Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 26 (1862)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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4 fielt zu erweisen, daß die Juden nunmehr civilisirt seien und sich nicht mehr als Söhne des fernen Orients betrachteten; es sei das Neformverlangen nur aus dem Emancipationsverlangen erfloffen, und nachdem nun dies befriedigt sei, und der Reiz der Neuheit geschwunden, verliere sich auch die Theilnahme an dem neugestalteten Gottesdienste.. Diese eine Behauptung schon hatte uns fast veranlaßt, den Artikel einer Erwiderung nicht zu würdigen, da, wer solche fade und unwahre Aussprüche in die Welt schickt, eine Beachtung "eigentlich nicht verdient. Wir kennen die Tendenz der„Protestantischen Kirchenzeitung" nicht, da uns die quästionirte Nummer nur zugesandt worden; der erste Blick lehrt, daß sie weder Hengstenberg's Gläubigkeit, noch Uhlich's Freigemeindlichkeit angehört, also nur zwischen den Phantasien Schleiermachers und der Nüchternheit Marheinekes und Bretschneiders zu wählen hat. Aber - mag die christliche Kirche in hundert Seelen zerfallen, darin stimmen sie alle überein, daß sie die Juden gern fangen wollen, und dies ist so ansteckend, daß die getauften Juden alsbald von dieser Sucht ergriffen werden. Denn daß der Herr M. M. ein getaufter Jude sei, geht aus dem ganzen Artikel hervor. Aber gemach, mein Herr M. M., mit solchen Unwahrheiten lassen sich ihre ehemaligen Glaubensgenossen nicht bestricken! Wer hat es wohl klarer, mit lausend Opfern deutlicher erwiesen, als die Juden, daß sie um alle Rechte und Freiheiten der Welt willen nichts von ihrer Religion aufgeben, und nicht die kleinste Ceremonie aus solchem Motive fallen lassen. Selbst die reformsüchtigsten Juden erhoben sich stets wie ein Mann, wenn man ihnen um solchen Preis die Gleichstellung anbot, wenn man die letztere mit dem Zollstock der Ceremonialreform zumeffen wollte. Das überließen sie „Männern der Wissenschaft", Juristen, Literaten, Professoren, ihre Religion aufzugeben, um Carriere zu machen. Wir konnten aus vielen Actenstücken erweisen, daß es der heiligste Eifer und Drang war, der die Väter der jüdischen Cultusreform beseelte, und selbst den Kampf mit den eigenen Glaubensbrüdern, den Kampf im Schoß der eigenen Familie nicht scheuen ließ, um dem religiöstalteten Gottesdienste Anhängen, dieser einen viel größeren Kostenaufwand erfordert, als der ehemalige Schlendrian. Und dies geschieht alles freiwillig. Wie lange der Bauer in vielen Gegenden, von den Städtebewohnern nicht zu reden, die Gaben an den Pfarrer leisten würde, wenn diesem nicht die staatliche Gewalt zur Seite stünde, lassen wir dahingestellt. sen Bedürfnisse in würdiger Weise genügen zu können. Warum, fragen wir, hat die protestantische wie katholische Kirche schon beim Beginn der jüdischen Cultusreformbestrebungen sich so feindlich erwiesen, daß sie in Preußen wie in anderen Ländern nicht blos Cabinetsordres dagegen aufbot, sondern auch die jüdischen Tempel durch Polizeigewalt schließen ließ? Die Befriedigung bloßer Eitelkeit konnte sie doch ruhig dulden, aber sie sah mehr darin; sie erkannte „die Befriedigung des religiösen Bewußtseins der gebildeten Israeliten" darin, die den Bruch der Letzteren mit dem in orthodoxer Starrheit verbleibendem Judenthume verhindern würde; sie glaubte, daß der christliche Rationalismus aus dem jüdischen Offenbarungstheismus, wenn er in geläuterten Formen aufträte, Nahrung und Kräftigung ziehen werde. Es sind jetzt fast fünfzig Jahre verstrichen, seitdem der Hamburger Tempel besteht, und das ist doch wohl ein hinlänglicher Beweis, daß er auf. dauerhaftere Säulen gebaut worden, als Eitelkeit? Er hat seitdem sich ein neues größeres und schöneres Gotteshaus gebaut, hat zwei neue Prediger angestellt — und doch versichert Herr M. M., daß, nachdem das Geschlecht der eitelen Gründer verstorben, und der Reiz der Neuheit geschwunden, die Juden ihre Reformversuche fallen ließen! Seitdem hat sich, wie wir schon oben bemerkt, die Cultusreform über alle Länder ausgebreitet, und das sollte kein Beweis ihrer inner» Motive sein? Aber, abgesehen von diesen factischen Gegenbeweisen, ist es doch wohl die seichteste Art, eine geschichtliche Erscheinung — geschichtlich natürlich nur im Kreise des Judeuthums — eine Erscheinung, die schon ein halbes Jahrhundert besteht, ihre Energie in hundert Kämpfen bewiesen hat, von ihren Anhängern bedeutende Opfer fordert, und an Ausdehnung immer fort wächst, als aus dem inhaltsleersten Motive entsprungen zu erklären? Was in der Menschheit wird und sich im Dasein behauptet, muß aus einer inneren Nothwendigkeit entspringen, muß dem tiefsten Bewußtsein entsprechen, namentlich, wenn ihm keine Pvlizeigewalt und keine Herrschergunst zu Gebote steht. Was Erzeugniß einer Laune oder loser Eitelkeit ist, währt einen Augenblick, und ist dann vorüber. Der Herr M. M. muß dies auch gefühlt haben. Daher giebt er sich auch den Anschein, als ob er auch innere Gründe für seine Behauptung habe, und diese wollen wir in der folgenden Nummer prüfen. Sie sind nicht weniger oberflächlich.