Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1862-01-01 · Heft 1 (1.1.1862) · p. Seite 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
26 (1862)
Issue
Heft 1 (1.1.1862)
Date
1862-01-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3226310-3226312--19991-3249032
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

5 Pariser Briefe. IX. Eine mitternächtliche Reise. Versprechen und Halten ist Zweierlei, das ist allbekannt. Während das Erste leicht ist, ist das Andere schwer; wird das Zweite» als Pflicht angesehen, so muß man das Erste als Eitelkeit ausgeben; Beides zusammen in Wirksamkeit ist genial. Und welches Erdcnkind strebt nicht genial zu sein? Da ich nun auch in Arkadien geboren bin, und somit der Erde angehöre, so kann ein solches Verlangen auch bei mir nicht ausblciben. Versprochen habe ich nun, über Munks Werke zu sprechen, nun kommt das Halten: ach, so genial bin nicht! Ich muß daher zu einem außerordentlichen Wege meine Zuflucht nehmen. — Ich erinnere mich aus meiner Kindheit, wo ich noch in dem lieben Cheder war, und ich mein geringes hebräisches Wissen aus der Gcinara erbeuten grüßte, eine Stelle gelernt zu haben, wo es heißt: daß es einen Moment als 24 Stunden gicbt, wo der Himmel sich öffnet, und wo dem Menschen Alles in Erfüllung geht, was er wünscht« Es ist mir gelungen, diesen Moment glücklich zu erpassen, und ich wünschte mir, in den Himmel geführt zu werden; so denke ich, werde ich mit Gabirol, Maimonides und Andern, von denen ich eine Meinung über die Veröffentlichung ihrer Werke hören will, zusammenkommen. Denn nach der Idee des Makro- und Mikro-Kosmos muß es doch von Allem, was hier auf Erden sich befindet, auch im Himmel Aehnliches geben. Also alle Bücher, die hier erscheinen, müssen sich auch oben befinden; ob die Linzer Predigt schon da ist, werde ich genau berichten, denn ich bin nicht parteiisch. — Ich glaube, es wird dem geehrten Leser nicht uninteressant sein, wenn ich mit meiner Reisebeschreibung anfange, wovon ich zwar nicht viel zu sagen haben werde. Es ist doch nichts Gewöhnliches, von den höher» Sphären etwas zu hören, und ich glaube, daß seit Swedenborg noch Keiner diese Fahrt angetretcn hat. — Als nun der theure Augenblick da war, wo ich die Himmel offen vor mir sah, sprach ich meinen Wunsch aus, und sogleich hörte ich eine Stimme sagen: ,,cs sei Dir gestattet, was Du begehrtest, um Mitternacht wirst Du die Reise antreten, jedoch vor Allem gehorche, was Dein Führer Dir befehlen wird." Ich will hier nicht enthüllen, um welche Zeit dieser schöne Moment eintraf, da dies mein Geheimniß bleiben soll, und übrigens würde es auch uichts nützen, da die Augenblicke jeden Tag zu einer andern Zeit eintreffen. Womit sollte ich mich zu dieser Reise vorbereiten? ich dachte nur an den dreifachen Faden: Feder, Tinte und Papier, um meinen neugierigen Freunden Alles mittheilen zu können. Aber^ dachte ich, wenn es dort Sitte oder Unfitte wäre, wie in der vaticanischen Bibliothek in Rom, wo man nichts copiren darf; wozu würde mir mein Schreibezeug nützen? Besser, ich lasse es, und wenn es mir gestattet sein wird, Mittheilungen zu machen, so werde ich doch Alles da finden; überhaupt, da ich mich erinnern konnte, eben aus meiner Kindheit, wo meine Mutter mir sagte, daß meine Hand jeden Abend nach dem Himmel geht, um meine Sünden aufzunehmen; so muß doch nothwendiger Weise Alles da sein. — Eines beschäftigte noch meine Gedanken: warum gerade um Mitternacht die Reise antreten? Ich dachte bei mir selbst: sollten wirklich die Märchen, die uns die Amme vorerzählte, wahr sein, daß um Mitternacht die Geisterstunde wäre, und ich also nur in dieser geistreich werden kann?! Während ich nun so hin und her philosophirte, dachte ich an die Uhr nicht mehr, und auf einmal fühlte ich eine Hand auf meiner Schulter, ich fühlte, sage ich, denn ich sah nichts; eine Stimme bloß hörte ich: „In einer Viertelstunde gehen wir!" Bei diesen Worten verlor ich meine gewöhnliche Natur und ich fühlte mich in einem wachenden Schlafe, vielleicht somnambul. Sollte denn wirklich etwas daran sein, und sollte dies in der Bibel mit vi^>n v^in beim falschen Propheten gemeint sein? Doch lassen wir uns auf Gelehrsamkeiten nicht ein. — Meine Viertelstunde benutzte ich, meinen Führer um die Ursache, warum gerade um Mitternacht, zu befragen. Er sagte mir, „daß um diese Zeit viele Geheimnisse aufgedeckt werden, weswegen auch diese Weltgegend 'zivL sdie geheimnißvolle) heiße; um Mitternacht wurden die Erstgeborenen Aegyptens angegriffen, weil Pharao Israel nicht seinen Weg ziehen lassen wollte; nun kannst Du 'auch durch diese Reise einige Neuorthodore, die sich die Erstgeborenen der Religion nennen, und deren Meister ebenfalls Israel nicht den rechten Weg führen wollen, züchtigen; um Mitternacht begann die Harfe Davids die lieblichen Klänge und heiligen Gesänge der Psalmen anzuftimmen; dies kannst Du nun wieder auf Deiner Reise um diese Zeit lernen, Diejenigen, die für Israel geleistet, mit Deinen, wenn Du auch vorgiebst, eine gelähmte Feder zu haben, Artikeln zu loben." Das ist das Geheimniß der Mitternacht; ob nun die Mitte des Tages diesen Einfluß hat, glaube ich nicht, doch die Mitte der Woche hat . etwas davon, da die Journale, die in der Mitte der Woche er-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.