01-14 · Heft 3 (14.1.1862) · p. Seite 27

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
26 (1862)
Issue
Heft 3 (14.1.1862)
Date
1862-01-14
Page
Seite 27 (sequence 3)
Language
German
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2t Juda, dem Sohne Israels, hat, dessen Vaterland das Land der Offenbarung ist, und das seinen großen Inhalt, ohne sich selbst aufzugeben, seinen Inhalt, in welchem der Glaube nicht die Vernunft, und die Vernunft nicht das Herz verläugnet, sondern diese drei großen Factoren des Menfchengeistes sich in Uebereinstimmung befinden, der ganzen, ihm zurufenden Menschheit übergeben will. Wenn also Herr M. M. daraus, daß unsere Sabbathe und Feste die geschichtlichen Beziehungen auch in dem reformirten jüdischen Cultus nicht verloren haben, den Schluß ziehet, daß dieser Cultus dem Bewußtsein der „gebildeten Juden" nicht entspreche, so weilt er eben in einem vollständigen Jrrthum, deun eine Reform, welche diese geschichtlichen Beziehungen verläugnen würde, widerspräche dem Bewußtsein der „gebildeten Juden" vollständig — sie könnte vielleicht.einigen sogenannten „Gebildeten", aber nur nicht den „gebildeten Juden" entsprechen." Denn diese geschichtlichen, selbst nationalen Beziehungen sind zwar unsere Religion nicht an sich, gehören aber ihr an und gehören untrennbar uns an. Daß also Herr M. bl. sich überhaupt das Eitat aus der anerkannter Weise unbedeutenden Brochüre Geiger's, noch mehr aber den falschen Gebrauch derselben hätte ersparen können, ist er- : sichtlich. Man wird einwenden, daß Herr M. M. zufällig nur die gegen Herrn M. M —aaß gerichtete Brochüre Geiger's gekannt habe. Aber dies ist nicht so. Er hat die obige, irrige Ansicht Geiger's in anderen jüdischen Werken nicht wiedergefunden er kannte z. B. unsere „Vorlesungen über die Entwickelung der religiösen Idee im Judenthum, Christenthum und Islam", denn er citirt sie in seinem Aussatz — aber er wollte ja beweisen, daß wir Juden Llos Kosmopoliten sein wollen, und dazu konnte ihm allein jene Phrase Geiger's dienen. Hiermit wären wir nun auch überhoben, Herrn M. M. in seiner Ausführung über die jüdischen Feste zu folgen, in welcher er aus unserem „Kleinen Katechismus der israelitischen Religion", aus Herxheimer's „Jsraelitischer Glaubens- und Pflichtenlehre" und aus Geiger's Abhandlung „Nothwendigkeit und Maaß einer Reform des jüdischen Gottesdienstes" erweisen will, daß denselben noch immer die geschichtlichen und nationalen Beziehungen innewohnen., Es läugnet dies Niemand und will dies Niemand anders haben. Auszunehmen sind nur das Rosch haschanah und Jom kippur, bei denen M. M. die Llos allgemein-menschliche Bedeutung nicht in Abrede stellt. Unsere Feste im Speciellen gleichen unserer Religion im "Allgemeinen: sie enthalten die höchsten allgemeinen Wahrheiten und Gedanken, getragen von einer großen Geschichte. Daß selbst diese Geschichte von unendlicher Wichtigkeit für die ganze Menschheit ist, muß Herr M. M., wenn er sie nicht zu würdigen verstand, als er der Religion seiner Vater noch angehörte, doch in der neuen Religion, die er angenommen hat, würdigen lernen, da diese selbst den geringsten Dorfkindern aufgiebt, von dem Auszuge aus Aegypten, von der Verkündigung auf Sinai, von den Zügen in der Wüste eher zu wissen und sie zu feiern, als von der Geschichte ihres eigenen Volkes, so daß sie Abraham, Moses und das Volk Israel besser kennen, als Herrmann den Cherusker, Karl den Großen und Friedrich den Rothbart; und wenn Herr M. M. Türke geworden wäre, hätte er auch in seinem Koran Ausführliches darüber lesen müssen. Wie sollen also wir dazu kommen, diese Geschichte zu verläugnen, aus unserem Gedächtniß und unserem Herzen zu streichen? Und wie? hat denn nicht auch die christliche Kirche die Nothwendigkeit gefühlt, dieselben Ruhe- und Festtage aus dem Judenthume zu entnehmen? Was ist denn der Sonntag, wenn nicht der Sabbath? was ist denn Ostern, wenn nicht das Peßach? Was ist denn das Pfingsten, wenn nicht das Schabuoth? *) Und wenn die christliche Kirche, wie sie , den Sabbath auf den Sonntag verlegte, um sich von den Juden zu unterscheiden, dem Peßach und dem Schabuoth, indem sie sie beibehielt, eine andere Bedeutung unterlegte, erwies sie dadurch nicht erst recht ihre Abhängigkeit vom Judenthume? Und glaubt Herr bl. M. wirklich, daß die Auferstehung an Ostern und die Ausgießung des heiligen Geistes an Pfingsten dem Bewußtsein der „gebildeten Christen" mehr entspräche, als der Gedanke der Freiheit an Peßach und der Verkündigung der zehn Gebote, an Schabuoth dem Bewußtsein der „gebildeten Suben"?... Es gab eine Zeit im Judenthume, wo man bei den Festen allein an die geschichtlichen Beziehungen dachte aber man wird es unserer Zeit nicht verdenken, wenn wir die allgemeinen Gedanken, welche diese Feste enthalten, hervorheben, ohne jedoch die geschichtlichen Erinnerungen beseitigen zu wollen. Daß wir dieses nicht wollen, daß -selbst Geiger dies nicht will, beweist Herr bl. M.' selbst ausführlich, und schlägt sich damit gerade selbst. Denn wenn er von Geiger erfahren will, wie er es thut, was das Bewußtsein der gebildeten Israeliten fei, so mußte er von diesem hören: die allgemeinen Wahrheiten unserer *) Ist ja Pfingsten nichts Anderes als das verstümmelte TiEpTEicoGvyj, b. t. bßu fünfzigste Tag nach Ostern, also ganz nach jüdischer Weife. 8*

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