Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 26 (1862)
- Issue
- Heft 2 (7.1.1862)
- Date
- 1862-01-07
- Page
- Seite 14 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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14 kung zu befreien den ersten Schritt gethan. Es versteht sich von selbst, daß dies nicht nur eine Wohlthat für die Juden, sondern ebenso für die russische Armee und ganz Rußland ist — denn jedes Stückchen Knechtschaft weniger, noch dazu wo diese so ganz zweckwidrig ist, bedeutet zugleich eine Befreiung und Erhebung des ganzen gesellschaftlichen Geistes. — Dies sind Thatsachen aus einer Woche genug — möchte das neue bürgerliche Jahr uns recht viele solcher Referate möglich machen. Zerstreute Demerkungen. Wir finden im 2ten Theil der Tagebücher von Varnhagen van Ense folgende schöne Bemerkung, nachdem er Jean Jacques Rouffeau, Friedrich den Großen und Goethe von dem ihnen oft gemachten Vorwurfe des Egoismus freigesprochen: „Ueberhaupt gehört der Vorwurf des Egoismus zu den bequemen, leichten Waffen, welche die Gewöhnlichkeit immerfort gegen das Ausgezeichnete schwingt. Nur geringere Menschen, nur talentlose oder auch ganz gemeine habe ich egoistisch gefunden, die ursprünglichen genialen höchst selten. Ich könnte eine ganz andere Musterkarte von Egoisten aufstellen! Sie sind immer auch heuchlerisch, accommodant, prahlerisch, wollen vor Allem den guten Anschein, und trösten sich mit ihm über alles Unheil der Welt, das ihnen auch völlig gleichgültig ist, in so fern es sie nicht unmittelbar bedrückt." (Diese Bemerkung des vielerfahrenen Mannes empfehlen wir auch allen Denen, welche jedem höheren Streben, jedem hcrvortretenden Gedanken das Motiv des Eigennutzes unterschieben, weil ihre eigene kleinliche Seele eine dauernde Anstrengung ohne eine solche Triebfeder gar nicht begreift! Die Redact.) Auch Folgendes heben wir aus demselben Buche hervor. Varnhagen spricht von der Ilias, und läßt sich dann über den „historischen Werth" der aus früheren Zeiten überkommenen großen Schriftwerke aus. „Hier zeigt sich recht klar, wie ein solcher Werth nicht blos von innen herauswächst, sondern auch von außen anwächst, was ganze Nationen und so viele Geschlechtfolgen dabei gedacht und gefühlt,. das Leben, welches sie dem Buche zugetragen, kann nie mehr davon getrennt werden, das haftet für immer an ihm, und weil dieses so viel Hervorrufen und tragen konnte, so ist es auch in Wahrheit dessen werth. Dies gilt von Homer und von der Bibel und von Allem, was die Lust und Leidenschaft, der Trost und das Heil der Menschen je hät werden können. Die Bibel kann auch dem Ungläubigen nie mehr ein gewöhnliches Buch werden, und auch Herkules kein gemeiner Krieger, so, wenig wie Heinrich der Vierte und Friedrich der Große je wieder den Glanz verlieren können, der sie umgiebt. Dergleichen Werth und Bedeutung wird durch Geschichte erhöht, und so sagten die Alten mit Recht, daß die Helden nach dem Tode immerfort wüchsen." — Daß von diesem Standpunkte aus der Werth der Bibel ein unermeßlicher, alle anderen vorhandenen Schriftwerke weit überragender ist, brauchen wir nicht erst hervorzuheben. Eine der schwierigsten Aufgaben des Predigers ist, in rechter Weise populär zu sprechen. Unter populär verstehen wir die Anlegung und Form der Rede nach Berhältniß der jedesmaligen Zuhörerschaft in ihrer Gesammtheit, also nach dem Maße ihrer Befähigung zum Verständniß derselben. In rechter Weise sagen wir, denn die Predigt soll immer noch genug enthalten, was die Zuhörer über sich selbst erhebt, und sie zum Besseren und Schwierigeren erzieht. In der Regel durchweht die Predigt ein Pathos, der es dem Redner fast unmöglich macht, dem gewöhnlichen Zuhörer ganz verständlich zu sein) und nicht minder faßt der Redner mehr die höher Gebildeten ins Auge, als die große Masse, um die Gunst Jener mehr sich anstrengend, als um die Befriedigung Dieser. Wir brauchen kaum die Unrichtigkeit dieser Gesichtspunkte zu erweisen. Nichts ist dem Lächerlichen näher als das Erhabene, wenn es zwecklos ist, und ein überflüssiger Pathos, der für die anwesende Menge ganz nutzlos ist, erregt leicht das Gegentheil von Dem, was er beabsichtigt. Man sagt, der Redner müsse das Publikum zu sich Heraufziehen. Sehr richtig; es geschieht dies aber nicht, indem der Redner sich auf eine Höhe stellt, zu welcher dem größeren Theile der Zuhörer die Leiter fehlt, sondern indem er sich zu dem Niveau der Masse herabläßt und sie stufenweise in die Höhe zu bringen sucht. Wir gestehen, daß eine solche richtig populäre Sprache viel schwieriger als alle pathetische und philosophische Redeweise ist, ebenso wie ein wahrhaft gutes und tüchtiges Volksbuch schwieriger als hundert gelehrte Abhandlungen ist. Ein Freund, schreibt uns: „Wir Juden haben nun vielleicht hinlänglich mit dem großen Ernst unserer Vergangenheit uns abgefunden; ich glaube, wir seien nunmehr berechtigt, mit festem Blick auf eine fteundliche Zu-