Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 26 (1862)
- Issue
- Heft 3 (14.1.1862)
- Date
- 1862-01-14
- Page
- Seite 26 (sequence 2)
- Language
- German
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hörten ein Volk zu sein. Nationalität beruht auf Abstammung (nalio, nasti), unb da sie noch jetzt ihre Abstammung bewahren, kann nian ihnen längst das Molksthum, ab<H Äö Mtionalität noch heute nicht absprechen. Möge man doch endlich in dieser Sache klar und vorurtheilslos Vorgehen, nicht mehr in Anspruch nehmen, alswozu man berechtigt ist und der Wahrheit die Steuer geben. Nicht minder fraglich ist die Identität der Religion und des Kosmopolitismus. Die Religion der ägyptischen Priester und der indischen Braminen war so wenig kosmopolitisch, wie die Äsen der alten Deutschen. Allgemein menschliche Fragen werden allerdings in jeder Religion beantwortet, aber das entscheidende und charakteristische Moment ist, wie sie beantwortet werden, und da kann eine Religion sehr national, ja selbst sehr volksthümlich werden. Darum also das Judenthum für kosmopolitisch erklären, weil es Religion ist, scheint ein sehr gewagter Schluß. Herr M. M. erklärt es selbst für unklar und ungrammatikalisch, und dennoch — Laut er seine ganze Argumentation darauf. Wir sägten aber, daß auch inhaltlich der Ausspruch Geiger's unrichtig sei. Denn: die Religion Israels char zu keiner Zeit nicht kosmopolitisch, aber auch zu keiner Zeit, und selbst heute noch nicht, nicht national. Als Moses den einzigen Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erde, als das ewige, unveränderliche, unendliche, darum auch unkörperliche Wesen proclamirte, als den Richter der ganzen Erde, als die Vorsehung und Vergeltung in Gerechtigkeit und Barmherzigkeit,^' als er die Gottebenbildlichkeit des menschlichen Geistes lehrte, alle Menschen von einem Paare ableitete, die Nächstenliebe gegen alle Menschen, seien sie „Eingeborene", seien sie „Fremde", zum höchsten Gebot erhob, die Gleichberechtigung Aller vor dem Gesetze als das Grundgesetz der menschlichen Gesellschaft verkündete — da war der von ihm gelehrten Religion auf ewige Zeiten der allgemein-menschliche Inhalt gegeben, das allgemeinmenschliche Ziel ausgestellt. Darum aber prägte er doch dieser Religion in ihrer concreten Erscheinung den Charakter der Nationalität auf) . er richtete seine Lehren an das Volk Israel; er gestattete Jedwedem den Eintritt in die „Gemeinde des Ewigen", aber er verpflichtete zu ihr dennoch aflein die Abkömmlinge Israels; in der Durcharbeitung des Gesetzes wurde vielfach auf die Eigenthümlichkeit, Lage und historischen Verhältnisse des israelitischen Volkes Rücksicht genommen; Lohnverheißung und Strafandrohung wären auf dasselbe gelegt. Wenn nun schon bei den Propheten unzweifelhaft die ,Tendenz hervortritt, daß der allge¬ 26 . . mein-menschllche Inhalt der Lehre und des Gesetzes dereinst auf alle Völker, auf die ganze Menschheit übergehen, diese, zur Anbetung des., einzigen Gottes, zur allgemeinen Herrschaft der Liebe, des- Rechtes, des Friedens gelangen werde, so herrschte doch immer und consequent die Ansicht vor, daß die Israeliten die Religion der Wahrheit und des Rechts tragen und bewahren sollten, bis in der allmähligen Entwickelung und Heranreifung alle Menschengeschlechter nach und nach zuerst thejlweise, dann im -- mehr und mehr jene annehmen würden. Und hierin und in nichts Anderem liegt der Beruf der Israeliten. Sie sollen in allen ihren Individuen den einzigen Gott und seine Lehre aufrichtig bekennen und diese in ihrem Lebenswandel aufrichtig bethätigen; sie sollen aber in ihrer Gesammtheit das Gefäß sein, in welchem die Totalität der Gotteslehre erhalten werde, bis zu dem Tage, wo „wie der Ewige einzig, so auch sein Name einzig sein wird auf der ganzen Erde." Ein solches Gefäß kann Israel nicht sein und bleiben, ohne immerfort einen gewiffen nationalen Charakter zu behalten, der nicht im Geringsten im Widerspruche mit der bürgerlichen und volksthümlichen Eingliederung in die Staaten und Völker steht. Diese Erkenntniß hat denn auch die jüdische Welt während der letzten Jahrzehende durchdrungen; die Zeit ist vorüber, wo, wie bei David Friedländer und Genossen, das Judenthum als ein Paar allgemeiner Sätze gefaßt, seines ganzen geschichtlichen Bodens beraubt und zu einem kosmopolitischen Schwächling gemacht wurde, von dem auch dev entschiedenste Kosmopolit keinen Nutzen ziehen konnte. Der Inhalt der israelitischen Religion und der Beruf der Israeliten bedürfen des geschichtlichen Bewußtseins und sind ohne dieses gar nicht faßbar. Die jüdische Cultusreform, so sehr sie auf den kosmopolitischen Inhalt der Religion einen hohen Accent legt, wird daher niemals der geschichtlichen Beziehungen entrathen, niemals das Verhältniß zu der diese Religion tragenden, bezeugenden und wahrenden Nationalität von sich weisen, beseitigen können und wollen. Wo sie dies wollte, hörte sie auf jüdisch zu sein, und wäre nur eine Section der freien Gemeinde, Deutschkatholiken u. s. w. Hiermit fällt die ganze Schlußfolgerung des Herrn M. M. zusammen. Nein, wir Juden wollen keine in der Luft hängende Kosmopoliten sein, deren religiös-sittliche Ueberzeugung von Tag zu Tage nur lebt, unser Kosmopolitismus soll Fleisch und Blut haben, wir sollen ihn fragen können: wer bist du? wie heißt du? was ist dein Vaterland? was willst du? Das Judenthum ist es, ba£ seinen Namen von